Peter Ahrens

EM-Auslosung Kein Lichtlein brennt

Früher waren Auslosungen kleine Feste der Vorfreude auf das große Fußballturnier. Heute ist die EM-Ziehung nur noch eine Technokraten-Nummer: Spannung gibt es wenig, der Heimvorteil verzerrt den Wettbewerb.
Das waren noch Zeiten: Auslosung zur WM 1994

Das waren noch Zeiten: Auslosung zur WM 1994

Foto: Mike Powell Getty Images

Der Bundestrainer zumindest ist frohen Mutes. "Mit der Auslosung bekommt das Turnier sein Gesicht, ich freue mich auf die Reise nach Bukarest", sagt Joachim Löw.

Bukarest im nasskalten Dezember ist als Reiseziel vermutlich der angemessene Ort für diese Veranstaltung.

Früher waren Auslosungen für große Turniere tatsächlich eine geradezu adventliche Veranstaltung, und nicht nur der Bundestrainer hatte sich damals daran ergötzt. Ein Abend der Vorfreude auf die kommende Festzeit. Wer wollte, fühlte sich mit den Loskugeln an Christbaumschmuck erinnert, es gab die Spannung, welches Überraschungsgeschenk für den DFB sich wohl diesmal darin verbergen würde, der Lichterglanz im Saal, Heidi Klum, Pelé, Hans Klok, der Illusionskünstler. Es war bunt, es war aufregend, es war ein bisschen wie Bescherung.

Bis alle Eventualitäten ausgeschlossen sind

Die Auslosung an diesem Samstagabend in der Bukarester Messehalle hat dagegen nichts Festliches mehr an sich, es ist ein kühler Verwaltungsakt der Fußball-Technokraten geworden, die Teams werden in der ganz eigenen Uefa-Arithmetik schon im Vorfeld hin und her geschoben, bis so gut wie alle Eventualitäten ausgeschlossen sind.

Über den Modus und seine Kompliziertheiten, über Playoff-Pfade und Algorithmen sind in den vergangenen Wochen schon genug Traktate geschrieben, ist genug geschimpft worden. Das gab es allerdings auch früher schon, dass gewisse Konstellationen gewisse Teams voneinander ausgeschlossen haben. Was es aber nicht gab: dass schon vor der Auslosung Gruppen zum Gutteil feststehen, wie es in der Gruppe B der Fall ist, wo Belgien, Russland und Dänemark in jedem Fall aufeinander treffen. Nervenzerfetzende Spannung herrscht natürlich noch über das verbleibende vierte Team: Wird es Wales oder doch Finnland? Hier spricht Edgar Wallace.

Was es auch noch nicht gab: dass einzelne Länder bei der Auslosung noch gar nicht wissen, ob ihre Mannschaften an dem Turnier teilnehmen werden oder nicht. Dass Monate später noch Spiele ausgetragen werden, in denen sich Teams über sinistre Nations-League-Playoffs für die Endrunde qualifizieren. Vielleicht ist Island dabei, vielleicht aber auch Ungarn oder doch Schottland oder Nordmazedonien. Wer weiß? Auch die Elf von Joachim Löw muss noch bis in den Frühling auf ihren dritten Gruppengegner warten. Es ist eine Farce.

Dickschiffe sollen Gruppenphase überstehen

Und was es auch noch nicht gab: Das Ausmaß der Wettbewerbsverzerrung während dieser merkwürdigen Zwölf-Länder-Reise-EM, die mehreren Favoriten in der Gruppenphase Heimspiele zuschustert und damit die anderen Teams in der Gruppe erheblich benachteiligt. Deutschland, England, Spanien, Italien, die Niederlande müssen sich schon sehr anstrengen, mit ihren Heimspielen im Rücken in der Vorrunde zu scheitern.

Der Heimvorteil hat dazu beigetragen, dass Deutschland 2006 ins Halbfinale vorgedrungen ist, er hat Frankreich 1984 und 1998 zu Titeln verholfen, er hat Russland im Vorjahr bis ins Viertelfinale gebracht, es ist ein Bonus, der bei einem Turnier nun einmal dazugehört. Ihn aber gleich auf mehrere ohnehin mitfavorisierte Teams zu verteilen, wird den Verlauf dieses Turniers beeinflussen. Außenseiter werden es noch schwerer haben. Die Fußballdickschiffe dagegen sollen möglichst komplett in die K.-o.-Runde einziehen. Das ist so gewollt von der Uefa.

"Es ist wunderbar, dass wir alle drei Gruppenspiele vor heimischem Publikum absolvieren dürfen", sagt Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff. Wunderbar für die deutschen Aussichten, weiterzukommen. Vier Jahre später dürfen sie es dann bei der Heim-EM schon wieder.

Ja, es stimmt, was Löw sagt: Mit der Auslosung bekommt das Turnier sein Gesicht. Es ist allerdings eine Grimasse.