EM-Spielort Marseille "Erst wurden sie in der Sonne rot, dann sahen sie rot"

Marseille hat sich gefreut auf diese EM: Drei Gruppenspiele, ein Halbfinale - die Stadt wollte sich in bestem Licht zeigen. Ausschreitungen englischer Fans trüben jetzt die Stimmung.

Aus Marseille berichtet


John Adams aus Stoke-on-Trent ist ein Gast, wie Marseille ihn sich erträumt hat. Der 37-Jährige ist mit vier Freunden angereist, um am Abend das Spiel der englischen Nationalmannschaft gegen Russland zu sehen. Sie wohnen in einem Hotel, verbringen ihre Tage mit ein bisschen Sightseeing, Shopping und in den unzähligen Cafés. Und sie sind nicht auf Streit aus. "Wir wollen Spaß haben, in der Sonne sitzen, Fußball gucken. Mehr nicht."

Doch nicht alle Besucher sind so wie John und seine Kumpel. Teils schwere Krawalle trüben die Vorfreude auf diese Euro in Marseille, schon bevor hier auch nur ein Pass gespielt wurde. Drei Gruppenspiele und ein Halbfinale richtet die Hafenstadt aus.

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EM-Spielort Marseille: Tränengas und fliegende Stühle

Marseille war stolz auf seine Gastgeberrolle, aber die Stadt hat ein anspruchsvolles Los gezogen, was seine Gäste angeht. England gegen Russland zum Auftakt, zwei Fanszenen, die für Randale der übleren Sorte gefürchtet sind.

Schon lange vor dem EM-Duell am Samstagabend (21 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE) waren Tausende Briten angereist und verteilten sich auf die Cafés, Restaurants und Kneipen rund um den Vieux Port, den Alten Hafen. Seit Tagen wird dort gesungen und getrunken. "Nette Gäste, gutes Geschäft", antworten die meisten Wirte, wenn man sie nach dem Benehmen der Kundschaft fragt. John, der Fan, sagt: "Klar trinken wir gern, aber auf Streit haben wir keine Lust."

Manch einer sah das anders. "Die englischen Fans wurden erst in der Sonne rot, dann sahen sie rot", schreibt die Nachrichtenseite "La Provence" über das, was sich dieser Tage rund um den Alten Hafen abspielt. Am Donnerstag bereits hatte es erste Ausschreitungen und Festnahmen gegeben, am Freitag eskalierte das Geschehen mehrmals.

"Fuck off Europe, we're all voting out"

Rund 800 Meter tief ins Landesinnere erstreckt sich das Hafenbecken, 300 Meter sind es von Ufer zu Ufer. Hier schaukeln vor idyllischer Kulisse Jachten und Ausflugsschiffe auf dem trägen Mittelmeer vor sich hin, ein paar Meter weiter, am Quai du Port, Quai des Belges und Quai de Rive Neuve, erkennt man nur an den verschiedenen Stühlen, wo ein Café aufhört und das nächste beginnt.

Am Freitag standen nach den Ereignissen des Vortags die Mannschaftswagen der französischen Polizei vor den Lokalen, dicht an dicht. Sie wusste schon, was passieren würde. Und tatsächlich kippte die zunächst ausgelassene Stimmung am Nachmittag.

Am Südufer des Hafens, dem Quai de Rive Neuve, war es besonders voll, mehr als tausend Engländer hatten sich auf die Pubs The Queen Victoria, O'Malleys und Shamrock verteilt, standen auf den Tischen und sangen. Zu fortgeschrittener Stunde neben Fußballklassikern auch "Fuck off Europe, we're all voting out" und "Sit down if you hate the French".

Tatsächlich kam es kaum zu Auseinandersetzungen zwischen russischen und englischen Fans. Vielmehr legten sich die Engländer mit einheimischen Jugendlichen an - und mit der Polizei. Immer wieder flogen Flaschen in Richtung der Polizei, auch Stühle und Tische sollen auf die Beamten geworfen worden sein. Die Polizei antwortete mit Tränengas.

Das Problem dabei: Es trifft oft auch die Falschen, auch friedliche englische Fans erlitten Reizungen durch das Gas, das am Abend und in der Nacht über die Kaimauern waberte. Mitunter besprühten Polizisten auch Fans, die zwar alkoholisiert und aufdringlich, aber nicht sonderlich aggressiv auftraten. "Die Polizei sorgt hier erst dafür, dass es überhaupt so weit kommt", beschwerten sich noch am Samstag englische Fans, die sich schon wieder rund um den Hafen auf das Spiel am Abend einstimmten. Getrunken wurde übrigens auch wieder. Das Wetter: strahlender Sonnenschein.



insgesamt 39 Beiträge
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blurps11 11.06.2016
1.
Ein paar Schmähgesänge dürfen schon sein, das hätten die Marseiller sicherlich auch sportlich gesehen. Die Engländer sollen aber nach dem Islamischen Staat gerufen haben und das ist dann weit jenseits aller Grenzen des Akzeptablen, selbst für Horden von Betrunkenen.
beegee 11.06.2016
2. Ab nach Hause...
Wer randaliert, sollte von der französischen Polizei nach dem Motto 'Schlagstock frei' eine Behandlung verpasst bekommen, dann ab für ein paar Stunden ausnüchtern und danach auf eigene Kosten ab nach England oder Russland - ganz gleich, ob diejenigen Tickets haben oder nicht! Die leeren Plätze mit friedlichen Fans ohne Karte auffüllen. Als Fußballfan kotzt diese Gewalt sowas von an!
eunegin 11.06.2016
3. Nicht neu für Mittelmeerurlauber...
Betrunkenen Engländern und Russen geht man besser aus dem Weg. Deutschen aber auch ;-)
hisch88 11.06.2016
4.
Marseille, ein Sammelbecken der Drogenhändler, Mafia, Mafia-organisierte Gewerkschaften, zusammenfassend gesagt eine "heterogene Ansammlung von Verbrecherclans" möchte sich bestem Licht zeigen. Wie schizophren :(. Ich freu mich immer, wenn ich da mit dem Auto rein darf und das letzte Mal in der Nähe der Hafenanlagen übernachten durfte.
imernst2015 11.06.2016
5. Engländer und Russen
Es ist eine Schande wie sich manche benehmen! Besoffen und grölend durch die Straßen erinnert an Pegida, es wird langsam Zeit das solch ein Verhalten hart bestraft wird. Da traut sich doch keiner mehr mit seiner Frau und Kind raus.
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