EM-Bilanz aus Fansicht "Angst vor Hooligans beim Brotkauf"

Mit einem alten Feuerwehrbus ist die deutsche Fanbotschaft bei der EM unterwegs. Michael Gabriel, Leiter der Fanbetreuung, spricht über Allesfahrer, Eventpublikum - und Klagenfurt, wo Bewohner aus Furcht vor angeblichen Rowdys in die Berge geflohen seien.


SPIEGEL ONLINE: Herr Gabriel, die deutsche Fanbetreuung hat inzwischen ihr viertes EM-Spiel absolviert. Fällt das Fazit ähnlich positiv wie das sportliche aus?

Gabriel: Auf jeden Fall. Vor zehn Jahren war es ja noch eine ganz umstrittene Frage, wie man Fußballfans begegnen soll. Heute hat sich das auf allen Ebenen gemäß unserer Grundprämisse geklärt. Man sieht Fans jetzt als Gäste, die entsprechend begrüßt werden. Dass auch an Leute gedacht wird, die vielleicht etwas weniger Geld haben, ist heute klar, was man beispielsweise an den vielen Fancamps und den kostenlosen Public-Viewing-Angeboten sehen kann.

SPIEGEL ONLINE: In Klagenfurt gab es hingegen eine geradezu groteske Panikmache von offizieller Seite.

Gabriel: Stimmt, die politisch Verantwortlichen und das Organisationskomittee haben nichts gegen die Latrinenparolen unternommen, die manche Medien gestreut haben. Im Gegenteil.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie?

Gabriel: Es war zu lesen, dass Hunderte englischer Hooligans in Kärntner Baumärkte eingefallen seien, um sich dort Holzprügel zurechtzimmern zu lassen. Es wurde behauptet, bei der WM in Deutschland habe es Tausende Vergewaltigungen gegeben.

SPIEGEL ONLINE: Eine exklusive Neuigkeit.

Gabriel: Klar. Aber der Bürgermeister hat eine Empfehlung ausgegeben, dass Frauen nur in größeren Gruppen in die Stadt gehen sollten, an die Ladenbesitzer wurde Pfefferspray ausgegeben. Offenbar gab es Angst vor Hooligans beim Brotkauf. Alle Aschenbecher waren angeschraubt, Fahrräder durften nicht in die Stadt mitgebracht werden, weil sie als Wurfgeschosse missbraucht werden könnten. Völliger Wahnsinn.

SPIEGEL ONLINE: Ist denn etwas passiert?

Gabriel: Überhaupt nichts. Bei der eigens eingerichteten Notfall-Hotline ging nicht ein einziger Anruf ein. Dafür haben die Gastronomiestände viel weniger Umsatz gemacht als erhofft. Kein Wunder, außer den Bierzapfern hat sich ja jeder Klagenfurter aus Angst im Gebirge versteckt.

SPIEGEL ONLINE: Wie vor jedem großen Turnier hatte man auch vor der EM Angst vor Hooligan-Übergriffen. Warum ist es bislang so ruhig geblieben?

Gabriel: Das Publikum hat sich in den letzten Jahren langsam aber stetig verändert. Es gibt kaum noch rassistische Äußerungen in der Kurve, die Stimmung ist viel kreativer, manchmal sogar richtig lustig. Das war früher bei Länderspielen eher nicht der Fall.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das?

Gabriel: Auch an der Veränderung der gesamten Fanstruktur. Es kommen jetzt viel mehr Frauen, viel mehr Familien...

SPIEGEL ONLINE: Also das klassische Eventpublikum.

Gabriel: Würde ich nicht sagen, auch wenn viele der Allesfahrer, die auch in Aserbaidschan und Finnland waren, diesen Begriff gebrauchen. Wir sprechen eher von einer Erweiterung der Fankultur. Wir finden aber auch, dass für den harten Kern der Fanszene wieder mehr getan werden muss. Etwa wie in England, wo diejenigen Fans leichter an Tickets kommen, die vorher schon weite Wege auf sich genommen haben, um das Team zu unterstützen. Das ist gerechter, als wenn Portemonnaie oder Beziehungen entscheiden.

SPIEGEL ONLINE: Die Nationalmannschaft steht jetzt im Halbfinale. Wie soll es bei der Fanbetreuung weitergehen?

Gabriel: Wir wollen jetzt ins Finale. Allein, um mit diesem Bus noch mal die 900 Kilometer von Basel nach Wien zurückzulegen. Stephan vom Frankfurter Fanprojekt ist nebenberuflich ein hervorragender Schrauber. Das muss er auch sein, schließlich müssen die Ventile und der Vergaser alle 300 Kilometer gewartet und gereinigt werden. Für die Strecke brauchen wir wieder zwei Tage, der Bus fährt ja nur 80 Kilometer in der Stunde.

SPIEGEL ONLINE: Eine Tortur.

Gabriel: Schon. Aber dafür ist er der Star auf den Alpenautobahnen. Unser persönliches Ziel ist, mit dem Ding in vier Jahren in die Ukraine und nach Polen zu fahren. Das Finale ist also nur ein Etappenziel.

Das Interview führte Christoph Ruf



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