Löw nach dem EM-Aus
"Kein Grund, die Köpfe hängen zu lassen"
Bundestrainer Joachim Löw zeigt sich nach dem Halbfinal-Aus enttäuscht. Gleichzeitig verteidigt er aber seine Aufstellung gegen Italien - und die Leistung der jungen Mannschaft. Für die WM in zwei Jahren soll es keine personellen Einschnitte geben.
Frage: Herr Löw, gegen Italien kann Deutschland bei Turnieren offensichtlich nicht gewinnen. Woran liegt das?
Löw: Italien ist eine starke Mannschaft, das haben wir gewusst und waren darauf vorbereitet. In der ersten Halbzeit ist unser Spiel nach dem ersten Gegentor in Unordnung geraten. Wir waren zweimal in der Abwehr unaufmerksam, dafür wurden wir brutal bestraft. Anschließend war es schwer, das Spiel zu drehen, weil die Italiener sehr gut verteidigt haben.
Frage: Gegen Italien haben Ihre Personalentscheidungen nicht so gegriffen wie in den vorherigen Spielen. Würden Sie im Nachhinein dieselben Wechsel vornehmen?
Löw: Hinterher lässt sich immer sagen, man hätte dieses und jenes anders machen können. Mario Gomez hat in der Vorrunde drei Tore geschossen und war nach dem Griechenland-Spiel sehr motiviert, weil er nicht von Beginn an gespielt hatte. Toni Kroos wollte ich zusätzlich an zentraler Stelle im Mittelfeld einsetzen, um De Rossi und Pirlo aus dem Spiel zu nehmen. Das hat zu Beginn auch gut geklappt. Aber nach der Pause musste ich zwangsläufig wechseln.
Frage: Wie groß ist die Enttäuschung, dass Deutschland erneut den großen Wurf verpasst hat?
Löw: Sehr groß, weil wir mit viel Energie versuchten, ins Finale zu kommen. Unter dem Strich muss man aber hervorheben, dass wir ein sehr gutes Turnier gespielt haben, mit einer phänomenalen Vorrunde. Es gibt keinen Grund, alles in Frage zu stellen.
Frage: Wie lange werden Sie brauchen, um die Niederlage zu verarbeiten?
Löw: Wir brauchen eine gewisse Zeit. Aber im Fußball geht glücklicherweise alles sehr schnell. Wir werden uns wieder neue Ziele setzen und angreifen. Es gibt keinen Grund, die Köpfe hängen zu lassen.
Frage: Aber einmal mehr wurde der Titel knapp verpasst.
Löw: Man kann Titel nicht herbeireden. Wie lange musste Spanien warten, bis sie 2008 gewonnen haben? Zwischen den vier letzten Mannschaften eines EM-Turniers ist die Luft sehr, sehr dünn. Ein Moment der Unachtsamkeit kann ein Spiel entscheiden. Und wir waren zweimal unachtsam.
Frage: Im September beginnt die WM-Qualifikation für Brasilien 2014. Wie sehen Ihre Planungen für die kommenden zwei Jahre aus?
Löw: Dazu kann ich im Moment wenig sagen, Brasilien ist noch ein ganzes Stück weg. Wir hatten einige junge Spieler bei diesem Turnier, die gute Erfahrungen sammeln konnten: Marco Reus oder auch Mario Götze, der eine sehr gute Perspektive hat. Wir werden mit allen Spielern das Turnier aufarbeiten, es wird aber keine großen personellen Einschnitte geben.
Aufgezeichnet von Jürgen Zelustek (sid). Die Aussagen wurden aufgezeichnet bei einem Medientermin in Warschau, an dem mehrere Journalisten teilgenommen haben.