DFB-Sieg gegen Niederlande "Ganz große Chance auf den Titel"

Dominant, selbstbewusst, taktisch klug - das Spiel der deutschen Mannschaft gegen die Niederlande hat Eindruck hinterlassen. Selbst in brenzligen Situationen reagierte das bisher jüngste EM-Team abgebrüht und erwachsen. Wenn die Mannschaft so weiter macht, muss sie nur wenige Gegner fürchten.

Aus Charkiw berichten und


Es war das logische Endergebnis: Wie so häufig, wenn Deutschland und die Niederlande bei wichtigen Turnieren bislang aufeinandertrafen, stand es am Ende 2:1. So wie im WM-Finale 1974, wie 1988 bei der EM-Heimpleite von Hamburg - als die Niederlande zwei Tore schossen - und wie 1990 bei der Spuck-Attacke von Mailand. Und doch war bei diesem 2:1 von Charkiw vieles anders - denn die Differenz von einem Tor drückt dieses Mal bei weitem nicht aus, wie überlegen das deutsche Team über weite Strecken war.

In Teilen der Partie tat sich ein eklatanter Klassenunterschied zwischen den beiden alten Rivalen auf. Lediglich zu Beginn und am Ende des Spiels schaffte es die hochgelobte Offensive der "Oranje", die Elf von Bundestrainer Joachim Löw in Verlegenheit zu bringen. Die übrige Zeit galt das, was Außenverteidiger Jérôme Boateng nach dem Spiel lakonisch zusammenfasste: "Ich denke, wir haben gut gestanden."

Damit untertrieb der Bayern-Spieler deutlich, der wie schon zum Auftakt gegen Portugal seine große Abwehrszene hatte. In der zweiten Hälfte warf er sich mit allem, was sein 90-Kilo-Körper hergab, in einen Schuss von Wesley Sneijder und verhinderte abermals einen fast sicheren Gegentreffer.

Den Holländern war der Respekt anzumerken

Löw sprach nach der Partie von einem "sehr engen Spiel", aber das war es nicht. Wenngleich die niederländische Mannschaft mehr Ballbesitz hatte, war ihre Passgenauigkeit und Zweikampfquote wesentlich schlechter als die der Deutschen. Die DFB-Elf ging selbstbewusst und technisch stark in Eins-gegen-eins-Duelle, leistete sich dabei gleichzeitig aber weniger Fouls als die Niederländer. Sogar den renommierten holländischen Fußball-Haudegen wie Mark van Bommel oder Nigel de Jong war der Respekt vor der deutschen Mannschaft deutlich anzumerken.

Fotostrecke

22  Bilder
DFB vs. Niederlande: Doppelter Gomez, ideenlose Niederlande

Die DFB-Elf hat dieses Spiel gewonnen, weil sie taktisch besser eingestellt war als der Gegner. Löw hatte sein Team auf die Schwächen der Niederländer in der Defensive eingeschworen, er hatte im Vorfeld registriert, dass "sie im Eins-gegen-eins nicht zu den Stärksten zählen", dass sie Mühe haben, die Räume zwischen Mittelfeld und Abwehr zu schließen. Und die deutschen Spieler beherzigten seine Beobachtungen: "Heute hatte ich die Räume nach vorne, und ich konnte sie nutzen", sagte Bastian Schweinsteiger, an diesem Abend einer der Besten.

Dazu kam "dann natürlich auch noch das Glück, relativ früh in Führung zu gehen", sagte der Bundestrainer nach dem Spiel. Denn angesichts der hohen Temperaturen in der Ukraine war es an diesem Abend noch wertvoller als sonst, das erste Tor zu erzielen. Löw: "Nach 60 Minuten waren die Holländer eigentlich schon müde gespielt." Lediglich die Einzelaktion von Stürmerstar Robin van Persie in der 73. Minute brachte sie noch einmal in die Partie zurück. Aber selbst in der folgenden Druckphase der Niederländer wirkte das DFB-Team besonnen, verlor nicht den Kopf, sondern initiierte immer wieder Entlastungsangriffe.

Van Marwijk kürt die Löw-Elf zum Titelfavoriten

Sicher in der Verteidigung, dominant - wenn auch nicht brillant - im Mittelfeld und vorne mit einem Torjäger ausgestattet, der die Vorlagen zu verwerten versteht - so präsentierte sich die Mannschaft am Mittwoch. In dieser Form und mit diesem Selbstbewusstsein bestückt, muss sie nur wenige Gegner bei dieser EM fürchten.

"Ich kann mich nicht erinnern, dass Deutschland schon mal so viele gute Spieler hatte, mit allem Drum und Dran", musste Bonds-Coach Bert van Marwijk die Überlegenheit von Löws Team anerkennen. Während der deutsche Trainer lediglich davon sprach, dass man vor dem Abschlussspiel gegen Dänemark (Sonntag, 20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) "das Tor zum Viertelfinale weit aufgestoßen" habe, war van Marwijk schon einen Schritt weiter: "Diese deutsche Mannschaft hat eine ganz große Chance auf den Titel."

Dem wollte nach diesem speziellen 2:1 von Charkiw niemand widersprechen.

Niederlande - Deutschland 1:2 (0:2)
0:1 Gomez (24.)
0:2 Gomez (38.)
1:2 Persie (73.)
Niederlande: Stekelenburg - van der Wiel, Heitinga, Mathijsen, Willems - Bommel (46. van der Vaart), Nigel de Jong - Robben (ab 83. Kuijt), Sneijder, Afellay (ab 46. Huntelaar) - Persie
Deutschland: Neuer - Boateng, Hummels, Badstuber, Lahm - Schweinsteiger, Khedira - Müller (ab 90.+2 Lars Bender), Özil (ab 81. Toni Kroos), Podolski - Gomez (ab 72. Klose)
Schiedsrichter: Eriksson (Schweden)
Zuschauer (in Charkiw): 37.750 (ausverkauft)
Gelbe Karten: de Jong, Willems - Boateng

insgesamt 189 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
jb283 14.06.2012
1. Anderes Spiel?
"Löw sprach nach der Partie von einem "sehr engen Spiel", aber das war es nicht." "Lediglich die Einzelaktion von Stürmerstar Robin van Persie in der 73. Minute brachte sie noch einmal in die Partie zurück. Aber selbst in der folgenden Druckphase der Niederländer wirkte das DFB-Team besonnen, verlor nicht den Kopf, sondern initiierte immer wieder Entlastungsangriffe." Buschmann und Ahrens müssen in den letzten 20 Minuten ein anderes Spiel gesehen haben. Denn nach dem holländischen Gegentreffer erlaubte sich die deutsche Mannschaft gleich mehrere leichtfertige Ballverluste in der eigenen Hälfte, teilweise sogar vor dem eigenen Strafraum. Diese Endphase war alles andere als souverän.
Semmelbroesel 14.06.2012
2. Erstmal..
..Asche auf mein Haupt. Eine derartige Leistung hatte ich Mario Gomez vorher nicht zugetraut. Habe ich noch das Tor gegen Portugal als "Zufallstreffer" angesehen - der natürlich hervorragend per Kopf vollendet war - so muss ich nun meine Meinung revidieren. Mario Gomez scheint tatsächlich gereift, seine Leistung nunmehr auch bei großen Internationalen Turnieren abrufen zu können. *chapeau*
Glückshormon 14.06.2012
3.
Zitat von sysopDPADominant, selbstbewusst, taktisch klug - das Spiel der deutschen Mannschaft gegen die Niederlande hat Eindruck hinterlassen. Selbst in brenzligen Situationen reagierte das bisher jüngste EM-Team abgebrüht und erwachsen. Wenn die Mannschaft so weiter macht, muss sie nur wenige Gegner fürchten. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,838797,00.html
Mal davon abgesehen, dass Gomez tatsächlich 3 Treffer erzielte, bin ich doch von der Spielweise der Nationalmannschaft enttäuscht. Gut, die Vorrunde wurde erfolgreich hinter sich gelassen aber viele Spieler sind nicht fit oder bringen keine Leistung: Schweinsteiger machte wichtige Vorlagen aber mehr habe ich nicht von ihm gesehen. Warum Poldi 93 minuten spielen darf und nicht durch Schürle ersetzt wird, erschließt sich mir nicht. Özil? Hat der gespielt? Wenn die Deutschen weiterkommen, dann weil die anderen noch schlechter sind...
warndtbewohner 14.06.2012
4. Maßlose Selbstüberschätzung
etwas mehr Realismus hätte gutgetan. Statt dessen Lobpreisungen ohne Ende. Die Niederländer waren kein Maßstab bei einer derart löchrigen Abwehr 2 Treffer zu erzielen ist nichts besonderes. Warten`s mal ab wenn richtige Gegner kommen....
warndtbewohner 14.06.2012
5. Maßlose Selbstüberschätzung
etwas mehr Realismus hätte gutgetan. Statt dessen Lobpreisungen ohne Ende. Die Niederländer waren kein Maßstab bei einer derart löchrigen Abwehr 2 Treffer zu erzielen ist nichts besonderes. Warten`s mal ab wenn richtige Gegner kommen....
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.