EM-Fans Fußball wird Karneval

Verkleidung macht den guten Fan: Bei der Europameisterschaft vermisst Christoph Biermann Fußballanhänger, die in den Stadien für große Stimmung sorgen. Dafür hat ein neuer Typus Einzug gehalten: der Schweizer im fremden Gewand - je nach Spieltag.


Im Künstlerhaus Wien, einem traditionsreichen Museum am Karlsplatz, findet während der Europameisterschaft eine Ausstellung statt, in der es um die Liebe zum Fußball geht. "Herzrasen" heißt sie und ist aus vielen Gründen einen Besuch wert. Einer davon ist eine hübsche Typologisierung von Fußballfans in acht Gruppen. Sie beschreibt den Ultra und den Couch-Potato, den Public Viewer und Hooligan. Doch in den Stadien der EURO 2008 stellt man fest, dass dort einige dieser Typen kaum vorkommen.

Im Fall des Fußballgewalttäters ist das zweifellos kein Verlust, doch sind bei den meisten Spielen auch jene Anhänger dramatisch in der Unterzahl, die beim Vereinsfußball das Bild prägen. Jene Fans, die im Stil der Ultras oder der alten Kuttenfans hinter den Toren mit Gesängen oder Choreografien ihre Mannschaften unterstützen, gibt es kaum. Der traditionellen Fankultur am nächsten sind noch die Anhänger des deutschen Teams. Beim Viertelfinalspiel gegen Portugal bekamen sie nicht nur eine Choreografie, sondern auch eine gute Stimmung hin.

Dass die Entwicklung aber eine andere Richtung genommen hat, ist kein ganz neues Phänomen und vor allem durch die Kartenvergabe zu erklären. Wenn ein beträchtlicher Teil der Tickets an Sponsoren geht und der Rest in eine Verlosung kommt, bei der gelegentliche Fußballklientel gleiche Chancen wie die Stammkundschaft hat, ist diese logischerweise unterrepräsentiert. Das hat aber nur teilweise Auswirkungen auf die Stimmung im Stadion.

Bei den Spielen der Schweizer Mannschaft etwa war die Unterstützung mitunter so niedrig dosiert, dass ein Passant im Vorbeigehen draußen vor dem Stadion nicht gehört hätte, dass drinnen gerade gespielt wird. Erstaunlicherweise schauten auch die niederländischen Fans dem Ausscheiden ihrer Mannschaft gegen Russland von vornherein paralysiert zu.

Dabei stehen gerade sie für eine Entwicklung, die vor zehn Jahren begann, als die Franzosen während der WM im eigenen Land zum Feiern auf die Straße gingen. Das hat sich seither bis zur organisierten Form der Fanzonen weiterentwickelt, und bei dieser Europameisterschaft ist endgültig klar geworden, welchem Muster das folgt: Fußball wird Karneval.

Dieses Phänomen ist nicht fußballspezifisch, die amerikanische Autorin Barbara Ehrenreich etwa schreibt in ihrem Buch "Dancing in the streets" ganz allgemein über die "Karnevalisierung von Sportereignissen". Man kennt das von den Parkplatzpartys vor großen Spielen beim American Football und den Begriff "Karnevalisierung" sollte man nicht nur metaphorisch verstehen. Es gibt eine Reihe von direkten Parallelen zwischen dem, was beim Karneval passiert und bei Großereignissen wie Welt- und Europameisterschaften.

Wichtig ist dabei die Verkleidung, wie besonders die Niederländer vormachen. Ihr Spielort Bern war während der Vorrunde komplett in Oranje getaucht, weil sich fast jeder Anhänger von oben bis unten orange verkleidet hatte: von den Holzpantinen bis zu den Käsestücken aus Schaumstoff als Kopfbedeckung. Vom rheinischen Straßenkarneval wissen wir aber auch, wer verkleidet ist, darf aus der sonstigen Rolle fallen. Dazu gehört es, dummes Zeug zu erzählen, maßlos zu trinken, lauthals zu singen und in den Brunnen zu springen. Gute Stimmung, das sieht man auch in den Stadien, ist fast schon Pflicht.

Für viele Menschen gilt es inzwischen jedoch schon als Verkleidung, sich ein Trikot anzuziehen. Erstaunlicherweise zogen eine Menge Schweizer die Farben ihrer Gäste über. Im Fall von Spanien, Italien, Portugal, der Türkei oder Kroatien mag das noch mit familiären Bindungen zu tun haben. Aber wie ist es zu erklären, dass sich jemand ein Trikot der Niederlande oder Schweden überzieht, der auf dem Weg zum Stadion oder zur Fanzone astreines Schwyzerdütsch spricht? Man verkleidet sich also als Fan einer anderen Nation, um bei deren Karneval mitmachen zu können.

Lange Anreise ohne Stadionticket

Der Fußballkarneval ist inzwischen so attraktiv, dass vor allem aus den Niederlanden, aber auch aus Schweden, Deutschland und Kroatien Zehntausende kamen, obwohl die Chance minimal war, das Spiel noch im Stadion sehen zu können. Selbst die Spanier reisen in großer Zahl an, obwohl ihnen das Konzept der Auswärtsfahrt weitgehend unbekannt ist. Nur die Franzosen verweigerten sich dem Trend.

Diese Fußballkarnevalisten sind ein neuer Typus Fan, der von den Ausstellungsmachern aus Wien noch nicht kategorisiert worden ist. Man weiß nicht, ob sie eine Erscheinung großer Turniere sind. Genauso wenig ist klar, wie viel sie mit Fußball zu tun haben und wie viel mit Karneval. Doch wenn demnächst die ersten, mit deutlich mehr als einem Trikot verkleideten Fans in Bundesliga-Stadien gesichtet werden, ist es Zeit, diese Frage einmal gründlich zu klären.



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