EM-Finale Portugal vs. Frankreich Heute wird der Fußball portugisiert

Wer wird Europameister? Im Stade de France spielen Frankreich und Portugal um den Titel. Die Portugiesen gelten als Außenseiter, dabei spricht vieles für Ronaldo und Co. Sie sind das cleverste Team der EM.

DPA

Aus Paris berichten und


Heute Abend ist es soweit: Im Stade de France findet um 21 Uhr das Endspiel der Fußballeuropameisterschaft statt. Gastgeber Frankreich gilt als großer Favorit gegen Portugal. Die Franzosen, im Halbfinale Sieger gegen Deutschland, haben die letzten beiden Turniere, die sie ausgerichtet haben, gewonnen: die EM 1984 und die Weltmeisterschaft 1998.

Portugal dagegen hat noch nie einen großen Titel gewonnen. Am dichtesten dran waren die Portugiesen 2004, als sie das EM-Finale im eigenen Land gegen Griechenland verloren. Gerade dieses Trauma könnte nun ein gutes Omen sein, denn die heute zu Ende gehende EM war defensiv geprägt - so wie vor zwölf Jahren der erfolgreiche Fußball Griechenlands.

Die EM in Frankreich war eine Messe ausgeklügelter Abwehrkunst, die Stars hießen Jérôme Boateng und Giorgio Chiellini, die defensiven Isländer waren die gefeierten Helden. Im Team Portugals kristallisiert sich all das.

Man erinnere sich an das Achtelfinale in Lens. Das aus der Gruppenphase bejubelte Kroatien spielt gegen Portugal. Die Kroaten haben mit Luka Modric und Ivan Rakitic ein technisch überragendes Mittelfeld, sie halten sich selbst für das beste Team des Turniers, sie haben Titelverteidiger Spanien besiegt. Und sie treffen auf ein Team, das in der Vorrunde gerade drei Unentschieden geschafft hat, unter anderem gegen Österreich.

Aber in diesen 120 Minuten von Lens werden sie von den Portugiesen regelrecht abgekocht, der Elf von Fernando Santos geht es allein darum, die Stärken der Kroaten auszuschalten, ihr Kombinationsspiel zu unterbinden, die Flügel abzudichten - unter komplettem Verzicht auf eigenes Offensivspiel. Die Kroaten finden kein Mittel dagegen, das Spiel ist für den Beobachter vollständig unansehnlich, und in der vorletzten Minute der Verlängerung kontert sich Portugal zum 1:0-Sieg.

Nicht schön, aber erfolgreich

Portugal ist das cleverste Team dieser EM, und deshalb steht es verdient im Finale. Der Defensivverbund gehört zum Besten, was dieses Turnier zu bieten hatte. Die Mannschaft spielt im Grunde so, wie man es Deutschland jahrzehntelang nachgesagt hat. Nicht schön, aber erfolgreich. Portugal spielt, Verzeihung, deutschen Rumpelfußball. Aber in Perfektion.

Nicht umsonst kommt einem Renato Sanches im defensiven Mittelfeld wie der junge Lothar Matthäus vor. Gut, Matthäus hätte die Haare anders getragen, aber ansonsten hat der 18-Jährige das Berserkerhafte des jungen Loddar, wenn er die Spielfeldzentrale abschrubbt, laufstark, schussstark, zweikampfstark. Sanches neben Arturo Vidal vor einem Abwehrverbund aus Manuel Neuer, Boateng und Mats Hummels: Die anderen 17 Bundesligavereine werden sich beim FC Bayern bedanken und sich bemühen, vor den Bayern-Spielen möglichst viele Gelbsperren anzusammeln, damit ihre Spieler in einer Partie fehlen, die ohnehin nicht zu gewinnen ist.

Das Trauma von 2004 überwinden

Die Franzosen haben ihre Dynamik im Mittelfeld, sie haben Antoine Griezmann im Sturm, aber über ihre anarchische Abwehrarbeit können Pepe und seine Nebenleute in der portugiesischen Abwehr nur müde lächeln.

Der Gastgeber gegen ein defensiv ausgerichtetes Team im Endspiel einer Europameisterschaft - die Portugiesen wissen aus leidvoller Erfahrung, wie das ist. Vor zwölf Jahren hatte Portugal großartige Spieler, der junge Cristiano Ronaldo und der alte Luis Figo, was für ein Duo. Dazu Rui Costa und Deco im Mittelfeld, quasi die Modrics und Rakitics jener Tage. Und ihnen gegenüber die ausgebufften Griechen, Rehhagels Maurertruppe. Griechenland gewann durch den Kopfball von Angelos Charisteas 1:0. Tor nach einem Eckball. Natürlich.

Das haben die Portugiesen nicht vergessen, sie haben es sich gemerkt. Und dass ihr Trainer Fernando Santos vor seinem Portugal-Job Nationaltrainer Griechenlands war, rundet das Bild ab. Im Zweifelsfall springt Cristiano Ronaldo nach einem Eckball fünfzig Zentimeter höher als Charisteas im Jahr 2004. Alle weiteren Vergleiche zwischen dem mehrfachen Weltfußballer und Charisteas verbieten sich.

Die "Zeit" hat bei diesem Turnier einmal von der "Italienisierung des Fußballs" geredet, die "taz" ist noch einen Schritt weitergegangen und schrieb von der "Nordirlandisierung des Fußballs". Beides hübsch, aber falsch. Am Abend im Stade de France wird der europäische Fußball portugisiert.

Und Otto Rehhagel macht sich daheim ein Bier auf.

Im Video: Ronaldos Kampf gegen das EM-Trauma

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insgesamt 19 Beiträge
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auf_dem_Holzweg? 10.07.2016
1. klarer Fall heute Abend
Die EM ist gut für die Französische Konjunktur hiess es heute in der Presse - es wird also so gepfiffen dass Frankreich gewinnt, natürlich nur in dem Fall dass Frankreich schwacher spielen sollte. Man kann es so angehen wir im Deutschland-Spiel: pauschal bei jeder Aktion alle portugiesischen Schlüsselspielet mit Gelb versehen, falls dann ein Ausgleich oder eine Führung von Portugal kommen sollte zieht man die "Rote-Joker-Karte". Ich persönlich erwarte hingegen ein 4:0 für Frankreich - eine ordentliche Schlappe für Portugal, deren Fussballqualität die Vorrunde nicht hätte überschreiten dürfen!
Leser222 10.07.2016
2. Unansehlicher Mauerbau
Portugal hat bisher den hässlichsten Fussball gespielt. Ich hoffe, die frischen Franzosen schicken dafür eine saftige Rechnung.
at.engel 10.07.2016
3.
Frankreich hat keinen Pepe und schon gar keinen Ronaldo. Frankreich hat auch keine vernünftige Abwehr und keine richtige Nummer 10. Frankreich hat auch keine erfahrene, eingespielte Mannschaft. Aber Frankreich hat ein paar Spieler, die individuell - jedenfalls meiner Meinug nach - weit über dem Durchschnitt liegen. Und dazu zähle ich auch jemanden wie Lloris... und wenn sie sich nicht destabilisieren lassen, dan machen die das...
CobCom 10.07.2016
4.
Ja, klar! Dass Ronaldo noch dem Schiri in der 93. Minute bei der klaren Tätlichkeit von Sanches offenbar die Augen zuhält... großes Kino. Und die Kroaten in der 117. Minute zum Pfostenschuss zu verlocken, um im Gegenzug das 1:0 zu schießen, war also "Defensivkunst" und "clever". Ja, der Konter war gut gemacht, aber dass er überhaupt noch gefahren werden konnte, war das Glück der Unfähigen. Hinterher kann man sich natürlich viel zurechtlegen, aber die Kroaten hatten sie nicht im Griff. Die hatten einfach Pech im Abschluss plus eine unfähige Flöte.
vhn 10.07.2016
5. Portugal
Wird gewinnen. Frankreich ist überbewertet. Der Heim- und damit auch Schiedsrichter Vorteil ist nicht zu unterschätzen. Die anderen mauern dafür und CR7 macht das Tor...
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