EM-Gastgeber Österreich Schöner verlieren

T-Shirts, Baseballcaps, Pullover, Unterwäsche - nicht einmal auf Textilien ist die österreichische Fußball-Nationalmannschaft vor Häme sicher: Eine Grafikerin verkauft sie in Austrias Farben, bedruckt mit dem Slogan "Zu Gast bei Verlierern". Eine gute Nachricht aber gibt es.

Von Frieder Schilling


Die Mission beginnt auf Sardinien. Österreichs Nationalteam ist seit zwei Tagen auf derselben Mittelmeerinsel, von der auch Deutschland 2006 sein Sommermärchen startete. 27 Tage vor ihrem Europameisterschafts-Auftaktspiel gegen Kroatien in Wien haben sich zumindest die Akteure getroffen, die in der heimischen Liga aktiv sind - die elf Legionäre folgen nach dem Saisonende ihrer jeweiligen Liga. Und auch die Organisation könnte "deutscher" nicht sein: "Zu Ostern war der FC Chelsea da", sagte Team-Manager Werner Germ, "wurde aber nicht auf den Platz gelassen mit dem Hinweis, dass wir im Mai kommen und schon seit November reserviert haben".

Nichts soll schieflaufen auf dem Weg zu einer möglichst erfolgreichen Heim-EM. In der Residenz der Österreicher gibt es "eine Go-Kart-Bahn und sogar einen Eislaufplatz", teilt der Verband auf seiner Internet-Seite mit. Und der britische Konditionstrainer Roger Spry geht mit dem richtigen Ehrgeiz an seine Aufgabe: "Ich bin überzeugt, dass wir bei der EM viele Leute überraschen werden." In der österreichischen Heimat herrscht dagegen nicht nur Optimismus.

Ironie funktioniert nie - oder doch?

Auch eine Grafikerin aus Graz hat das EM-Fieber erwischt. Über einen Internet-Shop verkauft sie sportliche Klamotten in den österreichischen Landesfarben. Es gibt T-Shirts, Kapuzenjacken, Baseballcaps, Taschen, Schweißbänder und sogar Unterhosen. Alle bedruckt mit dem feinsinnigen Slogan: "Zu Gast bei Verlierern". Stefanie Schöffmann hat ihre provozierende Idee in einem Interview mit Bayern 3 folgendermaßen begründet: "Bei den Deutschen hat 'Zu Gast bei Freunden' gut gepasst, und bei den Österreichern bietet sich 'Zu Gast bei Verlierern' an."

Damit spielt sie auf die desaströse Bilanz des Nationalteams in den vergangenen 15 Monaten an. Aus 14 Begegnungen ging die Mannschaft nur einmal als Sieger hervor (3:2 gegen die Elfenbeinküste), trennte sich sechsmal unentschieden und verlor sieben Partien. Zehn eigenen Treffern stehen in diesen Partien doppelt so viele Gegentore gegenüber. Auf der Weltrangliste des Weltverbandes Fifa wird Österreich auf Rang 101 gelistet. Die Vorrundengegner Kroatien (13), Polen (27) und Deutschland (5) sind allesamt deutlich besser. Laut Fifa-Statistik der zweitschlechteste der 16 EM-Teilnehmer ist übrigens Co-Gastgeber Schweiz auf Platz 48.

Bestellungen laufen aus Österreich, Deutschland, Schweiz und aus den Niederlanden ein. Doch Schöffmann bekommt auch viele böse E-Mails, in denen sie beispielsweise als Landesverräterin beschimpft wird. "Dabei bin ich stolz darauf, Österreicherin zu sein", sagt sie. "Und durch die Unterhose soll sich ja auch die Selbstironie widerspiegeln."

Autofähnchen dank Wimpel-Erlass

Den erwünschten Patriotismus widerspiegeln können alle Österreicher während der EM mittels der kleinen Autofähnchen, die auch bei der WM 2006 das Straßenbild in Deutschland bestimmten. "Für den Paragraf 54 des Kraftfahrgesetzes, der das Befestigen von Fahnen und Wimpeln an Fahrzeugen reglementiert, wird es für die Zeit vor und während der Fußballeuropameisterschaft 2008 einen Erlass geben, der festlegt, dass das Mitführen von Fan-Wimpeln und Flaggen nicht bestraft wird", sagte am Montag der österreichische Verkehrsminister Werner Faymann und bekam Unterstützung vom Innenminister: "Es wäre völlig absurd, dass österreichische Fans, die eine Fahne im Fahrzeug angebracht haben, von der Polizei bestraft werden", sagte Günther Platter. Beide beendeten damit eine Diskussion über die Frage, ob es in Österreich nur hohen Beamten erlaubt ist, ihr Auto mit dem Staatswappen zu schmücken. Es war von möglichen Strafen von bis zu 5000 Euro gesprochen worden.

Rückzieher oder Fallrückzieher?

Großes Aufsehen erregte auch eine Initiative unter der Leitung von Michael Kriess, Sohn des 15fachen Nationalspielers Werner Kriess. Unter dem Slogan "Österreich zeigt Rückgrat" hatte er dafür geworben, die österreichische Nationalmannschaft vom Turnier zurückzuziehen und den Platz einer konkurrenzfähigen Nation zukommen zu lassen. Denn, so die Anrede der Organisatoren an ihre "Österreichischen Fußballfreunde", "die Leistungen der österreichischen Mannschaft verletzen dein ästhetisches Empfinden und deinen Anspruch an den Sport".

Es hagelte erwartungsgemäß Kritik: Das sei "absoluter Schwachsinn", hatte Teamchef Josef Hickersberger gesagt und Team-Manager Andreas Herzog wurde gar beleidigend: "Ich habe gar nicht gewusst, dass es in Österreich 10.000 Idioten gibt", spielte er auf die damalige Zahl derer an, die die Petition auf der Seite unterschrieben hatten. Der französische Uefa-Präsident Michel Platini äußerte sich ähnlich drastisch: "Die dümmste Idee, von der ich je gehört habe."

Alles sicherlich Gründe, warum die Macher der "Österreich zeigt Rückgrat"-Seite ihre Aussagen relativierten. Man habe mit dieser Aktion "eine breite öffentliche Diskussion über die Strukturkrise des österreichischen Fußballs" auslösen wollen, deswegen habe man sich "der Mittel der Polarisierung, Polemik und Überspitzung bedient", so die Initiatoren auf ihrer Seite. Selbstverständlich werde Österreich an der EM teilnehmen, ihre Aktion sei sowieso immer nur eine "ironische Forderung" gewesen.

Mit Material der dpa

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