Deutsche EM-Gruppe mit Frankreich und Portugal Traumhaftes Albtraumlos

Frankreich und Portugal: Schwerer hätte die deutsche EM-Vorrundengruppe kaum sein können. Für Bundestrainer Löw bietet die Auslosung die Chance, sein Projekt Umbruch voranzutreiben - vom ersten Spiel an.

Leroy Sané und die DFB-Elf werden bei der EM von Weltmeister Frankreich gefordert
REUTERS

Leroy Sané und die DFB-Elf werden bei der EM von Weltmeister Frankreich gefordert

Von Tobias Escher


Hammerlos, Todesgruppe, Albtraumszenario: All die typischen Sportjournalisten-Vokabeln finden sich heute in den Zeitungen des Landes, um die deutsche Gruppe bei der Europameisterschaft 2020 zu beschreiben. Zu Recht. Deutschland trifft auf Frankreich und Portugal. Der dritte deutsche Gegner wird erst nach der komplizierten Nations-League-Ausscheidung feststehen (u.a. sind Ungarn, Island und Bulgarien in der Verlosung), ist aber angesichts der beiden erstgenannten Gegner nebensächlich.

Der Weltmeister von 2014, Deutschland, gegen den Weltmeister von 2018, Frankreich, sowie den Europameister von 2016, Portugal. Härter geht es kaum. Da Deutschland zunächst auf Frankreich, dann auf Portugal trifft, ist ein Szenario denkbar, in dem die deutsche Elf mit null Punkten ins finale Gruppenspiel geht. Ein Debakel wie bei der Weltmeisterschaft 2018 - es scheint möglich. Und selbst wenn Deutschland die Gruppe übersteht: Als Gruppenzweiter droht als Achtelfinal-Gegner England oder Vize-Weltmeister Kroatien, als Gruppen-Dritter könnte der Gegner Niederlande oder WM-Halbfinalist Belgien heißen.

Doch die deutsche Auslosung bietet auch eine Chance. Erstmals seit einem Jahrzehnt reist die deutsche Mannschaft nicht als Favorit zu einem großen Turnier. Selbst in der Gruppe ist sie allenfalls auf Augenhöhe mit den Gegnern, wenn nicht sogar Außenseiter. Bundestrainer Joachim Löw kann sein Projekt Umbruch vorantreiben - und das direkt vom Auftaktspiel gegen Frankreich an.

MAXIM SHIPENKOV/EPA-EFE/REX

2020 ist nicht 2018

Rückblick: Deutschland scheiterte bei der WM 2018 nicht an hochklassigen Gegnern. Sondern an Außenseitern, gegen deren massierte Abwehrreihen die deutsche Mannschaft keine Lösung fand. Die deutsche Elf hatte viel Ballbesitz, kreierte aber wenige Torchancen. Um Gelegenheiten zu erzwingen, rückten die deutschen Spieler im Verlaufe der Gruppenspiele derart weit auf, dass die Mannschaft Konter um Konter zuließ. Deutschland scheiterte aufgrund der fehlenden spielerischen Klasse und der eigenen Überheblichkeit.

Dieses Szenario droht Deutschland bei der EM nicht. Weder Frankreich noch Portugal werden sich derart stark auf ein 0:0 fokussieren, wie dies Mexiko, Schweden und Südkorea taten. Keinen dieser Gegner wird Deutschland unterschätzen, die Spieler werden nie derart kopflos anrennen wie in der letzten halben Stunde gegen Südkorea.

90 Minuten angerannt, dann die Treffer kassiert: Spielverläufe wie bei der WM 2018 gegen Südkorea sind gegen Topgegner nicht zu erwarten
Ina Fassbender/DPA

90 Minuten angerannt, dann die Treffer kassiert: Spielverläufe wie bei der WM 2018 gegen Südkorea sind gegen Topgegner nicht zu erwarten

Möchte man es überspitzt formulieren, kann man sogar behaupten: Die Auslosung hilft Löw. Er weiß vom ersten Tag an, was gefordert ist. Er trifft nicht zunächst auf Außenseiter, gegen die er spielerische Lösungen finden muss. Er muss nicht zum Viertelfinale plötzlich seinen Stil umstellen, wie dies normalerweise während eines Turniers notwendig ist. Er kann vom Eröffnungsspiel an sein Projekt Umbruch vorantreiben.

Frankreich ist Löws Vorbild

Dass Deutschland im Eröffnungsspiel auf Frankreich trifft, ist durchaus ironisch: Der amtierende Weltmeister ist das große Vorbild für Löws Umbruch. Jahrelang hatte der Bundestrainer dem spanischen Stil nachgeeifert: viel Ballbesitz, hohe Dominanz. Eine Sackgasse, wie die WM 2018 zeigte.

Frankreich sammelte 2018 zwar auch viel Ballbesitz, die Mannschaft ließ die Kugel in der Abwehr laufen. Doch sie war immer auch in der Lage, das Tempo zu verschärfen. Und wenn der Gegner die kleinste Lücke offenbarte, konterten die Franzosen gnadenlos. Ruhiges Ballbesitzspiel, kompakte Defensive, schnelles Umschalten: Diese Mixtur aus allen Stilen möchte auch Löw seinen Spielern einimpfen.

Auch Portugal setzt auf einen ähnlichen Stil. 2016 gewannen die Portugiesen mit defensivem Fußball (und viel Glück) den EM-Titel. Ihr Stil ist noch etwas wilder als das französische Spiel. Zugleich beherrschen sie es aber auch, mit neun Verteidigern das Mittelfeld komplett zu dominieren. Spiele gegen Portugal sind zäh; da sollte man sich nicht von der traditionell wechselhaften Qualifikation täuschen lassen (Portugal wurde nur Gruppenzweiter hinter der Ukraine).

In beiden Partien wird Löw das Spiel gegen den Ball viel stärker akzentuieren, als dies normalerweise in der Gruppenphase eines Turniers der Fall ist. Entscheidend wird sein, dass die beiden großen Gegner nicht das Tempo und den Spielwitz ihrer Offensivkräfte einsetzen können. Bei Frankreich ist der Schlüsselstürmer der technisch beschlagene Sprinter Kylian Mbappe, bei Portugal der hochbegabte João Félix, der mit seinen Haken und Finten gegnerische Abwehrreihen narrt.

Portugals Hoffnungsträger João Félix spielt seit dem Sommer beim spanischen Topklub Atlético Madrid
MAXIM SHIPENKOV/EPA-EFE/REX

Portugals Hoffnungsträger João Félix spielt seit dem Sommer beim spanischen Topklub Atlético Madrid

Selbstillusion? Dieses Mal unmöglich

Ist Löw dieser Aufgabe gewachsen? In den vergangenen Jahren war die Defensive nicht seine Stärke. Gegen Frankreich holte Deutschland in der Nations League zwar ein 0:0, das Rückspiel ging knapp mit 1:2 verloren. In den vier Partien gegen die Niederlande (Nations League sowie EM-Qualifikation) ließ die DFB-Elf allerdings elf Gegentore zu.

Löw wird seinen Spielern vor dem Turnier das Verhalten im Pressing sowie das kompakte Verschieben gegen den Ball eintrichtern müssen, wieder und wieder. Nur so lässt sich verhindern, dass Frankreich und Portugal mit ihrem ruhigen Ballbesitzspiel irgendwann Lücken in der deutschen Defensive finden.

Es ist daher wichtig, die Testspiele vor der EM ernst zu nehmen. Der DFB bemüht sich, hochklassige Gegner zu finden, Spanien und Belgien sind im Gespräch. Im Turnier selbst wird Deutschland von der ersten Minute an präsent sein müssen. Schon beim Auftaktspiel gegen Frankreich am 16. Juni 2020 entscheidet sich, ob die DFB-Elf zu den Favoriten gehört - oder ob man hoffen muss, als einer der besten Gruppendritten irgendwie ins Achtelfinale zu gelangen. Selbstillusion, wie sie bei der WM 2018 selbst nach der 0:1-Auftaktniederlage gegen Mexiko weit verbreitet war? Dieses Mal unmöglich.



insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
timtom2222 01.12.2019
1.
Ein Ausscheiden der "großen Länder" ist bei dieser EM nahezu ausgeschlossen. Es wird eine ziemlich langweilige Gruppenphase werden, denn es kommen 4 Teams auf dem 3. Platz weiter. Wenn ich dann Artikel lese die von einer "Todesgruppe" sprechen ist das lächerlich.
Nonvaio01 01.12.2019
2. super los
endlich mal eine Auslosung wo es von anfang an los geht. Besser haette es nicht kommen koennen.
hileute 01.12.2019
3. Hört sich doch gar nicht so schlimm an
wenn die Mannschaft Leistung zeigt ist Platz 2 durch siege gegen Portugal und unbekannter Gegner A auf jedenfall drin, und gegen England oder Kroatien kann dann auch das Achtelfinale gewonnen werden, danach kann man weitersehen
master-commander 01.12.2019
4. Seh gut
Sehr gut. Damit sind wir wieder in der Vorrunde raus und Löw hört auf.
Pixelpu 01.12.2019
5. Die Hoffnung steigt
das der Vertreter für Herrenpflegeprodukte und badischer Nuschler seine finale Stunde als Bundestrainer erleben wird.
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