Deutschland-Gegner Frankreich Vier Waffen, vier Schwächen

Trainer Didier Deschamps hat Frankreich zu einem Titelkandidaten gemacht. Doch die taktische Analyse des Instituts für Spielanalyse zeigt: Das Team hat Schwächen. Ist Deutschland im Halbfinale zu stark?

Antoine Griezmann, links, und Olivier Giroud
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Antoine Griezmann, links, und Olivier Giroud


Europameister im eigenen Land - das ist der Auftrag für Didier Deschamps seit seinem ersten Arbeitstag. Es gibt Jobs mit weniger Druck und Erwartungen. Und mit viel weniger Komplexität.

Deschamps ist seit 2012 im Amt, er hat damals weder einen eingespielten noch erfolgreichen Kader übernommen. Die Schmach von 2010, als sich die Nationalmannschaft mit ihrem Auftreten der Peinlichkeit preisgab, sowie das dürftige Abschneiden bei der EM 2012 unter Vorgänger Laurent Blanc waren eine Hypothek, die Deschamps zunächst einmal abtragen musste. Außerdem sollte der neue Coach damals ein zukunftsfähiges Team aus talentierten Spielern formen, das bei der Heim-EM vier Jahre später eine Siegchance haben würde.

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Frankreichs EM-Star Paul Pogba: Der hochbegabte Kindskopf

Vier Jahre später steht Deschamps, Weltmeister-Kapitän von 1998, mit Frankreich im Halbfinale gegen Deutschland (21 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE). Aber noch immer kann sich kaum ein Experte wirklich einen Reim auf dieses Team machen. Der ehemalige Nationalspieler Bixente Lizarazu sagt: "Wir wissen noch nicht so recht, auf welchem Level sich die Mannschaft befindet. Ganz einfach, weil sie sich bislang noch mit keiner großen Mannschaft messen musste." Oder Oliver Kahn, der bekundet: "Ich verstehe das Spiel der Franzosen nicht."

Jetzt steht Deschamps im Halbfinale (gegen eine große Mannschaft), aber er steht auch immer noch am Anfang seiner Trainerarbeit. Vor der Heim-EM hatte er alle Störfaktoren im Kader aussortiert, seither testet er vor den Augen der Fußballwelt, welches System die Grande Nation zurück an die Spitze führen könnte. Während des laufenden Turniers erwartete die Fans deshalb bei jedem Spiel eine Überraschung. Zur Präzisionsarbeit fehlt dem Trainer die Zeit.

Die Offensive: Große Power, aber fehlende Kontinuität

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Wie die Aufstellungen, so variierte auch das Auftreten der Mannschaft: von aus Fansicht schwerer Fußballkost gegen Rumänien und Albanien bis hin zu spielerisch ansprechenden Vorstellungen in der zweiten Halbzeit gegen Irland und allen voran die erste Halbzeit gegen Island. Sobald die Kleingruppe in der Offensive aus Antoine Griezmann, Dimitri Payet, Paul Pogba und Olivier Giroud zu kombinieren begann, wurden Erinnerungen wach an die Welt- und Europameister von 1998 und 2000. Die vier Stars sind Frankreichs stärkste Waffen.

Bislang gab es im Turnier nur ein Spiel der Franzosen mit zwei gleichmäßigen Halbzeiten: das 0:0 gegen die Schweiz. Sonst gelang es nicht, konstant über die Ballkontrolle den Rhythmus des Spiels zu bestimmen und konstant dieselben Erfolg versprechenden taktischen Muster zu zeigen. Einen Anhaltspunkt dafür liefern die klassischen Daten der Spielanalyse wie Anzahl der Pässe, Verteilung der Pässe in kurz, mittel und lang sowie die effektive Spielzeit. Eine Interpretation wäre, dass Frankreich sehr flexibel agiert; eine andere ist aber, dass das Team noch nicht die Kontinuität hat, um über die gesamte Spieldauer erfolgreiche taktische Muster abzurufen.

Frankreichs Taktikmuster gegen die Schweiz, Irland und Island
Institut für Spielanalyse

Frankreichs Taktikmuster gegen die Schweiz, Irland und Island

Man kann sich als Beleg für die zweite These die Ballkontrollphasen aus dem Viertelfinale gegen Island anschauen. In der ersten Halbzeit gelang es den Franzosen immer wieder, das Spiel zu kontrollieren, entweder

  • durch die Konzentration auf das zentrale Mittelfeld und die zwischen die eigenen Verteidiger sinkenden Blaise Matuidi und Paul Pogba oder
  • mit riskanten Pässen in das offensive Zentrum oder
  • mit langen Bällen direkt hinter die Abwehr der Isländer.

In der zweiten Hälfte war die Phase, in der Frankreich den Ball kontrollierte, im Schnitt 5,5 Sekunden kürzer als in der ersten. Und noch etwas war auffällig: Während Deschamps' Team in der ersten Halbzeit fast jeden Angriff zu Ende spielte, gelang das in der zweiten Hälfte nicht mehr.

Die Defensive: Instabil und inkonsequent

Hier ist das Island-Spiel eine richtige Warnung. Denn im Viertelfinale gegen den krassen Außenseiter kassierte die französische Hintermannschaft erneut fahrlässig Gegentore, die gegen Weltmeister Deutschland im Halbfinale das Aus bedeuten könnten. Zudem fehlen wichtige Spieler (Raphaël Varane), manch Verfügbarem fehlt Erfahrung auf höchstem Niveau (Samuel Umtiti).

Das Defensivverhalten der Franzosen hat zusammenfassend nach fünf Spielen vier Schwachstellen:

  • Die Zuordnung bei Standardsituationen ist nicht strukturiert und mit individuellen Fehlern durchsetzt, sodass auch Island wieder zu insgesamt fünf Torschüssen nach eben diesen Situationen kam.
  • Das Gegenpressing ist inkonsequent und ließ allen Gegnern bei der Euro 2016 Zeit und Raum für das Konterspiel.
  • Die Anzahl an Stellungsfehlern auf den defensiven Außenbahnen mit Sagna und Evra sind im Vergleich zur Qualität der bisher aufgelaufenen Gegenspieler beträchtlich.
  • Die Innenverteidigung ist zuweilen instabil und überdies nicht eingespielt.

Hier droht gegen Deutschland besonders Ungemach, zumal bereits zwei Elfmeter gegen die bisherigen Gegner im Eins-gegen-eins im Strafraum verursacht wurden. Deschamps muss hoffen, dass wenigstens seine bisher größte defensive Konstante funktioniert: Torhüter Hugo Lloris. Denn dieses Mal geht es nicht gegen Zweitligastürmer aus Osteuropa oder von der irischen und isländischen Insel, es stürmen stattdessen Weltmeister auf Frankreichs Abwehr zu.

Verteilung von Frankreichs Torschüssen
Institut für Spielanalyse

Verteilung von Frankreichs Torschüssen

Dass bei den Deutschen Mario Gómez fehlt, muss auch keine gute Nachricht für Frankreich sein. Da kein weiterer Stoßstürmer mehr im DFB-Kader steht, wird Joachim Löw auf die "falsche Neun" zurückgreifen und damit eine schnell kombinierende Elf ins Spiel schicken, was den Defensivverband der Franzosen vor große Herausforderungen stellen wird.

Dazu kommt die Kopfballstärke der Deutschen. Zwar fehlt mit Mats Hummels der Torschütze vom letzten Aufeinandertreffen 2014, dafür steht mit Shkodran Mustafi ein offensiv gefährlicher Innenverteidiger zur Verfügung, der sein Können bereits im Auftaktspiel präsentierte. Rückt zudem Emre Can in die Startelf (als Khedira-Ersatz), gesellt sich ein weiterer potenzieller Torschütze aus der Luft dazu.

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