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Deutsches EM-Aus Am Ende aller Träume

Sie haben wochenlang begeistert, viele Erwartungen geweckt - doch der Traum vom EM-Titel ist für die deutsche Nationalmannschaft geplatzt. Kaum ein DFB-Spieler konnte nach der Niederlage gegen Italien seine Enttäuschung in Worte fassen. In der Kabine wurde geweint.

Thomas Müller fluchte und gestikulierte, wie es häufig nur heißblütigen Italienern nachgesagt wird. Auf dem Weg in die Kabine, direkt nach dem Abpfiff der 1:2-Halbfinalniederlage gegen Italien, stampfte der 22-Jährige vom Platz, vertieft in ein Gespräch mit sich selbst. Vielleicht befand Müller sich aber auch im Zwiegespräch mit dem Fußballgott.

Zum vierten Mal in Folge hatte Deutschland in einem Halbfinale eines großen Turniers gestanden. Zum vierten Mal konnte das DFB-Team den ganz großen Erfolg nicht für sich verbuchen, weil es wieder am Angstgegner Italien gescheitert war. Dabei war Deutschland im Lauf des Turniers zum Top-Favoriten aufgestiegen. Italien hingegen kam vom Wettskandal durchgerüttelt zur EM. Kaum jemand hatte den Azzurri zugetraut, dermaßen zu überzeugen.

Nach dem Schlusspfiff war das alles Makulatur. Die deutschen Spieler kauerten auf dem Boden, die Köpfe zwischen den Knien versteckt, ihre Blicke gingen ins Leere. Um sie herum tanzten und feierten die Italiener einen Sieg, den die Deutschen eigentlich fest für sich eingeplant hatten.

Von Italien ausgekontert

"Italien war heute die klar bessere Mannschaft. Sie haben sehr gut gespielt", sagte der sichtlich geknickte Kapitän Philipp Lahm. Ein Trost für die DFB-Spieler ist diese Einsicht nicht. Man hatte nicht mit Pech oder durch Unglück verloren, man wurde von Italien ausgespielt. Den beiden Treffern von Mario Balotelli (20./36. Minute) gingen zudem krasse Abwehrfehler der DFB-Elf voraus. "Egal wie die Niederlage zustande kam, wir sind jetzt alle niedergeschlagen und enttäuscht. Das tut einfach nur weh. Wir hatten uns ja sehr viel vorgenommen", sagte Reservist Ilkay Gündogan.

Bundestrainer Joachim Löw, der vor dem Spiel mit einer eigenwilligen Aufstellung viele Fragen aufgeworfen hatte, gab erste Einblicke in die Mannschaftskabine: "Es war totenstill. Auch Tränen sind geflossen. Die Enttäuschung ist riesengroß." Löw gab sich ruhig, redete analytisch, klar. Ihn schien die Niederlage nicht aus der Bahn zu werfen, wahrscheinlich hat der große Planer auch dieses Szenario vorher im Kopf durchgespielt.

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Niederlage gegen Italien: Balotelli trifft, Deutschland weint

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Ganz anders sah es bei den Führungsspielern des Teams aus. Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira schlurften wortlos am Großteil der Journalisten vorbei. Angreifer Miroslav Klose, der zur Pause den enttäuschenden Mario Gomez ersetzt hatte, hingegen sprach mit stiller, leiser Stimme: "Die Mannschaft ist ja noch jung, sie kann noch viel erreichen. Aber für mich gibt es nicht mehr viele Welt- oder Europameisterschaften. Deswegen bin ich ganz besonders enttäuscht."

Der 34-Jährige, zweitbester deutscher Torschütze der Geschichte, stand nun zum fünften Mal bei einem Großturnier im Halbfinale. Gewonnen hat er bislang jedoch noch keinen einzigen internationalen Titel.

Bierhoff spürt "eine große Leere"

"Unsere Ansprüche waren sehr hoch. Von außen und an uns selbst. Wir wollten hier gewinnen", sagte Teammanager Oliver Bierhoff. Der 44-Jährige gratulierte in den Katakomben des Warschauer Nationalstadions Gianluigi Buffon mit einer innigen Umarmung zum Finaleinzug, sprach länger auf italienisch mit dem Torwart.

Bierhoff wirkte gefasst, auch wenn er später sagte: "Ich spüre eine große Leere. Heute enden zwei Jahre Arbeit. Wir haben eine starke EM-Qualifikation gespielt, auch in diesem Turnier haben wir viele gute Leistungen gezeigt. Wir haben uns vorbereitet, alles bis ins Detail geplant. Natürlich fragt man sich jetzt, wofür das alles war."

Lukas Podolski, im Spiel einer der Schwächsten auf dem Platz, hingegen mahnte zur Demut und sagte: "Wir sind unter die letzten Vier gekommen, damit muss man schon zufrieden sein." Es klang nicht so, als ob er selbst an diese Worte glauben würde. Ehrlicher hörten sich dagegen die Worte von Kapitän Lahm an: "Wir haben auch diesmal sehr hart gearbeitet. Und so werden wir auch weitermachen. Aber das ist keine Garantie dafür, dass wir jemals einen internationalen Titel holen werden."

Deutschland - Italien 1:2 (0:2)
0:1 Balotelli (20.)
0:2 Balotelli (36.)
1:2 Özil (90.+2/Handelfmeter)
Deutschland: Neuer - J. Boateng (71. T. Müller), M. Hummels, Badstuber, Lahm - B. Schweinsteiger, S. Khedira - T. Kroos, Özil, Podolski (46. Reus) - Gomez (46. Klose
Italien: Buffon - Balzaretti, Barzagli, Bonucci, Chiellini - Pirlo - Marchisio, Montolivo (64. T. Motta), De Rossi - Balotelli (70. Di Natale), Cassano (58. Diamanti)
Schiedsrichter: Lannoy (Frankreich)
Zuschauer: 55.540
Gelbe Karten: M. Hummels - Bonucci, De Rossi, Balotelli, T. Motta

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