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DFB-Niederlage gegen Italien Opfer des blauen Fluchs

Addio, Deutschland. Wieder wird es nichts mit dem Titel: Die deutsche Nationalmannschaft ist bei der EM im Halbfinale ausgeschieden - mal wieder gegen Italien. Stürmer Mario Balotelli nutzte zwei Patzer der deutschen Abwehr gnadenlos. Das Wirken von Bundestrainer Joachim Löw bleibt damit unvollendet.
Von Jan Reschke

Hamburg - Der Gesichtsausdruck von Bundestrainer Joachim Löw spiegelte Verzweiflung wider. Da hatte er in diesem Turnier bislang alles richtig gemacht, seine Mannschaft hatte wie kaum eine andere überzeugt - nur um nach dem Halbfinale der EM gegen Italien erneut mit leeren Händen dazustehen. Wie nach der EM 2008. Wie nach der WM 2010. Diese so talentierte Generation deutscher Fußballer, sie bleibt unvollendet. Wie auch das Wirken von Löw.

Zwei grobe Patzer in der Defensive, die Italiens Mario Balotelli konsequent nutzte (20.Minute/36.), sorgten für eine 1:2 (0:2)-Niederlage und das Aus der deutschen Mannschaft. Der Anschlusstreffer von Mesut Özil (90.+2) in der Nachspielzeit per Elfmeter reichte nicht. Damit bleibt es dabei: Deutschland kann gegen die Azzurri in Pflichtspielen nicht gewinnen. Der blaue Fluch, er scheint dem deutschen Team treu zu bleiben.

"Wir machen dumme Fehler und kriegen so unsere Gegentore. In unserer Mannschaft steckt so viel Potential für mehr, aber wenn man das in gewissen Situationen nicht abrufen kann und nicht clever genug ist, reicht es eben am Ende nicht", sagte Kapitän Philipp Lahm.

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Niederlage gegen Italien: Balotelli zerstört Deutschlands Träume

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Italien trifft nun im Finale am Sonntag (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) auf Spanien, das gegen Portugal im Elfmeterschießen gewonnen hatte. Italiens Coach Cesare Prandelli sagte: "Das war ein Wahnsinnsspiel. Wir haben genau das gemacht, was wir uns vorgenommen hatten." Durch den Sieg hat sich Italien auch für den Confederations Cup im kommenden Sommer in Brasilien qualifiziert.

Löw hatte lange ein Geheimnis um seine Aufstellung gemacht. Zu viel war ihm vor den vergangenen Partien vorab in die Öffentlichkeit getragen worden. Diesmal wurde erst rund eine Stunde vor Spielbeginn bekannt, dass Toni Kroos, Mario Gomez und Lukas Podolski in der Startelf stehen sollten.

Hatte man mit den Nominierungen von Gomez und Podolski für Miroslav Klose und André Schürrle rechnen können, kam der Startelfeinsatz von Kroos auf der rechten Seite völlig überraschend. Zumal dort im Viertelfinale Marco Reus eine überragende Partie gezeigt hatte und Kroos sonst eher im defensiven Mittelfeld der DFB-Mannschaft zum Einsatz kam. "Ich wollte die Zentrale mit Kroos stärken", sagte Löw zu den Gründen für seine Wechsel.

Pirlo rettet früh auf der Linie

Die Umstellungen beeinträchtigten das deutsche Spiel zunächst nicht - im Gegenteil. Von Beginn an versuchten Bastian Schweinsteiger und Co. sich Chancen zu erspielen. Innenverteidiger Mats Hummels kam in der fünften Minute nach einer Ecke aus kurzer Distanz an den Ball, Andrea Pirlo rettete auf der Linie.

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DFB-Einzelkritik: Die Zeugen Balotellis

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Die Italiener spielten sehr offensiv. Teilweise sahen sich die deutschen Mittelfeldleute gleich fünf Gegenspielern gegenüber, in der deutschen Hälfte wohlgemerkt. Durch die offensive Ausrichtung der Italiener boten sich umgekehrt viele Räume.

Wie in der zwölften Minute, als Sami Khedira gleich drei Italiener ausspielte und den Ball zu Jérôme Boateng ablegte. Dessen Hereingabe konnte Gianluigi Buffon nicht festhalten. Andrea Barzagli beförderte den Ball unabsichtlich nur Zentimeter neben das eigene Tor. Eine Minute später prüfte Kroos Buffon. Die deutsche Anfangsphase, sie konnte sich sehen lassen.

Balotelli nutzt deutsche Patzer konsequent

In der 17. Minute musste Manuel Neuer das erste Mal eingreifen, als Riccardo Montolivo es mit einem Schuss probierte. Eine Minute darauf versuchte es Antonio Cassano. Was sich da anbahnte, wurde wenig später Gewissheit: Mario Balotelli sorgte für die Führung der Italiener. Hummels konnte auf der Außenbahn Cassano nicht stoppen, dessen Flanke brauchte Balotelli nur noch einzunicken (20.). "Die Flanke zu Balotelli beim 0:1 durfte nicht kommen. Am Anfang haben wir die Sache ganz gut im Griff gehabt", so Löw.

Die deutsche Antwort? Ein Schüsschen von Mesut Özil (27.). Ein Schüsschen von Kroos (30.). Ein verpasster Ball im Strafraum von Podolski (34.). Im Gegenzug hatte die DFB-Elf Glück, dass Montolivo in der 34. Minute zu lange mit dem Abschluss wartete.

Dachte man beim Schuss von Khedira in der 35. Minute, den Buffon knapp abwehren konnte, noch, dass die deutsche Elf wieder ins Spiel zurückgefunden hätte, belehrte Balotelli die Zuschauer schnell eines Besseren. Nach einem Zuspiel von Montolivo verschätzte sich Philipp Lahm und Balotelli drosch den Ball nach einem Konter zum 2:0 ins Netz (36.).

Balotelli verkörpert Extraklasse auf dem Platz

Balotelli, immer wieder Balotelli. Vor und während der EM bediente er beinahe im Tagesrythmus den Boulevard mit neuen Geschichten. Doch so exzentrisch der Stürmer in seiner Außendarstellung wirkt, so sehr verkörpert er Extraklasse auf dem Platz.

Nach der Pause reagierte Löw, brachte Reus für Podolski und Klose für Gomez. Und das zeigte Wirkung: Lahm scheiterte in der 49. Minute nur knapp. Die deutsche Mannschaft machte in der Offensive enorm viel Druck. Den Freistoß von Reus konnte Buffon gerade noch parieren (62.).

Aber auch die Italiener blieben gefährlich, Claudio Marchisio scheiterte nach einem Konter nur knapp (67.). In der 75. Minute hätte er für die Entscheidung sorgen können, er übersah aber seinen besser postierten Mitspieler Antonio di Natale. Italien war zu diesem Zeitpunkt näher dran am dritten Tor als Deutschland am ersten.

Bis in die Nachspielzeit: Da bekam Federico Balzaretti den Ball im Strafraum an die Hand. Schiedsrichter Stéphane Lannoy entschied auf Strafstoß, den Özil verwandeln konnte. Ein weiterer Treffer fiel aber nicht mehr, Deutschland ist ausgeschieden. Der Traum vom Titelgewinn, er bleibt unerfüllt.

Deutschland - Italien 1:2 (0:2)
0:1 Balotelli (20.)
0:2 Balotelli (36.)
1:2 Özil (90.+2/Handelfmeter)
Deutschland: Neuer - J. Boateng (71. T. Müller), M. Hummels, Badstuber, Lahm - B. Schweinsteiger, S. Khedira - T. Kroos, Özil, Podolski (46. Reus) - Gomez (46. Klose
Italien: Buffon - Balzaretti, Barzagli, Bonucci, Chiellini - Pirlo - Marchisio, Montolivo (64. T. Motta), De Rossi - Balotelli (70. Di Natale), Cassano (58. Diamanti)
Schiedsrichter: Stéphane Lannoy (Frankreich)
Zuschauer: 55.540
Gelbe Karten: M. Hummels - Bonucci, De Rossi, Balotelli, T. Motta

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