EM-Halbfinale Jungstar Robben ist Advocaats Liebling

Im ersten Halbfinale heute Abend fürchten die Portugiesen vor allem Hollands Torjäger Ruud van Nistelrooy. Ebenso wichtig für die Oranje-Offensive ist der 20-jährige Arjen Robben, der bei der EM den internationalen Durchbruch schaffte. Chelseas Neuzugang ist für den schwer angeschlagenen Coach Dick Advocaat eine starke Stütze.

Von Till Schwertfeger, Albufeira


Hoffnungsträger Robben: "Der Trainer musste viel Kritik einstecken"
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Hoffnungsträger Robben: "Der Trainer musste viel Kritik einstecken"

Als zuletzt ein EM-Gastgeber den Coupe Henri Delaunay gewann, war Arjen Robben gerade ein halbes Jahr alt. 1984 führte Michel Platini mit neun Toren die Franzosen zum EM-Titelgewinn. Seither scheiterte die Heimmannschaft immer in der Vorschlussrunde.

Deutschland musste sich 1988 den Niederlanden geschlagen geben, vier Jahre später erwischte es die Schweden gegen das DFB-Team. 1996 war für England nach der Niederlage im Elfmeterschießen gegen die Deutschen im Halbfinale Endstation. Und 2000 scheiterte Holland (gemeinsam Ausrichter mit Belgien) an Italien. Auf das Gesetz der Serie setzt jetzt auch der niederländische Coach Dick Advocaat. "Ich hoffe, dass es auch uns gelingt, im Halbfinale den Gastgeber auszuschalten", sagt der in den heimischen Medien schlecht gelittene Bondscoach vor der heutigen Partie in Lissabon gegen Portugal (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE).

Ausgerechnet die Personalie Arjen Robben hatte Advocaat zur Zielscheibe der gnadenlosen Fußballkritiker gemacht. Es war im zweiten Vorrundenspiel gegen Tschechien. Holland führte mit 2:1, da nahm Advocaat mit Linksaußen Robben den besten Spieler vom Platz, und die Partie ging noch verloren. Der Grund für die Auswechselung ist nachvollziehbar. Der 20-Jährige hatte sich monatelang mit einem verletzten Oberschenkel geplagt und sollte bei seinem EM-Debüt nicht überfordert werden. Denn Advocaat hält große Stücke auf Robben, der nach Turnierende für 18 Millionen Euro vom PSV Eindhoven zum FC Chelsea wechselt.

Trotz der hartnäckigen Blessur hatte der zweitjüngste Spieler im niederländischen Kader schon vor einem Vierteljahr sein Portugal-Ticket garantiert bekommen. Robben dankte Advocaat das Vertrauen mit guten Leistungen. Gegen Schweden verwandelte er nervenstark den entscheidenden Elfmeter, der das "Oranje"-Team ins Halbfinale brachte - und Advocaats Gegnern etwas Wind aus den Segeln genommen hat. "Ich bin froh für den Trainer, dass wir so weit gekommen sind", sagt Robben artig, "er musste viel Kritik einstecken."

Im Souterrain des "Algarve Sheraton", seinem luxuriösen EM-Quartier, hat der Koninklijke Nederlandse Voetbalbond vor der Partie gegen Portugal vier seiner Jungstars zur internationalen Pressekonferenz aufgeboten. Die meisten Fragen gehen an Robben, der in den vergangenen zwei Wochen zum Anführer der so genannten "Jonkies" ("jungen Hunde") aufgestiegen ist. Entspannt und selbstsicher sitzt er ganz links auf dem Podium. "Wir haben jetzt eine starke Mannschaft, der Teamgeist ist sehr gut", antwortet er ebenso knapp wie optimistisch. Drei Plätze weiter neben den Innenverteidigern Wilfried Bouma und Johnny Heitinga, kauert Rafael van der Vart, 21.

Das "größte Talent des Weltfußballs", wie das Fachmagazin "France Football" schrieb, als van der Vart mit 18 Jahren in der niederländischen Nationalelf debütierte, durfte bei dieser Europameisterschaft erst einmal spielen: zum Auftakt gegen Deutschland, in der schlechtesten Partie der Elftal. "Es ist sehr schwierig für mich", gesteht der Kapitän von Ajax Amsterdam, dem viele Experten zugetraut hatten, der große EM-Star zu werden. Und sehr leise fügt van der Vaart hinzu: "Weil unser System geändert wurde, musste einer raus. Und das war ich." Statt 4-4-2 mit ihm als offensivstem Spieler in der Mittelfeldraute greifen die Holländer auf Altbewährtes zurück: Sie vertrauen drei Angreifern - zwei auf den Flügeln und einer in der Mitte.

Verlierer van der Vaart: Opfer des Systemwechsels
DPA

Verlierer van der Vaart: Opfer des Systemwechsels

Nach vielen verbalen Sticheleien gegen Advocaat in der unruhigen Vorbereitungsphase, vor allem wegen der Systemfrage, hat die glücklich überstandene Vorrunde und der Erfolg im Elfmeterschießen gegen Schweden offenbar zu einem Burgfrieden zwischen dem niederländischen Starensemble und seinem Trainer geführt. "Nur das Ergebnis zählt", sagt Robben - und das stimmt bislang. Ähnlich wie die Equipe Tricolore bei der WM 1998 sich mit dem von den französischen Medien hartnäckig gescholtenen Coach Aimé Jacquet erfolgreich solidarisierte, halten jetzt Hollands Nationalspieler zu Advocaat. Selbst der für sein loses Mundwerk bekannte van der Vaart, in der Heimat auch auf Grund seiner Liaison mit dem niederländischen Soapstar Sylvie Meis ständig in den Schlagzeilen, beißt sich auf die Zunge. "Advocaat ist ein guter Mann", lautet sein Urteil über den Trainer, der ihn auf die Bank gesetzt hat.

Weil das viele niederländische Journalisten nicht so sehen und dies auch öffentlich kundtun, ist Advocaat mittlerweile angeschlagen. Er ist ständig in der Defensive, muss sich für alles, was er tut, rechtfertigen. "Kritik ist Teil des Geschäfts", sagt Advocaat verbittert, "aber zu versuchen, jemandem das Genick zu brechen, ist etwas anderes." Selbst die Zuschauer des rustikalen EM-Stammtisches "Villa BvD" haben Mitleid mit dem 56-Jährigen. 79 Prozent der Teilnehmer einer Umfrage finden, dass die Kritiker Advocaat zu hart anpacken.

Was den Coach nach der Rückkehr aus Portugal wohl erwarten werde, wird Robben gefragt. "Wenn wir gewinnen, ist alles gut, glaube ich", so der Jungstar zögerlich. Doch Advocaat selbst scheint seinen Rücktritt geplant zu haben - egal wie das Halbfinale gegen Portugal und das mögliche Endspiel gegen Tschechien oder Griechenland ausgehen mögen. "Es gibt ein Leben nach dem Fußball", lautet seine Erkenntnis dieser EM.

Portugal - Niederlande 20.45 Uhr in Lissabon
(die voraussichtlichen Mannschaftsaufstellungen)
Portugal: 1 Ricardo - 13 Miguel, 16 Carvalho, 4 Andrade, 14 Vatente - 6 Costinha, 18 Maniche, 20 Deco, 7 Figo - 17 Ronaldo, Nuno Gomes (9 Pauleta)
Niederlande: 1 van der Sar - 2 Reiziger, 4 Bouma, 3 Stam, 5 van Bronckhorst - 20 Seedorf, 8 Davids, 6 Cocu - 7 van der Meyde, 10 van Nistelrooy, 17 Robben
Schiedsrichter: Frisk (Schweden)



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