EM-Historie Ein Münzwurf ermöglichte Italien den Titel

Mehr Glück als Können: Wegen eines gewonnenen Münzwurfs überstand Gastgeber Italien 1968 das EM-Halbfinale und holte später den Titel. Schiedsrichter Kurt Tschenscher erinnert sich im Magazin "11 FREUNDE" an die Partie, die zur Geburtsstunde des Elfmeterschießens wurde.


Die Sowjets hätten dieses Halbfinale am 5. Juni 1968 in Neapel eigentlich schon in der regulären Spielzeit gewinnen müssen. Sie waren die taktisch bessere Mannschaft und hatten im Gegensatz zu den Italienern, denen gar nichts gelang, etliche Torchancen gehabt. Doch es blieb auch nach der Verlängerung beim 0:0. Mir war klar, dass es zu einer Entscheidung per Münzwurf kommen musste, da es noch kein Elfmeterschießen gab.

Italiens Kapitän Facchetti (r., 1969 gegen die DDR): Großes Glück
DPA

Italiens Kapitän Facchetti (r., 1969 gegen die DDR): Großes Glück

Ich schritt also mit den beiden Kapitänen Giacinto Facchetti und Iouri Istomine in Richtung Anstoßkreis, weil ich dachte, dass die Sache – genauso wie bei der Platzwahl – unter freiem Himmel stattfinden würde. Dort warteten wir auf die beiden Verbandspräsidenten, Valentin Granatkin – der war zu dieser Zeit auch Sportminister der UdSSR – und Artemio Franchi, den späteren Uefa-Boss.

Die beiden Herren teilten uns jedoch mit, dass der Münzwurf in meiner Kabine, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, stattfinden solle. Ich musste diesen Entschluss akzeptieren, obwohl er für mich als Schiedsrichter nicht nachvollziehbar war. Also gingen meine Assistenten und ich mit den Kapitänen und den beiden Funktionären in die Katakomben.

Facchetti und Istomine mussten auf dem Gang warten. Hinter geschlossener Kabinentür fragte mich Granatkin sofort, ob ich denn eine geeignete Münze hätte. Ja, ich besaß eine türkische Spielmünze, die mir einmal ein Kollege geschenkt hatte – auf der einen Seite war ein Fußball, auf der anderen war ein Fußballtor abgebildet. Man wählte also nicht "Kopf oder Zahl", sondern "Ball oder Tor".

Erstaunlicherweise bat mich Granatkin, mit der Münze zunächst einen Probewurf zu machen. Franchi stimmte dem Vorschlag zu und überließ seinem Kontrahenten die Wahl. Dieser setzte auf die Ball-Seite, und meine Münze zeigte beim ersten Wurf auch prompt den Ball, womit die UdSSR weiter gewesen wäre. Immerhin: Der Probewurf hatte die angespannte Stimmung etwas gelockert, und lächelnd überließ Granatkin nun Franchi die Wahl. Der Italiener setzte auf Tor.

Ich warf die Münze noch einmal hoch, und diesmal lag sie mit der Tor-Seite nach oben auf meinem Handrücken – damit waren Spiel und Schicksal besiegelt. Italien war im Finale. Wir gaben uns alle die Hand, meine Assistenten notierten den Entscheid im offiziellen Spielprotokoll, und dann machten wir die Kabinentür wieder auf, um den beiden Mannschaftskapitänen das Ergebnis mitzuteilen.

Iouri Istomine wirkte recht gefasst, zumal er von seinem Präsidenten Granatkin direkt tröstend umarmt wurde. Facchetti aber raste durch die Kabinengänge aufs Spielfeld, um seinen Mitspielern die Nachricht zu überbringen. Noch während ich im Gang mit den beiden Funktionären sprach, brach draußen auf den Rängen ein unbeschreiblicher Jubel aus. Die Italiener tanzten ausgelassen überall herum, während die sowjetischen Spieler mit versteinerten Gesichtern von draußen hereinschlichen.

Noch heute denke ich: Ein Münzwurf war bei solch einem wichtigen Spiel mehr als unangemessen. Aber wissen Sie, was der russische Fußballpräsident direkt nach dem Münzwurf in der Kabine zu mir sagte? "Herr Tschenscher", sagte er, "wir müssen für solch eine Situation schnell eine andere Lösung finden, so etwas wie das hier darf es nie wieder geben. Wir brauchen ein Elfmeterschießen."

Protokoll: Mike Draegert



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.