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18. April 2007, 16:45 Uhr

EM in Polen und Ukraine

Kick von der Uefa

Von Olaf Sundermeyer, Warschau

Polen und Ukrainer jubeln: 2012 wird die Fußball-EM in den Nachbarländern stattfinden - und für einen Entwicklungsschub sorgen. Die Entscheidung der Uefa setzt die Gastgeber aber auch unter Druck. Es fehlt an geeigneten Stadien, Korruption und Gewalt dominieren mancherorts den Sportalltag.

Menschen tanzen auf der Straße, liegen sich in den Armen, feiern, jubeln. In Warschau bildet sich ein Meer aus Tausenden rot-weißen Fahnen, Cheerleader tanzen auf den vielen Open-Air-Bühnen. "Wenn das unser Heiliger Vater noch hätte erleben dürfen", sagt Kazimierz Ducha, der seine Begeisterung über die Uefa-Entscheidung auf seine ganz persönliche Weise zeigt. Vor Jahren kam er nach Warschau, um ein Schuhgeschäft zu eröffnen, aus Ostpolen, wo die Religion noch vor der Politik kommt, vor dem Fußball sowieso. "Aber schließlich war der polnische Papst unser größter Fußballfan", sagt Ducha.

Ein anderer - und im Gegensatz zum verstorbenen Papst Johannes Paul II. noch lebendiger - prominenter Fan ist der polnische Präsident Lech Kaczynski, der heute einen Glücksmoment erlebte. Und es schien so, als wolle er sich den von niemandem versauen lassen. Schon gar nicht von den Auslandsmedien, daher stellte er auf einer eiligen Pressekonferenz gleich klar: "Wir haben keinerlei Finanzierungsprobleme. Vor diesem Gedanken möchte ich ausdrücklich warnen. Polen hat heute einen unvergleichbar größeren Wohlstand als im Jahr 1989." Gleichzeitig appellierte er sowohl an polnische als auch an ausländische Unternehmen, sich für die Europameisterschaft 2012 zu engagieren. Die Warschauer Börse reagierte prompt, die Kurse stiegen um durchschnittlich 1,27 Prozent.

Wo dieses Engagement benötigt wird, deutete der Europaabgeordnete Ryszard Czarnecki von der populistischen Regierungspartei Samoobrona (Selbstverteidigung) an: "Für diese Meisterschaft werden wir Autobahnen, Hotels und Stadien bauen." Von den acht Sportstätten, die in der gemeinsamen Bewerbung Polens und der Ukraine vorgesehen sind, sind die meisten bislang nur virtueller Art. Die existierenden Stadien sind dagegen zumeist marode und zu klein. Im ostukrainischen Donezk ist der gute Wille schon zu besichtigen: Im "Leninsky Komsomol Park" am Stadtrand der Bergbaustadt entsteht ein modernes Stadion mit 50.000 Sitzplätzen, das den höchsten Uefa-Richtlinien entspricht. Hier soll der Ball für ein Viertel- und ein Halbfinale der Europameisterschaft in fünf Jahren rollen. Bauherr ist Rinat Achmetow; der wohl reichste Mann der Ukraine kann die Bausumme von über 250 Millionen Euro aufbringen. Schon im kommenden Jahr soll hier die Spitzenmannschaft Schachtjor Donezk spielen. Achmetow ist Präsident und Eigentümer des Clubs, der ein britisches Büro mit der Planung des Stadions beauftragt hat. Auf dessen Referenzliste steht unter anderem die Allianz Arena in München.

In der ukrainischen Hauptstadt Kiew kümmert sich gar die Familienbande von Uefa-Vorstandsmitglied Grigorij Surkis persönlich um das Endspielstadion. Surkis gilt als der östlichste Vertraute des neuen Uefa-Präsidenten Michel Platini. Allerdings gehören diese Oligarchen zum "blauen" Lager in der Ukraine, also dem russlandfreundlichen, das sich gegen den "orangenen" Präsidenten Wiktor Juschtschenko stellt. Mit der Euro 2012 verbindet sich nun die Hoffnung auf einen Prozess der Einigkeit in dem riesigen Land, das politisch zwischen der EU und Russland pendelt.

In Polen sieht man die Partnerschaft mit der Ukraine als politisches Signal. Denn seit der sogenannten orangenen Revolution in Kiew tritt Warschau als Anwalt des ukrainischen Bestrebens auf, EU-Mitglied zu werden. Neben den Stadien gibt es in Polen allerdings noch andere Baustellen, auf denen es in den kommenden fünf Jahren zu arbeiten gilt. So hat das Land ein riesiges Hooliganproblem: Die gewalttätigen Fußballanhänger gelten als die gefährlichsten in Europa. Bis zu 5000 von ihnen soll es geben, die man in Deutschland in die gewaltsuchende Kategorie C einordnen würde.

Das sind Schätzungen, denn die polnische Polizei vermochte es bislang nicht, eine funktionierende Hooligan-Datei zu erstellen, wie sie beispielsweise die deutsche benutzt. Vor allem der junge Justizminister Zbigniew Ziobro (PiS) versucht sich gerne als Sheriff zu profilieren. Zuletzt legte er ein Konzept für sogenannte Schnellgerichte vor, mit denen Hooligans binnen 24 Stunden verurteilt werden könnten. Funktionierende Fanprojekte, die vorbeugend mit dem Problem umgehen, gibt es dagegen ebenso wenig wie ein nationales Sicherheitskonzept.

Denn der Zuschlag zur Euro 2012 soll das alles ändern: "Wir können mit der EM eine ganz neue Wirklichkeit gestalten", sagte etwa Jerzy Dudek, polnischer Volksheld und inzwischen degradierter Nationaltorhüter vom FC Liverpool. Denn die polnische Fußballwirklichkeit findet in einer korrumpierten Liga, der "Ekstrakalsa", statt. Sie hat sich im Netz eines Schiedsrichterskandals verfangen, der dem italienischen Beispiel in nichts nachsteht. Auch der nationale Fußballverband PZPN ist angeblich involviert: Hier pflegen alte postkommunistische Seilschaften ihre undurchsichtige Vetternwirtschaft. Zwischen dem PZPN und der Regierung verläuft eine harte Front, weshalb sich Sportminister Tomasz Lipiec (PiS) auf Geheiß seines Regierungschefs laufend in die Geschäfte des privaten Verbands einmischt. Der wiederum hat einen starken Verbündeten: Fifa-Präsident Joseph S. Blatter; er hatte sich für Polen und die Ukraine als Gastgeber der Euro 2012 stark gemacht.

Es bleibt also die Hoffnung auf einen politischen wie wirtschaftlichen Ruck: Allein Polen erwartet zwei Millionen Besucher zu dem Turnier, deren Transport zwischen den Spielstätten bei jetzigem Stand jedoch ein mittelmäßiges Abenteuer darstellt. Zumindest nach Warschau sind die Verbindungen gut. Vielleicht profitiert gar Kazimierz Ducha von dem erwarteten Boom; schließlich verkauft er in seinem Geschäft auch Fußballschuhe.

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