EM in Portugal Gute Stimmung, leere Kassen

Die Bedenken waren groß. Ist Portugal in der Lage, ein Großereignis wie die Fußball-EM zu bewältigen? Inzwischen hat sich gezeigt, dass die Portugiesen nicht nur hervorragend Fußball spielen können, sondern auch vorzügliche Gastgeber sind. Der erhoffte Wirtschaftsaufschwung durch die Euro 2004 ist allerdings nicht in Sicht.

Von Till Schwertfeger, Almancil


Wunderschönes Lissabon: Nostalgische Verkehrsmittel - hier die "Electrico" - sind typisch für die Hauptstadt Portugals
DDP

Wunderschönes Lissabon: Nostalgische Verkehrsmittel - hier die "Electrico" - sind typisch für die Hauptstadt Portugals

Nach dem atemberaubenden Viertelfinalsieg gegen England lobte Luis Felipe Scolari die Zuschauer überschwänglich. "Ich gratuliere den portugiesischen Fans, die in Unterzahl waren, aber es uns nicht haben spüren lassen", sagte der Coach der "Seleccao" in den Katakomben des Estádio da Luz von Lissabon, in dem sich mehrheitlich Briten breit gemacht hatten. Selbst bei der Heim-EM ist der Zehn-Millionen-Einwohner-Staat am Westrand Europas ein kleiner Außenseiter.

Wie "Puttügall! Puttügall!" hört es sich an, wenn die Anhänger des EM-Gastgebers Luis Figo, Nuno Gomes und Cristiano Ronaldo nach vorne treiben. Sie rufen den Namen ihres Landes mehr, als dass sie ihn schreien, und schwenken aus dem rechten Handgelenk ihre rotgrünen Schals. Es ist ein fröhliches, hoffnungsvolles Anfeuern, wenn es gut steht um die portugiesische Mannschaft. Wenn wie gegen die Engländer eine Niederlage droht, hört es sich ein wenig ängstlich an. Die Portugiesen haben allzu oft erlebt, dass es am Ende nicht reicht.

So hatten auch nur zehn Prozent der Bevölkerung daran geglaubt, dass das größte Sportereignis in der Geschichte Portugals dem wirtschaftlich darbenden Land, das 2001 mit einem Haushaltsdefizit von 4,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts als erstes gegen den EU-Stabilitätspakt verstieß, den großen Aufschwung bringen würde. Die Schwarzseher scheinen Recht zu behalten. Gemäß einer Studie des Finanzministeriums in Lissabon wird die Europameisterschaft trotz der Milliarden-Investitionen in Stadien, Hotels und Infrastruktur und trotz Hunderttausender Fußballtouristen in diesem Sommer das Bruttoinlandsprodukt 2004 nur um maximal 0,08 Prozent steigern.

Wenigstens ist durch viel Improvisationsgeschick das befürchtete Chaos ausgeblieben. Entgegen allen Unkenrufen hatten die Portugiesen alle zehn Stadien vor dem ersten Anpfiff fertig gestellt, auch wenn ringsherum noch gebuddelt und gehämmert wurde. Was nicht passte, wurde passend gemacht: Als zum Viertelfinale in die Algarve-Arena nach Faro-Loulé, wo für gewöhnlich ein Drittligist kickt, fast 30.000 Schweden und Niederländer mit dem Auto zu Besuch kamen und die Parkplätze knapp zu werden drohten, leitete die Polizei die Fahrzeugkolonnen über einen Fahrradweg auf vertrocknete Wiesen, die kurzerhand zum Sonderstellplatz deklariert wurden.

Invasion der Fans: Die Schweizer hatten trotz des ausbleibenden Erfolges ihrer Mannschaft viel Spaß an der Euro
DPA

Invasion der Fans: Die Schweizer hatten trotz des ausbleibenden Erfolges ihrer Mannschaft viel Spaß an der Euro

Überhaupt sind die Portugiesen, deren Hauptwirtschaftszweig der Fremdenverkehr ist, sehr gute Gastgeber: aufgeschlossen, freundlich und begeisterungsfähig. Wie die Tausende jugendlicher Freiwilliger in den Stadien, die mit einem Lächeln auf den Lippen als Kartenkontrolleure und Platzanweiser arbeiten. Wie die Gastwirte, die zu jeder Nachtzeit noch eine leckere Mahlzeit auf den Tisch zaubern. Wie die Strandwächter, die Verständnis für die joggenden deutschen Sportjournalisten haben, die sich in der glühenden Hitze das Leben zusätzlich schwer machen (niemand anders tut das). Wie die Taxifahrer, die sich Mühe geben, Englisch zu sprechen, und für jede aus dem EM-Turnier ausgeschiedene Mannschaft tröstende Worte finden. Sie alle leben herzlich das Motto dieser EM: "Vive o 2004!"



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.