EM-Kolumne Tipp-Kick it like Beckham

Seit 80 Jahren bewegt Tipp-Kick die Phantasie der Fußballfans in ganz Europa. Die Europameisterschaft in Portugal sorgt nun dafür, dass über 100.000 Spiele verkauft wurden und die Tipp-Kick-Gemeinde vor einem ernsthaften Problem steht: Manche EM-Momente sind unmöglich nachzuspielen.

Von Oliver Lück


Tipp-Kicker Heinz Hartwig beim täglichen Training: "Das Bein erst bewegen, wenn der Ball direkt davor liegt"
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Tipp-Kicker Heinz Hartwig beim täglichen Training: "Das Bein erst bewegen, wenn der Ball direkt davor liegt"

Der Mensch spielt nach, was er liebt. Zum Beispiel Fußball. Der spanische Schriftsteller Javier Marías beschreibt in seiner Kurzgeschichte "Hamlet und Macbeth zugleich", wie er als Kind mit seinem Bruder Fernando ein Miniatur-Fußballspiel bastelte, mit viel Hingabe und aus einfachsten Materialien, aus Stoffresten, winzigen Holzstäbchen für die Tore und Kronkorken, die mit den Porträts ihrer Stars beklebt wurden. Gespielt wurde auf dem Fußboden, mit einer Kichererbse oder einem weißen Knopf. Während einer dieser frühen Schlachten muss sich der Zauber des Fußballs für alle Zeiten der Seele Marías' bemächtigt haben.

Schon immer mussten Fußballfans in die Rollen ihrer Helden schlüpfen, um deren unglaubliche Taten noch einmal aufzuführen. Die Geschichte seiner Simulation ist beinahe so alt wie die des Fußballs selbst. Der Klassiker der Nachahmung ist Tipp-Kick. Auch wenn es von seiner Art eher an ein "kick and rush" erinnert, eine Variante, die der Effektivität und nicht den Grundsätzen der Ästhetik verpflichtet ist: den vieleckigen und je zur Hälfte schwarzen und weißen Ball möglichst weit nach vorne zu treten und zu hoffen, dass er die eigene Farbe anzeigt. Kein Wunder, dass manch einer lästert, Tipp-Kick komme dem Fußball müder Männer gleich: "Das Bein erst bewegen, wenn der Ball direkt davor liegt."

Rekordjahr 1954

Doch gerade die Schlichtheit des Tipp-Kick lässt viel Raum für Magie und Mythen des Fußballs, die sich einstellen, sobald man das gusseiserne Schussbein bewegt. Eigens zur Europameisterschaft wurden daher von Hand bemalte Figuren in den aktuellen Trikots der 16 Nationalteams ins Angebot genommen. "Die Leute wollen die Begegnungen zu Hause minutiös nachspielen, Spielszene für Spielszene - da müssen auch die Farben stimmen", verrät Mathias Mieg einen der Erfolgsgründe seiner Firma. Seit 1924 wird dort das Tipp-Kick-Spiel produziert. Und bereits Monate vor dem ersten Anpfiff der EM liefen in dem kleinen Familienunternehmen im Schwarzwald die Telefone heiß. Denn mit jedem Fußball-Großereignis steigt auch der Umsatz von Mieg Sport + Spiel. In Jahren ohne Welt- oder Europameisterschaft werden rund 60.000 Spiele verkauft. In diesem Jahr über 100.000. Und im WM-Jahr 2006 soll der Rekord von 1954 gebrochen werden: 180.000 Spiele.

Von Spiel zu Spiel gesteigert: Portugiesische Tipp-Kick-Figur

Von Spiel zu Spiel gesteigert: Portugiesische Tipp-Kick-Figur

Die EM in Portugal bescherte nun allerdings eine etwas überraschende Verkaufsstatistik. So gingen während der drei Turnierwochen 1877 Figuren im deutschen Trikot über den Ladentisch. Weit abgeschlagen folgen Frankreich (230), Italien (211), Niederlande (181) und England (159). Finalgastgeber Portugal wird mit 82 Kickern Neunter - vor Kamerun (62). Tschechien landet mit 44 verkauften Figuren auf Rang elf, Griechenland (14) bleibt sogar nur Platz 15. Das einzige Team, das in der Statistik gar nicht auftaucht, ist Russland. Niemand wollte zu Hause dem freudlosen Rumpelfußball der russischen Mannschaft nacheifern.

Keiner will ein Russe sein

Angesichts dieser Zahlen fragt man sich natürlich, welche EM-Taten der deutschen Elf zwingend nachspielenswert waren? Das 0:0 gegen Lettland? 1877 Tipp-Kick-Männer im Dress des DFB lassen vermuten, dass die Sehnsucht nach großen Spielen unter den deutschen Anhängern gewaltig sein muss. Und dass die Getreuen versucht haben müssen, sich die EM auf dem heimischen Küchentischen schön zu spielen - "Frings erkämpft sich den Ball, passt auf Kuranyi, der lässt drei Abwehrspieler stehen, legt auf Bobic, Schuss in den Winkel: Tor! 3:0 für Deutschland gegen Tschechien im Endspiel der Europameisterschaft. Mein Gott, wer hätte das gedacht?" Viele haben in dieser Welt aus Tipp und Kick die EM verbracht. Eine Welt, in der Ballack im Spiel gegen Tschechien nicht bloß den Pfosten trifft, Kahn gegen Holland van Nistelrooys Schuss zum 1:1 hält und Rudi Völler für immer Teamchef bleibt.

Beckhams verschossener Elfer

Kämpferisch stark und stets eng am Mann: Griechische Tipp-Kick-Figur

Kämpferisch stark und stets eng am Mann: Griechische Tipp-Kick-Figur

Darüber hinaus einte die Fans des Fingerfußballs europaweit ein ernsthaftes Problem: Einige Momente dieser EM waren tippkicktechnisch unmöglich nachzuempfinden. Allen voran das Hackentor des Schweden Zlatan Ibrahimovic gegen Italien, Francesco Tottis Spuckattentat auf den Dänen Christian Poulsen oder auch der Kopfball des Griechen Angelos Charisteas zum 1:0 gegen Frankreich - die Figuren aus Zink stießen an ihre Grenzen. Problemlos zu kopieren waren dagegen die verschossenen Strafstöße von David Beckham, die in den Wohnzimmern Europas auch stets von einem Spruch begleitet wurden: "Tipp-Kick it like Beckham!"

Figuren mit den Gesichtern der Superstars wird es in Zukunft trotzdem nicht geben. Der Wunsch vieler scheiterte bislang an den Kosten, da es nur eine Gussform gibt: Die Mutter aller Tipp-Kick-Männchen kostet rund 50.000 Euro. Mal eben eine mit dem Kopf von Kurzzeit-Günstlingen wie Rooney oder Baros zu gießen, ist nicht möglich. Doch auch so hat das Spiel nichts von seinem Zauber eingebüßt. Wie einst, rollt man heute noch das Spielfeld aus, stellt die Tore auf und bewegt das Schussbein per Knopfdruck auf dem Kopf der Spielfigur. Tipp-Kick bleibt, wie es seit acht Jahrzehnten ist: Das Eckige muss ins Eckige, alle Spieler sehen wie geklont aus und Deutschland wird Europameister.



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