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Deutschland schwächelt Zu viel Weltmeisterei

Es läuft nicht rund bei der deutschen Nationalelf - und das liegt nicht nur an fehlenden Spielern. Der Weltmeistertitel scheint eher Last als Motivation zu sein. Auch der überragende Teamgeist von Brasilien beginnt zu leiden.

Als Antonio Rüdiger und Max Kruse eine Stunde vor dem Spiel gegen die Iren den Rasen der Gelsenkirchener Arena betraten, um ein bisschen von der Atmosphäre mitzubekommen, gab es bei Stadionsprecher Christian Stoll kein Halten mehr: "Und hier kommen unsere Weltmeister", intonierte er dezibelstark. Dass weder Rüdiger noch Kruse bei der WM in Brasilien dabei waren, wurde souverän ignoriert. Im Moment ist einfach alles, was die Nationalmannschaft angeht, weltmeisterlich. Nur ihr Spiel nicht. Und genau da gibt es einen Zusammenhang.

Nach dem WM-Triumph von Rio hat die Mannschaft vier Länderspiele absolviert, sie hat davon nur eines gewonnen, und das noch äußerst mühsam 2:1 gegen Schottland. Ob das Leben als Weltmeister härter geworden sei, wurde Joachim Löw nach der Niederlage gegen Polen in Warschau gefragt. Löw hat das zurückgewiesen: "Nein, das Leben ist immer noch schöner, wenn man Weltmeister ist." Aber der Titel bringt unbestreitbar Nachteile mit sich.

Zum Beispiel den, dass "die Gegner immer noch ein paar Prozent drauflegen, wenn sie gegen den Weltmeister spielen", sagt Löw. Bei den Polen war das überdeutlich, sie wirkten teilweise wie beseelt. Auch die Iren, ohnehin als einsatzfreudig bekannt, gaben beim 1:1 in Gelsenkirchen keinen Zentimeter des Rasens kampflos her. Aber damit musste man rechnen.

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DFB-Team in der Einzelkritik: Hilflos vor der grünen Wand

Foto: Alex Grimm/ Bongarts/Getty Images

Das Problem scheint weniger bei den Gegnern als beim eigenen Team zu liegen. Zweifellos drücken die Mannschaft derzeit personelle Probleme, die nicht klein sind. Das Fehlen von Spielern wie dem zurückgetretenen Philipp Lahm oder wie den Verletzten Bastian Schweinsteiger, Mesut Özil und Marco Reus sind auch in einem hochkarätigen Kader nicht ohne weiteres aufzufangen. Die Mannschaft hat im Moment weniger Qualität als bei der WM, das lässt sich nicht wegdiskutieren.

Löw sagt, "Lahm, Khedira, Schweinsteiger, Klose - die haben den jungen Spielern gerade in schwierigen Momenten Halt gegeben". Im Moment müssen Manuel Neuer, Thomas Müller und Toni Kroos diesen Part übernehmen. Aus Sicht des Bundestrainers funktioniert das auch, aber das Team muss sich erst neu ausbalancieren.

Die Mannschaft wirkt keineswegs beflügelt durch den Titel, wie man das erwarten könnte. Stattdessen scheint der WM-Gewinn und die damit verbundene Erwartungshaltung eher eine Last zu sein. Seit Juli trägt jeder Nationalspieler den Titel Weltmeister, als sei er fester Bestandteil des Vornamens. Gerade die weniger arrivierten Spieler wie der Gladbacher Christoph Kramer werden eigentlich nur noch im Zusammenhang mit dem Wort Weltmeister zitiert. Die Spieler haben sich das zu Recht am Anfang überaus gern gefallen lassen, es wird aber Zeit, sich davon zu lösen. Und das fällt offenbar nicht leicht.

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DFB-Elf tut sich schwer: Die Last des Titels

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Schuldzuweisungen gab es in Brasilien nicht

Voraussetzung für den Titel, so haben es alle gesagt und empfunden, die dabei waren, war der extrem gute Teamgeist, das Zusammenhalten, das gemeinsame Übernehmen von Verantwortung. Und auch hier bröckelt es.

Dass der Bundestrainer dem Dortmunder Mats Hummels öffentlich das Ausgleichstor ankreidete, dass Toni Kroos die zum irischen 1:1 führenden Fehler bei den Abwehrspielern verortet - Schuldzuweisungen dieser Art hat es in Brasilien nicht gegeben. Der Bundestrainer spricht von einer "gewissen Nervosität" im Team, aber auch er ist davon nicht frei. Selbst bei dem Spaßmacher vom Dienst, Lukas Podolski, droht die gute Laune der Unzufriedenheit über seine nur noch marginale Rolle in der Mannschaft zu weichen.

Die Weltmeisterschaft ist vorbei, sie war für den DFB, für den Trainerstab, für die Spieler eine wunderbare Erfahrung, aber die Gegenwart heißt EM-Qualifikation. Bisher war jedes Länderspiel in Deutschland nach der WM eine Nachfeier. Die Zuschauer zelebrieren ihre Vier-Sterne-Choreographie, auf den Anzeigetafeln läuft wieder und wieder Mario Götze, wie er in der 113. Minute eine Flanke von André Schürrle aufnimmt und zum Siegtor verarbeitet. Ein unvergessener Moment. In den 90 Minuten auf dem Platz gegen Polen, Schottland, Irland oder Georgien sollten die Spieler ihn möglichst vergessen.

Der Weltmeistertitel ist allen, die dabei waren, ohnehin nicht mehr zu nehmen. Aber darüber die an sich überhaupt nicht zu verspielende EM-Qualifikation zu gefährden, wäre der ultimative Party-Crasher.