DFB-Team vor Irland-Spiel Gewinnen wäre gut

Das EM-Qualifikationsspiel gegen Irland wird für Joachim Löw und sein Team zum unerwartet frühen Charaktertest. Der Bundestrainer wirkt nach der Niederlage in Polen besorgt - zu Panik besteht allerdings kein Anlass.

REUTERS

Aus Gelsenkirchen berichtet


SPIEGEL ONLINE Fußball
Joachim Löw hat schon mal entspannter gewirkt als vor diesem EM-Qualifikationsspiel gegen Irland (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: RTL). In der Pressekonferenz vor dem Spiel reagierte er dünnhäutig wie selten auf Nachfragen, konterte eine kritische Anmerkung eines Journalisten mit einer bissigen Antwort.

Warum der Trainer denn angesichts der vielen Verletzten nicht ein, zwei Spieler nachnominiert habe? Spieler wie Matthias Ostrzolek oder Pierre-Michel Lasogga vom Hamburger SV zum Beispiel? "Diese Namen hatten wir noch nie auf der Liste", erklärte Löw unwirsch - eine Eigenart, die er sonst so gut wie nie nach außen trägt. Eine gewisse Nervosität, die sich nach der 0:2-Niederlage gegen Polen im deutschen Team breitgemacht hat, hat auch den Bundestrainer angesteckt.

Hilfreich dagegen wäre ein klarer Sieg über die Iren, oder wie es der Schalker Julian Draxler ausdrückt: "Wir sehen uns in der Pflicht, dieses Spiel zu gewinnen." Mit einem Erfolg über die Gäste von der Insel wäre das DFB-Team wieder im Soll, wären die Aufgeregtheiten nach dem Polen-Spiel schnell bereinigt. Bei einem anderen Ausgang allerdings bekäme diese Qualifikation, die doch nur eine Pflichtübung für den Weltmeister werden sollte, eine durchaus pikante Note.

"Weltmeister zu werden, heißt ja nicht, unschlagbar zu sein", sagt Draxler, aber genau dieser Eindruck hatte sich in der Öffentlichkeit nach dem WM-Triumph verfestigt. Als hätte das Team nach dem WM-Erfolg wie Siegfried im Drachenblut gebadet und sich damit einen Panzer der Unbesiegbarkeit zugelegt. Unter normalen personellen Voraussetzungen wäre das wahrscheinlich auch so, aber die Verhältnisse in diesem WM-Nachsommer sind anders.

Philipp Lahm und Miroslav Klose - sie fehlen

Da sind die Rücktritte der drei altgedienten Leistungsträger Philipp Lahm, Per Mertesacker und Miroslav Klose, wobei vor allem das Fehlen des Kapitäns Lahm jetzt schon Folgen zeigt. "Niemand kann ernsthaft damit rechnen, einen Philipp Lahm innerhalb kürzester Zeit eins zu eins zu ersetzen", sagt Löw, aber den Nachfolgern auf den Außenverteidigerposten gelang dies bisher nicht mal im Ansatz. Und so sehr das Alter auch an Klose zuletzt schon gezerrt hat: Wenn über die mangelnde Chancenverwertung dieser Mannschaft geklagt wird, geht der Gedanke an die Tore des Rekordschützen zurück. Beide kehren nicht mehr zurück, das Thema ist abgehakt, dennoch kann man nicht so tun, als seien sie kein Verlust.

Im Mittelfeld fehlen die verletzten Stammspieler Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira, der Ersatzmann Christoph Kramer fällt nun auch noch mit einer Magen-Darm-Grippe aus, auf Mesut Özil wird Löw noch Monate verzichten müssen, Benedikt Höwedes fängt erst langsam wieder mit dem Teamtraining im Verein an. So sieht die deutsche Mannschaft, die am Dienstag in Gelsenkirchen "unbedingt drei Punkte einfahren soll" (Löw), schon sehr anders aus als das Team, das im Juli in Brasilien den Titel errang.

Man habe nach den großen Turnieren "immer ähnliche Probleme gehabt", sagt Löw. Dennoch hat er wohl selbst nicht damit gerechnet, dass der Umbau seiner Mannschaft gezwungenermaßen schon drei Monate nach dem WM-Endspiel beginnt. "Es hat einschneidendere Veränderungen gegeben, als mir das gepasst hat", räumte der Bundestrainer schon nach dem Polenspiel ein.

Das beste Mittel gegen Amtsmüdigkeit

Für Löw beginnt diese Qualifikation, zu einer unerwarteten Herausforderung zu werden, allerdings erwächst ihm daraus auch eine neue Motivation. Gegen Amtsmüdigkeit ist die derzeitige Situation das Beste, was passieren kann. Der Fachmann Löw ist gefragt.

Wobei der Bundestrainer alles Recht hat, statt Panik Gelassenheit an den Tag zu legen. Die Mannschaft hat in Polen Schwächen gezeigt, sie war dennoch über weite Strecken spielbestimmend, hat sich Torgelegenheiten im Dutzend herausgearbeitet, in Warschau war keine leblose Elf auf dem Platz. "Wenn wir gar keine Chancen gehabt hätten, dann wäre ich besorgt gewesen, so aber nicht", sagt Löw.

Der neue Qualifikationsmodus ist zudem äußerst gnädig mit Verlierern, unter Umständen kommt sogar der Gruppendritte noch zum Turnier nach Frankreich. Ausrutscher sind erlaubt, einen hat es jetzt allerdings schon früh gegeben, einen zweiten sollte sich das DFB-Team besser nicht leisten.

Normalerweise schließt Löw seine Ausführungen mit der Presse gern mit dem selbstbewussten Satz: "Und wir werden dieses Spiel auch gewinnen." Den hat er sich diesmal geschenkt.

insgesamt 22 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
c218605 14.10.2014
1. Vergebe alles
Nach dieser Klasse-WM ist es mir toal egal obEM oder nicht, denn die haette ich auch vorher hergegeben um so brilliant und in Brasilien geschehen Weltmeister zu werden. Als Desert trotzdem willkommen...
carolian 14.10.2014
2. Gewinnen? Mit wem denn?
Die Weltmeisterspieler, die sich in Brasilien um den Kern der Bayer-Spieler so mühsam gefunden haben, weil der Trainer ständig quer reinquatschte, sind auseinander gegangen. Die nun von Löw bevorzugten Beutegermanen sind keine überragenden Fussballspieler, auch wenn die Medien diese Nachrücker in Bessermenschen-pogo als als Retter Deutschands hochjubeln. Die Iren können kämpfen und man wird sehen, wie die Spieler aus den anderen Kulturkreisen sich verhalten, wenn´s was auf die Socken gibt.
Wunderläufer 14.10.2014
3. Keine Panik
Bei diesen Jungs sehe ich keinen Grund zur Panik; die Öffentlichkeit muss den Spielern nur Zeit zur Entwicklung geben. Ich denke dabei z.B. an die Entwicklung von "Bruder Leichtfuß" Boateng, der in Brasilien zur Weltklasse reifte
Tom Joad 14.10.2014
4. Steigerung des Unterhaltungswerts
Mir als Zuschauer, der vom Fußball unterhalten werden möchte, soll das alles recht sein: das absurde Ergebnis in Polen ebenso wie die daraus entstehende Spannung für das heutige Spiel. Es ist doch gerade das Besondere an diesem Sport, dass der eindeutig "Bessere" (Überlegene) auch mal mit einem vermeintlich deutlichen Ergebnis von 2:0 verlieren kann. Oder anders herum gesagt: dass auch "kleine" Mannschaften "große" Teams (Weltmeister) besiegen können. Außerdem wird spannend sein zu sehen, wie die Jungs auf die Niederlage reagieren und ob Löw seine neue Baustelle organisiert bekommt. Ich finde es gut, dass nicht alles glatt läuft, das hilft gegen Überheblichkeit und überzogene Ansprüche. Und bei den ganzen Neuzugängen und Umstellungen in der Mannschaft hat das Sportforum auch wieder genügend Gesprächsstoff.
Currie Wurst 14.10.2014
5. Kein Problem
Nach 2 von 10 Spielen Angst zu haben, ist vollkommen unbegründet. Mit einem Team, dass viele Wechsel verkraften musste, hat man in Polen ein mitreißendes Spiel geliefert, dass Spaß gemacht hat. Man muss halt auch mal verlieren können und wenn´s nur am Pech gelegen hat, ist das ganz was anderes als das EM-Halbfinale 2012. Außerdem: was erwarten wir denn ? Dass Durm und Rüdiger in den ersten Spielen nach Philipp Lahm die Außenbahnen vollwertig ersetzen ? So manch einer schreibt doch hier sein persönliches Wunschkonzert zusammen, das ist albern. Abgesehen davon hilft vielleicht ein Blick nach Westen, wo unsere holländischen Nachbarn von 3 Spielen 2 verloren haben. Wenn´s soweit kommen sollte, kann man sich Gedanken machen, aber doch nicht schon vorher. Typisch deutsch: Hilfe, was mach ich denn, wenn´s schiefgeht...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.