Deutschland-Gegner Nordirland Ein zerrissenes Land, ein zerrissenes Team

Die deutsche Nationalelf tritt in der EM-Qualifikation in Nordirland an. Dort hat der Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten auch den Fußball über viele Jahre beeinflusst. Das wirkt noch heute nach.

Michael O'Neill, nordirischer Nationaltrainer und Katholik, ist ein Vermittler zwischen den Lagern
REUTERS

Michael O'Neill, nordirischer Nationaltrainer und Katholik, ist ein Vermittler zwischen den Lagern

Aus Belfast berichtet


Von der Herrlichkeit des ehemals erfolgreichsten nordirischen Klubs ist nicht mehr viel übrig. Dort wo der Belfast Celtic FC einst spielte, steht heute ein großes Einkaufszentrum. Eingeklemmt zwischen den Supermarktketten Iceland und B&M liegt das kleine "Belfast Celtic Museum", das an die große Zeit des Vereins im katholischen Westen der Stadt erinnert. Im Schaufenster sind ein paar alte Schwarz-Weiß-Aufnahmen ausgestellt, einige Trophäen, die der Verein gewann, zwei, drei vergilbte Zeitungsausschnitte sind zu sehen. Und natürlich das grün-weiß gestreifte Trikot, dem FC Celtic aus Glasgow nachempfunden.

Die Geschichte von Ruhm und Fall des Belfast Celtic FC ist die Geschichte Nordirlands, der Zerrissenheit dieses Landes. Es ist die Geschichte von Hass und Feindschaft zwischen Katholiken und Protestanten, zwischen Irland-Getreuen und denen, die zum Vereinigten Königreich stehen. Eine Geschichte, die auch die nordirische Fußballnationalmannschaft berührt - bis heute.

Vom Einkaufszentrum zum Windsor Park, dem Stadion, in dem auch die nordirische Nationalelf ihr EM-Qualifikationsspiel am Montagabend gegen Deutschland (20.45 Uhr RTL, Liveticker SPIEGEL) austrägt, sind es etwa 20 Minuten Fußweg. 20 Minuten, in denen man über eine unsichtbare Grenze geht. Es geht die Donegall Road hinunter, dann biegt man ab in die Donegall Avenue, vorbei an der Pembroke Street und dem Kitchener Drive, und je weiter man geht, desto mehr Union-Jack-Fahnen sind im Vorgarten aufgepflanzt. An den Häusern verkünden Aufschriften unmissverständlich, wo man ist: "Loyalist Village", Windsor Park ist eine Hochburg der Protestanten, der Loyalisten, derjenigen, die fest zum britischen Könighaus stehen und den irischen Nationalismus der Katholiken kategorisch ablehnen.

Ideologisch aufgeladenes Derby

Im Windsor Park spielt nicht nur die Nationalelf, sondern auch der FC Linfield, er gilt als Verein der Loyalisten. Die Belfast-Derbys zwischen Linfield und Celtic waren ideologisch aufgeladen, Katholiken gegen Protestanten, Iren gegen Unionisten, dazu wetteiferten beide Vereine vor dem Zweiten Weltkrieg darum, die Nummer eins in der Stadt zu sein. Die Feindschaft eskalierte am Boxing Day 1948 im Windsor Park, als beide Teams geradezu mit Brutalität aufeinander losgingen.

Nordirlands Fußballheld George Best auf einem Mural in Belfast
John Sibley / REUTERS

Nordirlands Fußballheld George Best auf einem Mural in Belfast

Als einem Linfield-Spieler im Zweikampf ein Bein gebrochen wurde, stürmten Zuschauer nach dem Abpfiff auf Celtic-Angreifer Jimmy Jones zu, verprügelten ihn dermaßen, dass auch er einen Beinbruch davontrug. Die Vereinsführung von Celtic entschloss sich danach zu einem radikalen Schnitt. Sie zogen den Verein aus dem Spielbetrieb komplett zurück. Ein Verbleib in der Liga sei Spielern und Anhängern nicht mehr zuzumuten. Seit 1949, seit nunmehr 70 Jahren, gibt es den Topverein Belfast Celtic nicht mehr. Nur noch im Museum.

Der Nordirland-Konflikt, er hat immer wieder den Fußball im Land beeinflusst, belastet. Bis in die Neunzigerjahre hinein galt bei Linfield FC ein Verbot für katholische Spieler, und auch die Nationalmannschaft war allein durch ihren Spielort Windsor Park ein Hort der Protestanten. Der Sporthistoriker Dietrich Schulze-Marmeling, der sich ausgiebig dem Thema Fußball in Nordirland gewidmet hat, schreibt, "Länderspiele gerieten zu exklusiv protestantischen Versammlungen und Kundgebungen des protestantischen Loyalismus".

Einzelne katholische Spieler hatte es im nordirischen Team zwar auch in der Vergangenheit gegeben: die Torwartlegende Pat Jennings, den WM-Spieler von 1982 Mal Donaghy oder den späteren irischen Nationaltrainer Martin O'Neill. Aber sie waren die Ausnahmen. Stattdessen entschieden sich wiederholt nordirische Fußballer, die im katholischen Belfast aufgewachsen waren, lieber für die Republik Irland aufzulaufen. Die Nordiren haben die Option darauf, auch für den Süden zu spielen, und die wurde wahrgenommen. James McClean, Shane Duffy und Eunan O'Kane sind Nordiren, spielen aber aktuell für die Republik.

Atmosphäre im Windsor Park beruhigt sich

Das abschreckende Beispiel von Neil Lennon wird sie darin bestärkt haben. Der Nationalspieler war nicht nur katholisch, er spielte zudem für den bei den Unionisten verhassten Klub FC Celtic in Glasgow. Die Glasgower Rivalität zwischen dem katholischen FC Celtic und den protestantischen Rangers wurde und wird in Nordirland leidenschaftlich begleitet und fortgesetzt, Linfield FC spielt in den Vereinsfarben der Rangers. Lennon bekam Morddrohungen und trat unter Tränen aus der Nationalmannschaft zurück. Das Ganze trug sich nicht irgendwann in den Sechzigerjahren zu, sondern 2002. Der "Guardian" überschrieb seinen damaligen Text dazu: "The Great divide". Die große Kluft.

Neil Lennon als Celtic-Trainer vor einer Rangers-Flagge
REUTERS

Neil Lennon als Celtic-Trainer vor einer Rangers-Flagge

Heute wird die Nationalmannschaft von Michael O'Neill betreut, einem Katholiken. Unter ihm entschieden sich zunehmend auch katholische Spieler, für die Nordiren aufzulaufen: Shane Ferguson, Conor McLaughlin oder Niall McGinn. Das ist auch ein Resultat der verstärkten Bemühungen des Verbandes IFA, der mit Kampagnen wie "Football for all" versuchte, den Konflikt zu beruhigen - dies durchaus im eigenen Interesse: um seine Talente nicht weiterhin an die Republik zu verlieren. Das zeigt mittlerweile Erfolge, auch die Atmosphäre im Windsor Park hat sich in den vergangenen Jahren deutlich beruhigt.

Was nicht heißt, dass der uralte Konflikt nicht unter der Oberfläche weiterbrodelt. Im Sportgeschäft des Einkaufszentrums, dort wo früher der katholische Belfast Celtic FC seine Erfolge feierte, werden auch Fußballtrikots zum Kauf angeboten: die der irischen Nationalmannschaft und die von Celtic Glasgow.



insgesamt 2 Beiträge
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Piether 09.09.2019
1. Als ich die Überschrift las,
dachte ich sofort, Sie schrieben über Deutschland und seine N11.
kleinmi1 09.09.2019
2. The malignant British Upper Class
Nordirland vs. Irland ist nur eine der vielen -Pestbeulen, die wir den grossartigen British Leaders zu verdanken haben, von denen Boris Johnson der jetzige Staffelläufer ist. Diese British hochnäsige upper class hat noch viel mehr verschuldet. Die fast imbezil anmutende Neuordung Europas nach WW1, welcher wir Hitler-Deutschland zu verdanken haben, Israel vs. Middle East, Jugoslawien hin zu Afghanistan, Irak, Iran, Syrien etc. Und natürlich das Mega-Pulverfass Pakistan- Indien (thanks to the Master of Disaster, Lord Mountbatten). Welch Arroganz, welch Ignoranz.
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