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DFB-Siege gegen Schottland und Polen Auf gutem Wege

Tabellenführung, das EM-Ticket fast gelöst - beim DFB-Team ist die Freude nach den Siegen über Polen und Schottland groß. In Glasgow zeigte die Mannschaft vor allem, dass die Umbauarbeiten nach dem WM-Titel weit vorangeschritten sind.

Kaum hatte der Schiedsrichter die Partie zwischen dem schottischen und deutschen Team abgepfiffen, da zog sich Manuel Neuer sein Nationaltrikot aus. Der Hüne vom FC Bayern München stampfte durch den Strafraum in Richtung Fankurve und knallte sein Jersey dabei wutentbrannt auf den feinen schottischen Rasen.

Es wirkte, als habe Neuer gerade das WM-Finale verloren.

Dass das DFB-Team die Schotten mit 3:2 besiegte und damit die Tabellenführung in der Gruppe D mit zwei Punkten Vorsprung vor den Polen behaupten konnte, war Neuer kein bisschen anzusehen. Selbst als er Minuten später frisch geduscht aus der Mannschaftskabine kam und sich in den Katakomben des Hampden Park den Journalistenfragen stellte, hörte Neuer sich keineswegs glücklich an.

Er sprach ausschweifend über das erste Gegentor, den schottischen Treffer zum 1:1, als der Welttorhüter seinem Weltmeisterkollegen Mats Hummels einen Freistoßball gegen die Brust pritschte und den Innenverteidiger so zu einem Eigentor nötigte. "Der Mats hat eben ein ausgesprochenes Helfersyndrom", sagte Neuer. Der Torwart sei vom Gegner irritiert gewesen, Hummels ihm dann einfach zu nahe gekommen. Ärgerlich, sollte nicht passieren.

Zu viele unnötige Gegentore

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Einzelkritik Deutschland: Wackliger Neuer, schneller Gündogan

Foto: Lee Smith/ REUTERS

Dabei war das schottische Team im gesamten Spielverlauf eigentlich chancenlos gewesen, erzielte aber trotzdem in der ersten Halbzeit zwei Tore. Zwei Standards, beide unnötig verursacht durch den erneut schwachen Rechtsverteidiger Emre Can. Möchte man an den beiden vergangenen Länderspielen gegen Schottland und zuvor gegen Polen etwas kritisieren, sind dies sicherlich die beiden Hauptpunkte: Zu viele Gegentore, zumeist nach individuellen Fehlern oder aufgrund eines noch nicht ausgereiften Umschaltspiels gefallen. Und die Personalie des 21-jährigen Rechtsverteidigers Can, dessen Leistungsniveau dem seiner Mannschaftskollegen noch deutlich hinterherhinkt.

Grundsätzlich aber hat das deutsche Team alle Zweifel an der Qualifikation für die Europameisterschaft sehr entschieden vertrieben. "Wir haben heute sehr geduldig spielen müssen, hatten sehr wenige Räume. Mir macht es Mut, dass wir diese Ruhe aber schon haben, um solche Spiele so souverän zu Ende zu spielen", sagte Thomas Müller. Er ist in dieser Qualifikation eine Art deutsche Lebensversicherung: Müller traf in sieben Spielen acht Mal. Gegen Schottland machte der Münchner eine überragende Partie, netzte zweimal ein, legte zudem den Siegtreffer vor. Müllers Position im DFB-Team ist so gefestigt wie seine Liebe zu Bayern.

Diese beiden Partien haben Bundestrainer Joachim Löw aber auch gezeigt, dass einige andere Baustellen, die nach der Weltmeisterschaft und den Rücktritten von Kapitän Philipp Lahm, Per Mertesacker und Miroslav Klose entstanden waren, eigentlich keine wirklichen mehr sind. Mit dem Kölner Jonas Hector scheint Löw eine sehr solide Personalie für die seit Jahren wacklige linke Außenverteidigerposition gefunden zu haben. Hector wird sich wohl in den kommenden Monaten einen Konkurrenzkampf mit dem wiedererstarkten, aber bei Löw nur mäßig geschätzten Dortmunder Marcel Schmelzer liefern.

Fragezeichen hinter Schweinsteiger

Ein anderer Dortmunder gehört zu den absoluten Gewinnern der Länderspielwoche: Ilkay Gündogan. Der Mittelfeldstratege wurde gegen Polen eingewechselt und zeigte eine starke Leistung, die er gegen Schottland bestätigte, als er sogar den Siegtreffer erzielte. "Ilkay gehört wieder zu den Top-Mittelfeldspielern dieser Welt", sagt Hummels.

Gündogan wird auf Dauer für einen immensen Konkurrenzkampf im defensiven Mittelfeld des DFB-Teams sorgen. Löw ließ ihn aktuell gemeinsam mit Toni Kroos und Bastian Schweinsteiger agieren, was der Elf laut dem Bundestrainer "viel Stabilität und Ruhe" gab, aber gleichzeitig auch ein wenig offensive Flexibilität nahm. Schweinsteiger, der bei Manchester United nur Teilzeitkraft ist, wirkt zwar deutlich fitter als noch in der vergangenen Saison, ob er auf Dauer aber auch das absolute Spitzentempo wieder erreichen kann, bleibt abzuwarten.

Löw, der im defensiven Mittelfeld auch noch den verletzten Sami Khedira auf dem Zettel hat, kündigte bereits nach dem Spiel an, dass sich das Gesicht seiner Mannschaft noch etwas verändern könnte. Marco Reus, der diesmal aufgrund eines gebrochenen Zehs aussetzen musste, wird sicherlich wieder ins Team drängen. Im Sturm, wo Löw nach Kloses Abschied ein großes Loch zu stopfen hatte, hat er nach dieser Länderspielwoche zumindest eine weitere Alternative: Mario Götze, der gegen Polen zweimal traf, war auch gegen Schottland einer der deutschen Aktivposten.

Aus den beiden restlichen Quali-Partien gegen Irland und Georgien braucht das DFB-Team noch einen Sieg, um ganz sicher in Frankreich dabei zu sein. Aber auch ein Unentschieden gegen Irland würde reichen, da die Iren Deutschland dann nicht mehr von einem der ersten beiden Plätze verdrängen könnten. Selbst der zuvor grantelnde Manuel Neuer hatte keinen Zweifel daran, dass dies klappen werde.

Schottland - Deutschland 2:3 (2:2)
0:1 T. Müller (18.)
1:1 Hummels (Eigentor) (28.)
1:2 T. Müller (34.)
2:2 McArthur (43.)
2:3 Gündogan (54.)
Schottland: Marshall - Hutton, R. Martin, Hanley, Mulgrew, McArthur - S. Brown (ab 81. Martin), Maloney (ab 60. Anya), J. Morrison, Forrest (ab 81. Ritchie) - S. Fletcher
Deutschland: Neuer - Can, Boateng, Hummels, Hector - Schweinsteiger, Kroos, T. Müller, Özil (90. Kramer), Gündogan - Götze (86. Schürrle) Schiedsrichter: Björn Kuipers (Niederlande)
Zuschauer: 52.500 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Morrison, Maloney

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