Nordirlands größter Fußball-Erfolg Der Geist von 1958

Ein Schiedsrichter, der das Spiel wegen Nebel verpasst, Whiskey gegen eine Verletzung, ein Torwart, der mit gebrochener Hand spielt: Die WM 1958 war für Nordirlands Auswahl ein Abenteuer - und ihr größter Erfolg.

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Aus Belfast berichtet


Die Fußball-Weltmeisterschaft 1958 in Schweden gehört zu den eher vergessenen Turnieren. Vier Jahre nach dem Wunder von Bern kam Titelverteidiger Deutschland immerhin ins Halbfinale gegen den Gastgeber. Die Herberger-Elf verlor, in deutscher Lesart vor allem deswegen, weil das Göteborger Publikum das DFB-Team mit seinem "Heja Sverige"-Stakkato entnervt habe. Ansonsten erinnert sich die Welt vor allem an einen 17-jährigen jungen Kerl aus Brasilien, der sich Pelé nannte.

Die Nordiren erinnern sich an Harry Gregg, Danny Blanchflower, Peter McParland, Billy Bingham und Peter Doherty.

Immer wenn ein nordirisches Team die Chance hat, sich für ein großes Fußballturnier zu qualifizieren, dann wird rund um Belfast der "Spirit of 58" beschworen. In der aktuellen EM-Qualifikation hat Nordirland nach vier Spielen vier Siege auf dem Konto und fordert jetzt die Elf von Bundestrainer Joachim Löw heraus (Montag 20.45 Uhr; Liveticker SPIEGEL, TV: RTL). Es ist wieder Zeit für den Geist von 1958. Als Nordirland bei seiner ersten Turnierteilnahme bis ins WM-Viertelfinale vorstieß. So weit wie seitdem nie mehr.

Wie gemacht für Heldengeschichten

Die Geschichte der nordirischen WM-Teilnahme 1958 ist eine Geschichte, die wie gemacht ist für Mythen, für Heldengeschichten, Triumphe und Tragik, manchmal auch Komik. Eine Geschichte, die auch sehr viel darüber erzählt, wie anders Fußballs damals war.

Das beginnt schon mit der Qualifikation. Die Nordiren mit ihrem Trainer Peter Doherty haben sich mit Portugal und der Fußball-Großmacht Italien auseinanderzusetzen. Beim Heimspiel gegen Italien im Windsor Park im Dezember 1957 ist alles bereit zum Shootout - nur der Schiedsrichter ist nicht da. Er ist im Nebel in London hängen geblieben. Das Spiel wird kurzerhand zum Freundschaftsspiel umfirmiert und im Januar neu angesetzt. Nordirland gewinnt die Wiederholungspartie 2:1, Siegtorschütze Wilbur Cash wird zum Held.

Nordirland ist erstmals qualifiziert, doch statt Jubel herrscht Trauer. Anfang Februar zerschellt die Chartermaschine "Lord Burleigh" mit Spielern von Manchester United auf dem Münchner Flughafen, weil sie im Schneematsch über die Startbahn hinaus rutscht. 23 Menschen sterben im "Munich Air Desaster", darunter acht United-Profis, das berühmte Team der "Busby Babes" ist nicht mehr. Nordirlands United-Spieler Harry Gregg und Jackie Blanchflower überleben. Torwart Gregg rettet mehrere Mitspieler aus dem Wrack, er steht schon drei Wochen später wieder auf dem Fußballplatz. Blanchflower, der hochbegabte jüngere Bruder von Nordirlands Kapitän Danny, wird danach nie mehr ein Spiel bestreiten.

Spiele am heiligen Sonntag sorgen für Aufregung

Die furchtbare Unglück von München hängt als ein düsterer Schatten über dem britischen Fußball, erstmals (und letztmals) hatten sich alle vier Home Nations, also England, Schottland, Wales und Nordirland, für eine WM qualifiziert. Die Teilnahme der Nordiren ist allerdings wochenlang unsicher. Die Kirche läuft Sturm dagegen, dass bei der WM Spiele am heiligen Sonntag angesetzt sind. In Nordirland selbst wird in den Fünfzigerjahren am Sonntag kein Fußball gespielt. Nach wochenlangen Verhandlungen einigen sich Kirche und Verband auf einen Kompromiss: Nordirland darf zur WM nach Schweden anreisen. Künftig jedoch soll das Team nie wieder an einem Turnier teilnehmen dürfen, an dem auch sonntags gespielt wird.

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Fotostrecke: The Spirit of 1958

Nordirland startet mit einem Sieg über die Tschechoslowakei ins Turnier, beseelt vom schon 31-jährigen Danny Blanchflower von Tottenham Hotspur auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft, beflügelt von dem torgefährlichen Peter McParland und dem flinken Rechtsaußen Billy Bingham und behütet von United-Keeper Harry Gregg, der im Tor hält, als ob er das Trauma von München auf seine ganz eigene Art durch überragende Leistungen verarbeitet.

Das zweite Spiel gegen Argentinien geht zwar verloren, doch in der dritten Partie gegen Titelverteidiger Deutschland bringt Gregg, der Mann im gelben Torwarttrikot, die DFB-Angreifer um die '54er-Helden Helmut Rahn, Fritz Walter und Hans Schäfer zur Verzweiflung. Die Nordiren führen lange 2:1, bevor ein junger Mann aus Hamburg es doch noch schafft, den Unüberwindlichen zu überwinden. Das 2:2 von Uwe Seeler bringt der DFB-Elf den Gruppensieg, Nordirland und die Tschechoslowakei müssen um den Rang des Gruppenzweiten ein Entscheidungsspiel austragen.

Zwei Liter Whiskey für den Knöchel

Diese Playoff-Partie gegen die CSSR in Malmö wird zum Drama. Gregg hat sich gegen Deutschland am Knöchel verletzt, er kann nicht spielen, stattdessen rückt sein Vertreter Norman Uprichard zwischen die Pfosten. Der Ersatzmann zieht sich schon früh ebenfalls eine schwere Knöchelverletzung zu. Er muss die Zähne zusammenbeißen, Auswechslungen während des Spiels gab es damals noch nicht. Die Teambetreuer behandeln die Verletzung mit ungewöhnlichen Mitteln: Der Knöchel wird mit Whiskey getränkt, zwei Literflaschen werden über dem Knöchel ausgeleert. Der "Belfast Telegraph" seufzt in seiner Berichterstattung: "Was für eine Verschwendung feinsten irischen Whiskeys."

Jeder Schritt tut Uprichard weh, und das Drama nimmt seinen Lauf. Anfang der zweiten Hälfte kollidiert der Torwart mit einem tschechischen Angreifer und bricht sich die linke Hand. Irgendwie retten sich die Nordiren in die Verlängerung, und dort geschieht das Wunder: McParland erzielt in der 99. Minute das 2:1, die Tschechoslowaken sind so paralysiert, dass sie nicht mehr reagieren können. Nordirland hat keinen gesunden Torwart mehr, aber steht im Viertelfinale. Die Presse daheim feiert "the Magic in Malmö".

Im nächsten Spiel quält sich Gregg wieder auf den Platz, aber das Team hat keine Chance gegen fulminante Franzosen, verliert 4:0, Just Fontaine, Frankreichs Star, schießt drei Tore, das Turnier ist für die Nordiren vorbei. Die Heimkehr wird zum Triumphzug.

Es dauert 24 Jahre, bis Nordirland wieder an einem Turnier teilnehmen darf. Trainer der Mannschaft, die sich 1982 bis in die WM-Zwischenrunde kämpft, ist Billy Bingham, der einst flinke Rechtsaußen. Der Geist von 1958, er wehte wieder. Er soll am Montag wieder wehen.



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FrankDunkel 08.09.2019
1.
Von allen Torhütern ist Harry Gregg wahrscheinlich der mit dem größten persönlichen Mut. Einige Menschen haben ihm ihr Leben zu verdanken. Es gibt Wichtigeres als Fußball.
swandue 08.09.2019
2.
Galt damals generell "no sports on Sunday" in Nordirland (und welchen anderen katholischen Ländern)? Wann dann überhaupt, am Samstag musste man ja wahrscheinlich noch arbeiten? Gab es nicht auch damals schon in vielen Sportarten internationale Meisterschaften mit Wettkämpfen an Sonntagen?
Stäffelesrutscher 08.09.2019
3.
Zitat von swandueGalt damals generell "no sports on Sunday" in Nordirland (und welchen anderen katholischen Ländern)? Wann dann überhaupt, am Samstag musste man ja wahrscheinlich noch arbeiten? Gab es nicht auch damals schon in vielen Sportarten internationale Meisterschaften mit Wettkämpfen an Sonntagen?
Die herrschende Religion in Nordirland war nicht die katholische. Und die Sonntags-Fetischisten waren nicht von der (anglikanischen) Amtskirche, sondern von einer »pressure group«, die heute unter dem Namen »Day One Christian Ministries« firmiert (aber komischerweise auch an einem Sonntag ihre Propaganda verbeitet ...).
Stäffelesrutscher 08.09.2019
4.
»Vier Jahre nach dem Wunder von Bern kam Titelverteidiger Deutschland immerhin ins Halbfinale ...« Es gab 1954 und 1958 kein FIFA-Mitglied und keinen WM-Teilnehmer namens »Deutschland« - im Gegensatz zu den Olympischen Spielen 1956. Teilgenommen hat die Bundesrepublik Deutschland, im englischsprachigen Raum üblicherweise als »West Germany« bezeichnet.
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