EM-Qualifikation Holland in Not

Der niederländischen Nationalmannschaft droht ein Debakel: Nach der 0:1-Niederlage gegen Island ist die direkte Qualifikation für die Europameisterschaft fast aussichtslos. Der neue Trainer Danny Blind kann nur noch auf die Playoffs hoffen.

 Blind, Martins Indi: "Weiß nicht, was ihn da geritten hat"
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Blind, Martins Indi: "Weiß nicht, was ihn da geritten hat"

Aus Amsterdam berichtet


Der einzige glückliche Moment für die niederländische Nationalmannschaft an einem schlimmen Abend ging zunächst unter. Das lag in erster Linie daran, dass er sich nicht in Amsterdam, sondern in der türkischen Stadt Konya abspielte. Dort kassierten die Gastgeber in der 91. Minute noch das 1:1 gegen Lettland, womit die Niederlande zumindest den dritten Platz in der EM-Qualifikationsgruppe A behielten. Der garantiert die Teilnahme an den Play-off-Spielen im November. Nach der historischen 0:1-Niederlage gegen Island ist Platz drei das realistische Ziel, Tschechien auf Rang zwei ist bereits sechs Punkte entfernt.

Danny Blind hat am 1. Juli den Trainerjob von Guus Hiddink übernommen, dessen dritte Amtszeit nach fünf Niederlagen aus zehn Partien schnell vorbei war. Seit Frank Rijkaard 1998 hat kein Bondscoach sein Auftaktspiel gewonnen. Doch Blinds verpatzter Start hat gravierende Folgen: Erstmals seit 1984 könnten die Niederlande eine Europameisterschaft verpassen.

Nach dem Spiel saß Blind vor der Presse und schien gar nicht zu wissen, welchem der "vielen Knackpunkte" er sich zuerst widmen sollte. Der erste kam in der 31. Minute. Als Arjen Robben plötzlich den Ball ins Aus spielte und sich auf die Knie stützte, schienen sich Plan A, B und Plan C in Luft aufzulösen. "Ich war eigentlich topfit", sagte Robben, über den bis dahin fast jeder Angriff gelaufen war. Der neue Kapitän musste raus - und wird mit Rücken- und Leistenproblemen auch das wichtige Spiel in der Türkei am Sonntag (18 Uhr, TV: RTL Nitro, Liveticker SPIEGEL ONLINE) verpassen.

Kaum war Luciano Narsingh für Robben gekommen, folgte der nächste Knackpunkt. Innenverteidiger Bruno Martins Indi sah wegen einer Tätlichkeit die Rote Karte (33.). "Das war dumm", meinte Robben und warf seinem Kollegen vor, die Mannschaft im Stich gelassen zu haben. "Ich weiß nicht, was ihn da geritten hat", kommentierte Blind den Platzverweis, der indirekt zum dritten Knackpunkt führte - zum einzigen, den der Trainer eigenmächtig hätte verhindern können.

Blind wollte weiter mit einer Viererkette spielen, also brachte er noch vor der Pause den ehemaligen Hamburger Jeffrey Bruma. Runter musste überraschend Mittelstürmer Klaas-Jan Huntelaar, was die Zuschauer in der Amsterdamer Arena mit dem ersten von vielen Pfeifkonzerten quittierten. "Man kann in der Situation auch alles auf eine Karte setzen und riskieren, ins offene Messer zu laufen", sagte Blind. "Ich bereue den Wechsel nicht." Huntelaar war nach dem Spiel kurz angebunden: "Der Trainer entscheidet", sagte der Profi von Schalke 04 lediglich.

Unorganisiertes Anrennen gegen leidenschaftliche Isländer

Allerdings hätten die Unterzahl und Robbens Verletzung nicht zwangsläufig die erste Heimniederlage in der EM-Qualifikation seit 52 Jahren verursachen müssen. Doch dann grätschte Gregory van der Wiel in der 50. Minute fahrlässig gegen Birkir Bjarnason und brachte den Isländer im Strafraum zu Fall. Keeper Jasper Cillessen hätte den Elfmeter von Gylfi Sigurðsson fast gehalten, blieb aber genauso glücklos wie einst im WM-Halbfinale gegen Argentinien, als er im Elfmeterschießen keinen Ball halten konnte.

Der Rest der Partie bestand aus unorganisiertem Anrennen gegen gewohnt leidenschaftlich verteidigende Isländer. Ex-Kapitän Robin van Persie und Luuk de Jong warteten vergeblich auf eine Einwechslung. Nach dem Spiel gingen beide kommentarlos an den Reportern vorbei.

Die Isländer stehen nun kurz davor, Geschichte zu schreiben. Der 300.000-Einwohner-Nation fehlt nur noch ein Punkt, um sich erstmals für ein großes Turnier zu qualifizieren. "Ein Bier wäre heute Abend schön", sagte Trainer Heimir Hallgrímsson, "aber wir dürfen nicht abheben."

Dagegen benötigen die Niederländer mindestens einen Punkt in der Türkei, um den dritten Platz aus eigener Kraft schaffen zu können. "Die Realität ist eindeutig", sagte Blind, der bereits nach einem Spiel angezählt wirkt.



insgesamt 42 Beiträge
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simplythebeast 04.09.2015
1. Keine Angst...?
Na toll. Jetzt ist Robben schon wieder verletzt. Dumme EM-Quali. Hoffentlich schaffen es die Niederländer nicht zur Endrunde. Dann bekommt Arjen wenigstens eine ordentliche Sommerfrische. Für die Isländer freut es mich allerdings. Wenn die komplette Insel in Frankreich einrückt wird's lustig. Asterix und die Normanen...
xaka 04.09.2015
2. oh my goodness ...
"EM-Qualifikation: Holland in Not ... Nach der 0:1-Niederlage gegen Island ist die direkte Qualifikation für die Europameisterschaft fast aussichtslos." Die Holländer nicht bei der EM? ... Wie geil wär das denn;-)))
Rom 04.09.2015
3. EM-Quali
Ich würde ja gerne Schadenfreude aufkommen lassen, aber warten wir mal unser Spiel gegen Polen ab. Nachher stehen wir auch so "im Regen" wie die Niederländer.
trevorcolby 04.09.2015
4. Erinnert mich stark an Belgiens Elf:
....überschätzt und überbezahlt, mit 19 bereits mehrfache Millionäre und einfach "statt". Das geht bei den Niederländern schon seit einiger Zeit so, das letzte Zucken des Patienten KNVB erfolgte 2010, seit dem ist das alles abgestorben. Überrascht mich nicht.
Sabi 04.09.2015
5. Schäfer
Die meisten Nationalspieler in Island sind Schafzüchter und keine Fußballprofis, wenn ich richtig informiert bin. Wie können millionenschwere NL-Profis gegen Amateure verlieren?
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