Weißrussland vs. Deutschland Die außergewöhnliche Karriere des Alexander Hleb

Vor dem EM-Qualifikationsspiel gegen Deutschland spricht Weißrusslands bekanntester Spieler Alexander Hleb über seine Laufbahn zwischen Asphaltplätzen in Minsk und Streit mit Guardiola in Barcelona.
Alexander Hleb 2006 beim FC Arsenal

Alexander Hleb 2006 beim FC Arsenal

Foto: GEOFF CADDICK / DPA

SPIEGEL ONLINE: Herr Hleb, Sie sind gerade 38 Jahre alt geworden, haben Ihren Vertrag bei Bate Borisov in Weißrussland zwar nicht verlängert, aber denken darüber nach noch ein Jahr dranzuhängen. Ist es nicht langsam mal genug?

Hleb: Ehrlich gesagt spüre ich, dass es jetzt langsam genug ist für mich. Ich bin müde. Jedes Jahr wird es schwieriger. Deshalb wird das wohl, wenn überhaupt, meine letzte Saison.

SPIEGEL ONLINE: Bei der weißrussischen Nationalmannschaft hat man nun schon auf Sie verzichtet. Für das EM-Qualifikationsspiel gegen Deutschland am Samstag (20.45 Uhr/Liveticker SPIEGEL ONLINE, TV: RTL) stehen Sie nicht im Kader, obwohl Sie bei den Länderspielen im März noch gespielt haben.

Hleb: Ja, das stimmt. Vielleicht ist es tatsächlich an der Zeit, meine Nationalelf-Karriere zu beenden. Es gibt einen neuen Verbandspräsidenten. Er kommt nicht aus dem Fußball, sondern vom Militär. Und ich weiß nicht, ob er den Fußball bei uns voranbringen kann. Denn da gibt es viele Probleme.

SPIEGEL ONLINE: Welche sind das?

Hleb: Ich glaube, wir treten auf der Stelle. Es gibt kaum Entwicklung. Wir haben uns bis heute nicht für eine WM oder EM qualifiziert. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Wir haben kaum moderne Stadien, es gibt keine Nachwuchsförderung auf europäischem Niveau. All das braucht es aber, um einen Schritt nach vorn zu machen. Uns fehlt komplett das Zukunftssystem. Ich sehe aber nicht, wie sich das ändern soll. Im Gegenteil: Wir gehen in die falsche Richtung.

SPIEGEL ONLINE: Sie klingen fast verbittert.

Hleb: Sagen wir es so: Ich mache mir Sorgen.

SPIEGEL ONLINE: Auch wenn es nicht vergleichbar ist, hatte der deutsche Fußball zuletzt ebenfalls einige Probleme. Wie stark ist Deutschland noch?

Hleb: Von Weißrussland aus betrachtet ist der deutsche Fußball immer noch sehr stark. Deutschland bleibt oben, selbst wenn man mal ein Turnier vermasselt.

SPIEGEL ONLINE: Bundestrainer Joachim Löw hat sich Anfang des Jahres von Mats Hummels, Jérôme Boateng und Thomas Müller getrennt, obwohl die kaum 30 sind. Sie als 38-Jähriger immer noch Aktiver: Kann man im modernen Fußball in Würde altern?

Im Jahr 2000 kam Alexander Hleb (M.) zum VfB Stuttgart, spielte dort mit Philipp Lahm (l.) und Horst Heldt (r.) zusammen. Insgesamt kommt er auf 164 Spiele und 13 Tore für die Schwaben.

Im Jahr 2000 kam Alexander Hleb (M.) zum VfB Stuttgart, spielte dort mit Philipp Lahm (l.) und Horst Heldt (r.) zusammen. Insgesamt kommt er auf 164 Spiele und 13 Tore für die Schwaben.

Foto: Alexandra Winkler/ REUTERS

Hleb: Man darf das nicht miteinander vergleichen: Jogi Löw hat Erfolgsdruck und einige Talente als Alternativen. Ich persönlich glaube zwar, dass es immer auch Erfahrung braucht, um etwas Großes zu erreichen, aber es ist der Lauf der Dinge, dass die Jungen die Älteren ablösen. Auf hohem Niveau drängen heute immer früher Spieler nach oben. Sich dagegen zu wehren, ist schwer. In der weißrussischen Liga ist das natürlich anders. Da ist es viel einfacher, mich mit 38 noch zu behaupten und in Würde zu altern.

SPIEGEL ONLINE: Lassen Sie uns über Ihrer Karriere sprechen: Sie haben für zehn verschiedene Klubs in sechs Ländern gespielt - allein fünfmal für Bate. Insgesamt haben Sie 16 Mal den Klub gewechselt. Sie standen 2006 mit Arsenal im Champions-League-Finale, 2009 gewannen Sie mit Barcelona das Triple. Sie sind Sie zufrieden?

2008 wechselte Hleb (M.) vom FC Arsenal zum FC Barcelona, wurde dort aber nicht glücklich und verließ den Klub nach einem Jahr wieder: "Damals gab es einen Knick."

2008 wechselte Hleb (M.) vom FC Arsenal zum FC Barcelona, wurde dort aber nicht glücklich und verließ den Klub nach einem Jahr wieder: "Damals gab es einen Knick."

Foto: Albert Gea/ REUTERS

Hleb: Nicht zu einhundert Prozent. Natürlich habe ich viel erlebt. Ich habe für große Klubs und mit großen Spielern spielen dürfen. Aber nach meinem Jahr in Barcelona habe ich falsche Entscheidungen getroffen. Danach wurde es nie wieder so gut wie davor.

SPIEGEL ONLINE: Nach nur einer Saison bei Barça ließen Sie sich nach Stuttgart ausleihen, dann nach Birmingham und Wolfsburg. Danach kam fast jedes Jahr ein neuer Klub.

Hleb: Damals gab es einen Knick. Ich kam in Barcelona nicht zurecht. Und das war meine Schuld. Ich hatte mit Pep Guardiola, der gerade Trainer wurde, nicht das beste Verhältnis und auch privat lief nicht alles rund. Das hat mich unheimlich unter Druck gesetzt. Guardiola wollte, dass ich mich besser integriere. Dass ich Spanisch lerne. Ich habe darauf trotzig reagiert. Ich war nicht professionell genug. Wäre ich mit der Situation besser umgegangen, hätte ich auch meine Spiele bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass Sie Thierry Henry aufgenommen hat?

Hleb: Ja. Thierry hat ein Zimmer bei sich frei gemacht, damit ich mir in Ruhe eine Wohnung suchen konnte und nicht allein sein musste. Wir hatten zusammen für Arsenal gespielt, aber Freunde wurden wir dann erst in Barcelona. Wir haben viel Zeit zusammen verbracht. Ohne Thierry wäre es noch schwerer für mich gewesen. Einen Monat lang lebte ich bei ihm.

In der Saison 2008/2009 spielte Alexander Hleb (l.) noch zusammen mit Lionel Messi für Barça. Ein Jahr später traf er mit Stuttgart als Gegner auf den Argentinier: "Er ist eine Maschine."

In der Saison 2008/2009 spielte Alexander Hleb (l.) noch zusammen mit Lionel Messi für Barça. Ein Jahr später traf er mit Stuttgart als Gegner auf den Argentinier: "Er ist eine Maschine."

Foto: imago images

SPIEGEL ONLINE: Sie haben 2008/2009 auch mit Lionel Messi zusammengespielt. Er war damals vielleicht schon der beste Spieler der Welt und ist es zehn Jahre später immer noch. Was ist sein Geheimnis?

Hleb: Als ich Leo zum ersten Mal gesehen habe, dachte ich: Er ist gut, aber ich kann im Training mit ihm mithalten. Doch dann, als es losging, merkte ich schnell, dass keiner auf der Welt mit ihm mithalten kann. Er sieht alles auf dem Feld. Und er macht alles in einer Geschwindigkeit, die ich nie wieder so erlebt habe. Bei Leo ist es auch keine Frage des Alters: Wenn er motiviert ist, dann kann ihn immer noch niemand stoppen. Er ist eine Maschine.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst waren am erfolgreichsten bei Arsenal von 2005 bis 2008.

Hleb: Und das lag auch an Arsène Wenger. Er war der wichtigste Trainer meiner Karriere. Als ich von Stuttgart weggegangen bin, musste ich mich an das viel höhere Niveau in England gewöhnen. Arsène hat immer an mich geglaubt. Irgendwann bin ich mal mit einer Knieverletzung von der Nationalelf heimgekehrt und habe zwei Monate pausieren müssen. Damals dachte ich, es wäre besser, wenn ich mich nach Deutschland ausleihen ließe, um wieder auf mein Niveau zu kommen. Aber Arsène hat zu mir gesagt: "Denk nicht einmal daran! Du muss an dich glauben, dann wird alles gut." Er hat gespürt, was ich gebraucht habe. Vielleicht hätte ich Arsenal nicht verlassen sollen.

Mit dem FC Arsenal zog Hleb (r.) 2006 ins Champions-League-Finale ein.

Mit dem FC Arsenal zog Hleb (r.) 2006 ins Champions-League-Finale ein.

Foto: Vladimir Rys / Getty Images

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie irgendwann mal ein Angebot vom FC Bayern?

Hleb: 2008 wäre ich sogar fast in München gelandet. Aber dann kam Barcelona und wollte eine schnelle Entscheidung. Also ging ich zu Barça. Schon als Kind habe ich von Barcelona geträumt.

SPIEGEL ONLINE: Wie war es für Sie, in den Achtzigerjahren in Minsk hinter dem Eisernen Vorhang aufzuwachsen?

Hleb: In der Sowjetunion hatten die meisten Leute, die ich kannte, nicht viel. Meine Familie auch nicht. Bis ich 14 war, hatte ich keine echten Fußballschuhe. Aber das war normal. Bis ich 15 war, habe ich ohnehin immer nur auf Asphaltplätzen trainiert. Vielleicht hat mich das geprägt. Vielleicht hat mich das durchsetzungsfähig werden lassen. Mein Vater und ich hatten immer das Ziel, dass ich Fußballprofi werde. Er war eine Zeit lang in der DDR stationiert und ein Fan der deutschen Nationalmannschaft.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Vater hat ohnehin viel erlebt. Er wurde bei der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl 1986 zum Einsatz beordert: Er musste Häuser dekontaminieren.

Hleb: Ich war gerade vier, fünf Jahre alt, und mein Vater war plötzlich sechs Monate weg. Im Fernsehen haben sie nicht viel darüber erzählt, welches Ausmaß die Katastrophe hatte. Ich konnte es kaum verstehen. Erst später habe ich erfahren, wie gefährlich das war. Mein Vater hat mir davon erzählt, wie groß die Ratten waren, die sie in den verseuchten Häusern gefunden haben.

SPIEGEL ONLINE: Mit 19 sind Sie von Bate Borissow zum VfB Stuttgart gewechselt. Wie haben Sie den Kulturwechsel damals wahrgenommen?

Hleb: Für mich war es extrem hart. Wenn mich Kevin Kuranyi oder Andreas Hinkel im Training angesprochen haben, habe ich immer nur "ja, ja" geantwortet. Denn ich habe kein Wort verstanden. Es hat fast eineinhalb Jahre gedauert, bis ich mich gut verständigen konnte. Ohne meinen Bruder, der damals mitgekommen ist, und natürlich meinen Berater, der mich zu Hause aufgenommen hat, hätte ich es wohl nicht geschafft, mich durchzusetzen.

SPIEGEL ONLINE: Stuttgart ist gerade ziemlich dramatisch in die zweite Liga abgestiegen. Haben Sie das verfolgt?

Hleb: Ja, und es macht mich traurig. Der VfB Stuttgart ist eigentlich ein großartiger Klub.

SPIEGEL ONLINE: Sie kehrten dann 2009 noch einmal als Leihspieler zurück zum VfB. Aber so erfolgreich wie in der ersten Zeit waren Sie nicht mehr.

Hleb: Mental war es schwer. Wenn man in der besten Mannschaft der Welt spielt und dann zurück zum VfB kommt, dann muss man sich umstellen. Mehr Kampf, weniger Finesse. Ich hätte nicht gedacht, dass es mir so schwerfällt, mein Spiel anzupassen. Im Fußball geht es schnell nach unten, wenn man ein, zwei falsche Entscheidungen trifft. Von Stuttgart ging ich nach Birmingham, was keine gute Entscheidung war. Dann war ich ein Jahr lang verletzt. Und so hat es sich halt entwickelt, wie es heute ist. Ich war in Russland, in der Türkei, und jetzt bin ich wieder zu Hause bei Bate.

Für seinen Heimatklub Bate Borisov spielte Hleb mehrmals in seiner Karriere. Bei Bate wird er nach der kommenden Saison seine Laufbahn beenden.

Für seinen Heimatklub Bate Borisov spielte Hleb mehrmals in seiner Karriere. Bei Bate wird er nach der kommenden Saison seine Laufbahn beenden.

Foto: Alexander Hassenstein/ Getty Images

SPIEGEL ONLINE: Was wollen Sie machen, wenn Sie nach dieser Saison aufhören?

Hleb: Ich habe nebenbei Jura studiert. Vielleicht mache ich etwas in diesem Bereich. Aber ich will erst einmal etwas Pause machen. Meine Karriere war lang - und ich hatte selten Zeit für mich und meine Familie.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie heute trotzdem gern noch einmal ein junger Spieler sein?

Hleb: (atmet tief durch) Sehr, sehr gern. Aber wissen Sie was: Ich bin glücklich, wie alles ist. Meine Kinder und meine Eltern sind gesund. Ich habe einiges aus meiner Karriere gemacht. Aber wenn jetzt eine gute Fee vorbeikommen würde und mir die Möglichkeit gäbe, noch einmal jung zu sein und dieses Fußballerleben zu leben, dann würde ich sagen: Ja! Unbedingt! Es gibt nichts Besseres.

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