EM-Qualifikation "Wir hatten plötzlich dieses Virus in uns"

Nach einer unruhigen Woche, in der sportliche Themen eine untergeordnete Rolle spielten, hat die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in der EM-Qualifikation nur ein enttäuschendes Remis gegen Litauen zustande gebracht. Das Team von DFB-Teamchef Rudi Völler läuft Gefahr, den bei der WM erspielten Kredit leichtfertig zu verspielen.

Von Andreas Lampert, Nürnberg


Kapitän Oliver Kahn: Schuldlos an der Blamage und dennoch tief enttäuscht
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Kapitän Oliver Kahn: Schuldlos an der Blamage und dennoch tief enttäuscht

Nürnberg - Der einzige deutsche Spieler, der sich am Samstagabend nach dem enttäuschenden 1:1 (1:0) im EM-Qualifikationsspiel gegen Litauen ein bisschen freuen konnte, war Carsten Ramelow. Dem Leverkusener war in der 7. Minute der Führungstreffer für das Völler-Team gelungen - der erste Tor im 36. Länderspiel des blonden Mittelfeldspielers. Der wunderschöne Treffer war gleichzeitig die Krönung einer temperamentvollen Anfangsphase, in der die deutsche Nationalmannschaft dem Gegner kaum Luft zum Atmen ließ und die auf mehr hoffen ließ.

Wie ein Filigrantechniker hatte Ramelow - oder soll man besser Ramelao sagen? - einen Schuss von Jörg Böhme per Hacke in das vom ehemaligen Duisburger Gintaras Stauce gehütete Tor gelenkt, sehr zur Freude der 40.754 Zuschauer im ausverkauften Nürnberger Frankenstadion. "Jetzt heißt es bestimmt wieder, der Ball ist dem Ramelow abgerutscht", witzelte "Kalle", wie der 29-Jährige im Kreise der Nationalmannschaft genannt wird, über seinen Kunstschuss, "aber das war durchaus beabsichtigt."

Leider hatte dieses Tor des nicht gerade als Schnippelkönig bekannten Defensivmannes seine Teamkollegen offenbar in solche Ausgelassenheit versetzt, dass unbewusst einen Gang zurückgeschaltet und so das litauische Team gestärkt wurde. Während auf den Zuschauerrängen die spärlichen Ballkontakte von Torsteher Oliver Kahn mit tosendem Beifall bejubelt wurden, ließen auf dem Platz dessen Mitspieler Laufbereitschaft und Aggressivität vermissen, zum Ärger von DFB-Teamchef Rudi Völler. "Wir hatten plötzlich dieses Virus in uns. Man glaubt, auch mit weniger Mitteln den Gegner schlagen zu können", ärgerte sich Völler über seine Mannschaft und die verlorene Tabellenführung. Die von Ex-Bundestrainer Berti Vogts trainierten Schotten sind nach dem 2:1-Sieg gegen Island jetzt in der Gruppe 5 vorn.

"Wir wollten die Litauer im Kopf kaputt machen"


So plätscherte das Spiel des dreifachen Welt- und Europameisters gegen den 104. der Fifa-Weltrangliste nach der ersten Viertelstunde mit einem Mal dahin. Wieder interessant wurde es erst nach dem Ausgleichstor von Tomas Radzinevicius (73.), als die deutschen Fußballer in einer Schlussoffensive versuchten, Versäumtes nachzuholen. "Dabei wollten wir die Litauer in den ersten 15 Minuten im Kopf kaputt machen, aber die sind ruhig geblieben", zeigte sich auch Stürmer Miroslav Klose über das Resultat enttäuscht.

Schon im Heimspiel gegen die Faröer (2:1) war einer starken Anfangsphase eine nicht zu erklärende Passivität gefolgt, die den Gegner von Minute zu Minute mutiger machte. "Wir sind auf die Taktik der Litauer reingefallen und haben eindeutig zu wenig gezeigt", gestand Kunstschütze Ramelow. Das Glück, dass die Deutschen gegen die Faröer hatten, fehlte im Litauen-Spiel. "Wir hätten es auch nicht verdient gehabt, dass Ding hier noch umzubiegen", dekretierte Völler.

Schneiders reguläres Tor aberkannt


Dennoch beschwerte sich der Teamchef in einem für ihn ungewohnt scharfen Ton über den spanischen Schiedrichterassistenten, der kurz vor dem Ausgleich ein regelgerechtes Tor von Bernd Schneider aberkannte. Bei Fredi Bobic' Hereingabe soll der Ball bereits im Aus gewesen sein - eine Fehlentscheidung, wie die Fernsehbilder später bewiesen. "Das war eine absolute Sauerei", schimpfte Völler über das nicht gegebene Tor, welches das 2:0 und wahrscheinlich die Vorentscheidung in der Partie gewesen wäre.

Die Frustration, die Völler hier für einen Moment aus der Haut fahren ließ, mag auf eine unruhige Woche zurückzuführen sein, die der Teamchef im Frankenland erlebt hatte. Statt sportlichen Themen bestimmten Personalien (Jürgen Kohlers überstürzter Wechsel nach Leverkusen), boulevardeske Eskapaden (Oliver Kahns extremer Geschwindigkeitsrausch) oder der gerade ins Leben gerufene offizielle Fanclub der Nationalmannschaft die Schlagzeilen. "Wir müssen aufpassen, dass die Euphorie, die wir während der WM hierzulande entfacht haben, nicht schnell wieder verloren geht", zeigte sich Völler besorgt.

"Auch kleine Länder können Fußball spielen"


Während im deutschen Lager zerknirscht Selbstkritik geübt und über "zwei verlorene Punkte" (Völler) gegrübelt wurde, war der Jubel im Lager der Litauer riesengroß. "Bislang war unser Vorzeigeergebnis ein Unentschieden gegen den damaligen Europameister Dänemark", schüttelte Co-Trainer Valdas Ivanauskas auch eine Stunde nach Spielende noch ungläubig den Kopf, "aber das 1:1 hier in Nürnberg gegen den amtierenden Vizeweltmeister ist damit gar nicht zu vergleichen. Das ist mit Abstand der größte Erfolg unserer Fußballgeschichte."

Kapitän Stauce fügte strahlend hinzu: "Auch kleine Länder können Fußball spielen. Wir werden bei unserer Ankunft am Flughafen bestimmt ein riesiges Fest erleben." Hoffentlich feiern die Litauer in den nächsten Tagen nicht zu sehr, denn am kommenden Mittwoch gastiert Schottland in Kaunas. "Wir werden den Deutschen helfen", versprach Cheftrainer Algimantas Liubinskas. Das Vogts-Team, das die DFB-Auswahl am 7. Juni in Glasgow erwartet, wird nach dem Coup der Balten in Nürnberg gewarnt sein.

Deutschland - Litauen 1:1 (1:0)
1:0 Ramelow (8.)
1:1 Razanauskas (73.)
Deutschland: Kahn/Bayern München (33 Jahre/58 Länderspiele) - Friedrich/Hertha BSC Berlin (23/6), Wörns/Borussia Dortmund (30/42), Rau/VfL Wolfsburg (21/2) ab 82. Freier/VfL Bochum (23/7) - Frings/Borussia Dortmund (26/20), Ramelow/Leverkusen (29/36), Schneider/Bayer Leverkusen (29/23), Hamann/FC Liverpool (29/49), Böhme/Schalke 04 (29/10) ab 46. Rehmer/Hertha BSC Berlin (30/31) - Bobic/Hannover 96 (31/22) ab 72. Kuranyi/VfB Stuttgart (21/1), Klose/1. FC Kaiserslautern (24/26)
Litauen: Stauce/Fostiras Athen (33/55) - Semberas/ZSKA Moskau (24/31), Zvirgzdauskas/Halmstads BK (27/25), Dedura/Skonto Riga (24/16), Barasa/Lada Togliatti (25/8) - Morinas/FSV Mainz 05 (28/23), Petrenko/FBK Kaunas (28/) ab 87. Dziaukstas/Saturn Ramenskoje (24/17), Pukelevicius/Sviesa Vilnius (29/) ab 46. Maciulevicius/Sviesa Vilnius (29/31), Mikalajunas/Sviesa Vilnius (30/39) - Razanauskas/Akratitos Liosiu (27/31) - Jankauskas/FC Porto/28/31) ab 90. Fomenko (26/22)
Schiedsrichter: Victor Jose Esquinas Torres (Spanien)
Zuschauer: 40.754 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Rau, Böhme - Petrenko, Morinas, Maciulevicius



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