Russland deklassiert Tschechien Die Super-Senioren

Es war ein furioser Auftakt: Die russische Offensive hat Tschechien im Auftaktspiel vorgeführt - und eiskalt demontiert. Dabei spielen in der Sbornaja die ältesten EM-Teilnehmer, man hatte der Elf deshalb mangelnde Frische und Ideen vorausgesagt.

Stürmerstar Kerschakow: Torgefährlicher Offensivmann der Russen
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Stürmerstar Kerschakow: Torgefährlicher Offensivmann der Russen


Hamburg - Es mutete an wie ein Déjà-vu: Das zweite Tor für die russische Nationalmannschaft gegen Tschechien leiteten Andrej Arschawin und Roman Schirokow ein - eben jene Akteure, die schon bei der EM 2008 maßgeblich am Erfolg des Teams beteiligt waren. Beide Spieler sind 1981 geboren und liegen damit deutlich über dem Durchschnittsalter der EM-Teilnehmer.

Die gesamte russische Mannschaft ist fast fünf Jahre älter als das jüngste EM Team, Deutschland. Im Sport können das Welten sein. Entsprechend war über das "Seniorenaufgebot" von Russlands Trainer Dick Advocaat geunkt worden: Wie sollten die durchschnittlich 28,4 Jahre alten Russen mit all den jungen europäischen Teams mithalten? Mit Teams, in denen die jüngsten Stars gerade erst volljährig geworden sind?

Im Auftaktspiel gegen Tschechien hat Russland bewiesen, dass es geht. Mehr noch: Das 4:1 (2:0) gegen die Auswahl von Michal Bilek war eine beeindruckende Demonstration. Vier Tore im ersten Vorrundenspiel gegen ein eigentlich favorisiertes Team zu schießen, ist schon außergewöhnlich. Noch außergewöhnlicher wird die Leistung der Russen, wenn man bedenkt, dass es bei besserer Chancenverwertung doppelt so viele hätten sein können.

Mehrere hundertprozentige Chancen vergeben

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Sieg über Tschechien: Russlands Angriffswirbel
"Das erste Spiel zu gewinnen, ist immer wichtig. Wir haben drei Punkte und 4:1 Tore, das ist entscheidend. Wir müssen noch einige kleine Fehler abstellen und im zweiten Spiel nachlegen", sagte Advocaat nach dem Spiel. Fehler machte er vor allem im Stellungsspiel der Defensive und im Torabschluss aus.

Ausgerechnet der 21-jährige Jungstar Alan Dsagojew traf gleich doppelt für die Russen (15. Minute/79.), dazu vollendeten Roman Schirokow (24.) und Roman Pawjlutschenko (82.). Die Offensive war aufmerksam, schnell, wurde im Laufe des Spiels immer furioser - und ging dadurch manches Mal fahrlässig mit Chancen um. Bestes Beispiel: Alexander Kerschakow. Der 29-Jährige vom russischen Meister Zenit St. Petersburg vergab gleich mehrere hundertprozentige Chancen.

Dass die Russen eine gewichtige Rolle bei diesem Turnier spielen können, hatte bereits die Qualifikationsrunde gezeigt: Advocaats Team wurde mit 23 Punkten Gruppenerster und verlor von zehn Spielen lediglich eines gegen die Slowakei. Im letzten EM-Testspiel schlugen sie die italienische Nationalmannschaft 3:0. Es war ein erster Vorgeschmack auf die Stärke, mit der Advocaats Elf in das EM-Turnier gestartet ist.

Umsichtige Ballverteilung aus dem Mittelfeld

Mit einem ähnlich furiosen Angriffsspiel wie gegen Tschechien war die Sbornaja bereits vor vier Jahren durch das EM-Turnier gerauscht. Sie zeigten attraktiven Fußball - und waren erst im Halbfinale gegen Spanien ausgeschieden. Andrej Arschawin, der auch am Freitagabend eine überzeugende Leistung zeigte, gelang 2008 der Durchbuch, er schien das Turnier seines Lebens zu spielen.

Groß verändert hat sich das Gesicht der Mannschaft seitdem nicht; gegen Tschechien standen sieben Spieler auf dem Platz, die bereits 2008 dazugehörten. Der Coach ist zwar ein anderer - auf den Niederländer Guus Hiddink folgte Landsmann Dick Advocaat - aber die Spielphilosophie ist die gleiche: schnelles Umschalten von Abwehr auf Angriff.

Das setzte das russische Team gegen Tschechien konstant durch. Die Mannschaft kombinierte über beide Flügel, dabei verteilte das Mittelfeld die Bälle ausgewogen und umsichtig: Arschawin, Schirokow, Igor Denissow und Konstantin Syrjanow agierten als umsichtige Takt- und Ideengeber, leiteten immer wieder schnelle Angriffe ein.

So beherrschte Russland, das spätestens nach dieser temporeichen Glanzleistung als Favorit für den Gruppensieg gelten dürfte, die tschechische Mannschaft nach der Anfangsphase über weite Strecken nach Belieben. "Wir sind alle sehr enttäuscht. Das Spiel haben wir uns ganz anders vorgestellt. Wir haben die Spielkontrolle verloren und uns zu viele Ballverluste erlaubt. Wir müssen uns enorm steigern", sagte Tschechiens Trainer Bilek nach dem Spiel.

Russland - Tschechien 4:1 (2:0)
1:0 Dsagojew (15.)
2:0 Schirokow (24.)
2:1 Pilar (52.)
3:1 Dsagojew (79.)
4:1 Pawljutschenko (82.)
Russland: Malafejew - Anjukow, A. Beresuzki, Ignaschewitsch, Schirkow - Schirokow, Denissow, Syrjanow - Dsagojew (84. Kokorin), Arschawin - Kerschakow (73. Pawljutschenko)
Tschechien: P. Cech - Gebre Selassie, Hubnik, Sivok, M. Kadlec - Plasil, Jiracek (76. Petrzela) - Pilar, Rosicky, Rezek (46. Hübschman) - Baros (86. Lafata) Schiedsrichter: Webb (England)
Zuschauer (in Breslau): 42.771 (ausverkauft)
Gelbe Karten: -/-



insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
odysseus33 09.06.2012
1. Löws Rezept
Löw behauptet ja das jung (mit "Qualität") heute im Fussball allemal besser sei als älter und erfahren. Tja, schauen wir mal. Irgendein Konzept braucht man halt.
stiip 09.06.2012
2. Alte Meister
Zitat von sysopDPAEs war ein furioser Auftakt: Die russische Offensive hat Tschechien im Auftaktspiel vorgeführt - und eiskalt demontiert. Dabei spielen in der Sborjana die ältesten EM-Teilnehmer, man hatte der Elf deshalb mangelnde Frische und Ideen vorausgesagt. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,837869,00.html
Ein wunderbares Spiel gestern mit schnellen, überraschenden, genauen Spielzügen, die manchmal an unsere Nationalelf zu ihren besten Zeiten erinnerten. Auch wenn mir der Niedergang der Tschechen, die mal zu den vier besten Mannschaften Europas zählten, in der Seele weh tut. Wie es den Russen aber gegen ein Team ergeht, das in der Lage ist, über 90 oder 120 Minuten Vollgas zu geben, bleibt abzuwarten. Viertelstündige Tempoverschleppungen sind dann nicht mehr drin. Und dass im ganzen russischen Kader nur zwei Legionäre spielen, liegt wohl nicht nur an den guten russischen Gasrubeln oder an der Heimatliebe, wie der ARD-Kommentator gestern meinte. Tipp: Im Viertelfinale, gegen Deutschland oder Holland, ist Schluss.
Tom Joad 09.06.2012
3.
Sie sprechen in Rätseln. Falsches Jahrzehnt erwischt? Zum Thema: Die Tschechen waren aber auch erstaunlich lahm. Mal sehen, ob die Russen ihr hohes Tempo auch gegen andere Gegner vorlegen können. Schön anzusehen war es auf jeden Fall!
limrz 09.06.2012
4.
Mal sehen, wie die Ü30 Nicht-WM-Teilnehmer "zelebrieren", wenn sie die Mannschaften aus der mit Abstand leichtesten Gruppe hinter sich gelassen haben.
hfftl 09.06.2012
5. .
Wer außer Frau Peschke hat denn Tschechien gegen Russland "eigentlich favorisiert"? Ich kenne niemanden.
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