EM-Sieger Spaniens Kunstfußball bezaubert Europa

Über Jahre musste sich Luis Aragonés verspotten lassen - jetzt triumphieren der Trainer und seine Mannschaft: Spanien hat bei der EM den Fußball der Zukunft vorgeführt. Nicht Kraft, Tempo, Wucht stehen im Mittelpunkt - sondern Lust am Spiel und die Kunst am Ball.

Aus Wien berichtet Christoph Biermann


Als die spanische Mannschaft durch einen Regen aus weißen Luftschlangen den Pokal des Europameisters mit auf die Ehrenrunde nahm, gab es wohl niemand im Stadion, der ernsthaft die Berechtigung ihres Sieges angezweifelt hätte. Das Finale von Wien war ein Triumph des Fußballs gewesen, weil nicht nur das an diesem Abend bessere Team gewonnen hatte, sondern das mit weitem Abstand beste des Turniers. Mit Spanien hatte jene Mannschaft die Europameisterschaft vor ersten bis letzten Spiel dominiert, bei der nicht Kraft, Tempo oder Wucht im Mittelpunkt standen, sondern die Lust am Spiel und die Kunst am Ball.

Das alles passierte nicht irgendwie zufällig, sondern weil ein bockiger alter Mann über Jahre hinweg entgegen allen Widerständen sein Primat des Passspiels durchgezogen hatte. Luis Aragonés, 69, hatte sich dafür verspotten und beleidigen lassen müssen, nun saß er da und behauptete tief überzeugt, dass der erste spanische Titelgewinn seit 44 Jahren eine Bedeutung über das eigene Land hinaus haben könnte. "Wir haben auf brillante Weise das Turnier gewonnen, und ich bin mir sicher, dass Spanien ein Modell für den Fußball werden kann", sagte er.

Wenn Aragonés damit recht haben sollte, wäre das keine ganz schlechte Folge seines Sieges am Ende einer insgesamt sowieso erfreulich offensiven und unterhaltsamen Europameisterschaft. Vielleicht setzt Spanien, wo in der Ausbildung von Fußballer schon lange mehr auf Ballfertigkeit und die Fähigkeit zum Kombinationsspiel geachtet wird, den Trend für die Zukunft.

Vor allem unter dem Eindruck der Spiele in der Champions League war im Fußball das Tempo zuletzt ein Fetisch geworden. Da zudem mit Hilfe vieler technischer Möglichkeiten auch noch harte Daten über die Laufleistung oder Sprintfähigkeit bereitstehen, war in den Hintergrund getreten, wie elementar im Fußball der möglichst perfekte Umgang mit dem Ball ist.

Die spanische Nationalmannschaft hat diese Fähigkeit wieder in ihr Recht gesetzt, auch weil ihre Kunst nie eine zirzensische gewesen ist. Wahrscheinlich beherrschen die Xavi und Xabi, Iniesta und Fabregas, Torres und Villa alle Tricks, aber sie führen diese nur da vor, wo sie ihnen helfen, den Ball seinen Weg nehmen zu lassen. Gerade im Spiel nach vorne zeigten die Spanier auch gegen Deutschland, warum sie zu Recht den Titel gewannen: Sie beherrschen unterschiedliche Formen des Angriffspiels. Als Konter-Kombinierer sind sie zu überfallartigen Angriffen genauso in der Lage wie zu geduldigen Passfolgen, bis ein Loch in der gegnerischen Abwehr gefunden ist. Ja, die Mannschaft von Aragonés kann sogar das schnelle und langsame Spiel in einem Angriffszug miteinander verbinden, den frühen Pass und den ganz späten.

"Es wollen doch alle, die den Fußball lieben, guten Kombinationsfußball sehen", sagte Aragonés bei seiner letzten Pressekonferenz als spanischer Nationaltrainer. Doch das stimmt eben nicht. José Mourinho etwa hat sich mal darüber beschwert, dass es mehr Lob für die Mannschaften gebe, die Kombinationsfußball spielten als jene, die möglichst schnell nach vorne kommen wollen. Aragonés hat trotzdem recht, denn der Fußball seiner Mannschaft ist die hohe Schule des Spiels. Wer sich 20-mal den Ball zupasst, läuft 20-mal in der Gefahr ihn zu verlieren. Deshalb versuchen es so wenige Mannschaften.

Eine interessante Pointe ist, dass diese Spanier die Spielidee des FC Barcelona verwirklichen, dem Symbol des katalanischen Nationalismus. Und das auch noch mit Spielern vor allem im Mittelfeld, die in Barcelona spielen oder dort ausgebildet worden. Weil der Club aber in den vergangenen beiden Jahren nicht so erfolgreich war, ist auch die Idee von geduldigem Kombinationsfußball etwas in Misskredit geraten.

Nun steht sie plötzlich wieder in voller Blüte, weil Spanien zugleich defensiv sicher ist, nicht die Mehrheit an Ballbesitz für sich beansprucht und vorne ausreichend effizient spielte. Auch Joachim Löw ließ keinen Zweifel an der Berechtigung der deutschen Niederlage: "Wir müssen die hohe Qualität der Spanier anerkennen." Sein Team hielt nur in den ersten zehn Minuten mit, danach wurde es in vielen Situationen einfach ausgespielt, weil fast alle Gegner am Ball haushoch überlegen waren.

Von den Deutschen blieb im Finale ihre Unbeholfenheit als stärkster Eindruck. "Es wird für uns Ansporn sein, in den nächsten zwei Jahren einige Dinge zu verbessern", sagte Löw. Vielleicht muss hierzulande sogar noch einmal etwas grundsätzlicher über Fußball nachgedacht werden. Denn auch um das deutsche Team war zuletzt mehr von Tempo und vertikalen Pässen als vom Geschick am Ball die Rede.

Zumal es nicht sehr unwahrscheinlich ist, dass die Spanier mit ihrem Stil den Weltfußball der kommenden Jahre bestimmen könnten. "Wir haben eine Mannschaft zusammengestellt, die man kaum stoppen kann", sagte Aragonés. Alle wichtigen Spieler sind überdies jung und entwicklungsfähig. Für die Konkurrenz sind das keine besonders guten Aussichten, für die Zuschauer schon.

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