Spanien vor EM-Finale Die Furcht der Roten Furie

Wer ist der Favorit fürs EM-Finale, Spanien oder Italien? Beide Teams spielen ähnlich. Der Welt- und Europameister hat erkannt, dass sein historischer Siegeszug gefährdet ist.

AP

Aus Kiew berichtet


Hubschrauber kreisen seit Samstagmorgen über dem Kiewer Olympiastadion. Das dröhnende Geräusch der Rotoren war auch deutlich zu vernehmen, als die italienische und spanische Nationalmannschaft in dem gewaltigen Oval ihr Abschlusstraining absolvierten. Höchste Sicherheitsstufe vor dem EM-Finale am Abend (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), das in dieser Konstellation von den wenigsten erwartet worden war. Kaum einer hatte Italien vor Beginn des Turniers im Endspiel gesehen.

Die "Squadra Azzurra" hat deshalb nichts zu verlieren, sie kann den EM-Showdown wesentlich gelassener angehen als der Titelverteidiger. Während Italiens Nationaltrainer Cesare Prandelli zum gesamten Abschlusstraining Besucher zuließ, sperrte sein spanischer Kollege Vicente del Bosque nach einer Viertelstunde alle Beobachter aus.

Wohl eher aus Nervosität als aus taktischen Gründen - denn eigentlich gibt es vor dem Finale gar keine Geheimnisse mehr. Del Bosque verriet indirekt, dass er das stürmerlose System mittlerweile für das beste hält: "Wir werden drei Spieler auf den Platz bringen, die für den Angriff verantwortlich sind." Im spanischen "Sturm" werden wohl wieder David Silva, Andrés Iniesta und Cesc Fàbregas stehen; keiner von ihnen wird im offiziellen Uefa-Aufstellungsbogen als Angreifer geführt.

Spanien hält an Philosophie fest

Die Mannschaft steht indes voll hinter dem Konzept ihres Trainers: "Wir sind nicht gelangweilt, wir erfreuen uns an unserem Spiel. Unsere Philosophie ist die richtige", entgegnete Xavi den zahlreichen Kritikern der vergangenen Wochen. Sein Mannschaftskollege, der feine Techniker Iniesta, trieb es sogar noch weiter: "Ein Niederlage ist niemals ein Fiasko. Ein Fiasko wäre es, wenn wir auf unseren Stil verzichten würden." Auch deshalb wäre ein Erfolg gegen Italien Balsam für die spanische Fußballseele: "Es wäre ein Zeichen dafür, dass bei uns nicht alles schlecht ist", sagte del Bosque.

Zugleich hat die spanische Mannschaft die Chance, mit einem Finalsieg in die Geschichtsbücher einzugehen: "Wir wollen der Fußballwelt beweisen, dass wir noch nicht satt sind. Wir wollen weiter Geschichte schreiben", betonte Xavi. Zweimal Europameister, einmal Weltmeister innerhalb von vier Jahren: Das hat noch nie ein Team geschafft. Die deutsche Nationalmannschaft, bei der EM 1972 und der WM 1974 mit Titeln dekoriert, war zwei Jahre später nahe dran, ehe sich der Dreifach-Coup in einem zu hoch angesetzten Elfmeterschuss von Uli Hoeneß im Finale verflüchtigte.

Der Titelverteidiger geht mit hohem Druck ins Finale

Doch es ist die historische Dimension, die auch den Druck auf den Titelverteidiger in die Höhe treibt. Torwart und Kapitän Iker Casillas brachte es auf den Punkt: "Es ist jetzt ein anderes Gefühl: Vor vier Jahren haben wir etwas erreicht, was niemand erwartet hat. 2010 haben wir etwas geschafft, was viele nicht gedacht hatten." Und nun, zwei Jahre später, kann diese dekorierte Auswahl auf einmal nicht nur gewinnen, sondern auch viel verlieren. Es ist eine andere spanische Mannschaft, die heute auf dem Platz steht - mental und fußballerisch.

Die Spanier haben ihren berühmten Tiki-Taka-Stil mit so viel defensiver Sorgfalt perfektioniert, wie die Italiener ihr abwehrorientiertes Spiel offensiver gestaltet haben. Beide Teams haben sich so einander angenähert - wie das unentschieden ausgegangene EM-Gruppenspiel der Finalgegner zeigte. Sowohl Spanien als auch Italien bemühen sich um höchste Effektivität im Angriff und totale Disziplin in der Abwehr.

Auch deshalb kann Spaniens Trainer del Bosque keinen wirklichen Favoriten auf den Titel ausmachen. Ihn habe der italienische Sieg gegen Deutschland nicht überrascht, sagte er. "Die Italiener waren die Mannschaft, die auch uns bisher die meisten Schwierigkeiten gemacht haben. Bei ihnen hat sich einiges verändert."

Höchste Alarmbereitschaft also nicht nur über, sondern auch im Stadion von Kiew. Spanien, die "Rote Furie", geht zwar als leichter Favorit ins Finale - doch die Elf von del Bosque weiß, dass sie bei dieser EM nicht das erste Team wäre, das an den eigenen hohen Erwartungen scheitern würde.



insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
ödi 01.07.2012
1. .
Zum x-ten mal: Warum "Furie"? Hier in Spanien spricht niemand, nicht einmal die sensationslüsternen Massensportblätter MARCA oder AS von einer "furia", die NM heisst schlicht "La Roja", die Rote.
wizzard74 01.07.2012
2. keine Furie?
Zitat von ödiZum x-ten mal: Warum "Furie"? Hier in Spanien spricht niemand, nicht einmal die sensationslüsternen Massensportblätter MARCA oder AS von einer "furia", die NM heisst schlicht "La Roja", die Rote.
Na dann weisen Sie aber mal schnell die ganzen ahnungslosen Spanier zurecht, die auf der spanischen (!) Wiki-Seite folgende Pseudonyme angeben: La Furia, La Furia Española, La Furia Roja, La Roja Selección de fútbol de España - Wikipedia, la enciclopedia libre (http://es.wikipedia.org/wiki/Selecci%C3%B3n_de_f%C3%BAtbol_de_Espa%C3%B1a) Die haben doch alle überhaupt keine Ahnung!
Möglw. 01.07.2012
3. Stark!
Ich finde den spanischen Stil brillant. Wenn man nur 40 oder 50% Ballbesitz hat, sinkt die Wahrscheinlichkeit - besonders bei gleich guten Teams - drastisch, viele Torchancen rauszusarbeiten. Wenn ich aber 70% Ballbesitz habe, kontrolliere ich die Situationen, zermürbe die Verteidigung, die sich dauernd neu sortieren muss. Und dann stoße ich bei Unachtsamkeiten schnell vor, wenn sich die Lücke auftut - was bei dem Stil vorprogrammiert ist. Das ist so einfach wie logisch. Wie schon Tausende von anderen Foristen hier in SPON in den letzten Tagen schrieben: Mit der millionenschweren Gelfrisur-Einstellung und ohne dreckige Trikots und der nägelkauenden Löw-Einstellung, dem die internationale Presse "Feigheit" vorgeworfen hat, werden wir nirgends weiter als bis zum Halbfinale kommen. Den Spaniern dagegen ist mit der mathematisch überlegenen Spielweise immer wieder viel zuzutrauen! P.s. lassen wir den Italienern und den Spaniern ruhig EINE Disziplin, in der sie was können. Guckt euch doch mal den Medaillenspiegel der Leichtathletik-EM an, Italien letzter. Beim Winter- und sonstigen Sport oder Wirtschaft sieht es nicht viel besser aus... daher ginge der Sieg für Spanien als auch Italien in Ordnung. Ab Montag sind Spanien, Italien und die Ukraine wieder im Alltag angekommen...
der_wolf 01.07.2012
4.
Bin schon wahnsinnig gespannt auf das Spiel. Was sich die Trainer einfallen lassen als Reaktion aufs erste Spiel, Pirlo vs. Xavi, kontrolliertes Kurzpasspiel ohne echten Stürmer contra lange Pässe auf unberechenbare Sturmspitzen... wahrscheinlich kommt fades Mittelfeldgekicke bei raus *g* Aber immerhin haben beide Mannschaften schon ein Elfmeterschießen gewonnen bei diesem Turnier, könnte Drama pur geben. Hoffentlich ECHTE Dramatik ohne manipulierte Bilder von der UEFA...
ödi 01.07.2012
5. optional
Lieber wizzard74, Spanisch lernen kann von Vorteil sein. Auf der von Ihnen angegebenen Seite ist zu lesen, dass italienische Medien diesen Titel 1920 in Antwerpen vergeben haben, ist also schon ein Weilchen her. Ich zitiere weiter aus der von Ihnen verwendeten Quelle: "En los últimos años se ha popularizado simplemente como «La Roja».... In den letzten Jahren ist also nur noch von der "Roja" die Rede. Mehr habe ich auch nicht behauptet. Ergo: Erst lesen, dann übersetzen, dann schiessen. Freundliche Grüsse von der Insel La Palma
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