EM-Test in Österreich 3:0 verloren

Ein Sieg wie eine Niederlage: Selten hat sich eine deutsche Mannschaft nach einem Erfolg so schlecht gefühlt wie in Wien. Gegen Österreich spielte das DFB-Team selbstgefällig statt selbstbewusst. Michael Ballack sieht schon einen Abwärtstrend. Doch den zu beenden ist nicht das einzige Problem.

Von , Wien


Es gab eine Zeit im deutschen Fußball, in der der Innenverteidiger dank seines guten Stellungsspiels den Ball eroberte und mit einem sauberen Pass den Gegenangriff einleitete. Die Richtung des deutschen Spiels war vertikal und das Tempo hoch, im Mittelfeld wechselte der Ball die Seite, mit Doppelpässen wurden die Außen eingesetzt, in der Mitte stand ein Stürmer und nach 90 Minuten ein deutliches Ergebnis. Begriffe wie "schnelles Umschalten", "Direktspiel" und "Beherrschen des Gegners von der ersten Minute an" waren die Schlagworte einer Spielphilosophie, die Erfolg und Schönheit vereinte.

Im Wiener Ernst-Happel-Stadion sind drei Minuten gespielt, als die deutsche Abwehr zum ersten Mal mit einem simplen Steilpass ausgehebelt wird. Nach zehn Minuten ist der österreichische Stürmer Martin Harnik, ein Amateur von Werder Bremen, schon zum dritten Mal auf der rechten Seite allein durch. Bastian Schweinsteiger bekommt einen Beinschuss. Nach einer Viertelstunde schiebt Michael Ballack den Ball behäbig von der Zentrale auf die rechte Seite, Manuel Friedrich verliert ein Laufduell mit Harnik. Thomas Hitzlsperger schießt aus 25 Metern vorbei. Miroslav Klose steht in der Mitte. Ohne Ball.

Was ist passiert mit dieser deutschen Mannschaft? Wo ist die "Spielphilosophie", die das Team zum WM-Dritten machte und den Großteil der EM-Qualifikation zu einem Erlebnis? Warum ist aus einem selbstbewussten Team ein zögerliches geworden, das in der ersten Halbzeit in Wien wirkt wie eine Parodie auf sich selbst?

"Ich habe im Moment keine Ahnung, warum wir überhaupt nicht ins Spiel gefunden haben", sagt Torwarttrainer Andreas Köpke. Er schaut ernst und ungläubig zugleich in der Interviewzone, und irgendwie sehen sie alle so aus und hören sich alle so an, die nach und nach vom Duschen kommen. "Schwer ins Spiel gekommen" sei das Team, sagt zum Beispiel Kevin Kuranyi. Und alle sprechen sie davon, dass sie Glück hatten, diesen Test 3:0 (0:0) gewonnen zu haben.

Lehmanns haarsträubende Fehler

Es gab nachher viele Erklärungsversuche für diese miserable erste Halbzeit, die in den kommenden Wochen für Diskussionen sorgen wird. Weil Jens Lehmann, dieser angeblich so druckresistente Torhüter, haarsträubende Fehler machte. Weil der Innenverteidiger Friedrich ein ums andere Mal seinem Gegenspieler Harnik hinterher rannte. Weil Schweinsteiger selbst die leichtesten Bälle versprangen und er mut- und erfolglos in die Zweikämpfe ging. Und natürlich, weil die vermeintliche österreichische Trümmertruppe den vermeintlichen EM-Mitfavoriten spielerisch und kämpferisch beherrschte.

"Ich war überrascht, dass sie von Anfang an da waren, Druck gemacht und gut gespielt haben", sagt Kuranyi. "Die Mannschaft ist nicht ganz fit, wir haben einige Verletzungssorgen", sagt Ballack, der das aber nicht als Entschuldigung gelten lassen will. Jeder einzelne sei "nicht richtig darauf eingestellt gewesen, was uns heute hier erwartet. Wir haben das ein bisschen unterschätzt".

Auch gegen Österreich zeigte sich wieder die Tendenz zur Selbstgefälligkeit, wie schon im vergangenen Jahr bei den torlosen Unentschieden in Irland oder gegen Wales. Die Mannschaft weiß um ihre Möglichkeiten, investiert aber zu wenig, um sie auszuschöpfen. "Wir werden ja als einer der EM-Favoriten gehandelt. Und wenn man das glaubt und nichts dafür tut, dann bekommt man auch gegen Österreich Probleme", sagt Ballack.

Nach seinem ersten Länderspiel seit einem Jahr kritisierte der Kapitän ungewöhnlich offen die Fehler der DFB-Elf. Ballack brennt nach seiner langen Auszeit, und wie schon vor der WM, als er den Fokus auf die Verbesserung der Defensive lenkte, spielt er auch vor der EM wieder den Mahner. "Der größte Fehler war, dass wir die Österreicher unterschätzt haben. Das darf nicht passieren", sagt der 31-Jährige, der das Team "läuferisch schwach und im Zweikampf zu weit weg" sah. "Der Trend zeigt nach unten in den vergangenen Monaten und man muss aufpassen, dass man nichts schönredet, sondern da wieder anfängt, wo wir nach der WM weitergemacht haben."

Schweinsteiger nur noch ein Schatten seiner selbst

Das ist aber womöglich leichter gesagt, als getan. Von dem damals als Traumpaar gelobten Innenverteidigerduo Per Mertesacker und Christoph Metzelder fällt der zweite wegen einer Fußverletzung monatelang aus, und der eigentlich als erster Ersatz fest eingeplante Manuel Friedrich zeigte gegen Österreich deutliche Defizite. Deutschland droht ein Problem in der zentralen Abwehr, und es ist gut möglich, dass der in Wien zunächst auf rechts eingesetzte Schalker Westermann sich plötzlich neben Mertesacker wiederfindet - auch bei der EM. Bisher hat Westermann nur einmal mit der Mannschaft trainiert.

Im Mittelfeld ist Schweinsteiger ein Schatten seiner selbst, ihm fehlt die Spielpraxis in München und seit einiger Zeit auch das Selbstvertrauen in der Nationalmannschaft. Bernd Schneider ist noch nicht fit, Ballack ebenso wenig, Torsten Frings ist verletzt, Lukas Podolski pendelt zwischen Sturm und linkem Mittelfeld - einzig Thomas Hitzlsperger zeigt Konstanz. Ballack ersehnt sich für den nächsten Test am 26. März in der Schweiz, dass die Stammelf überhaupt mal zusammen auflaufen kann. Es könnte ein Wunsch bleiben.

Daneben droht weitere Unruhe durch Lehmann. Der Torhüter ist nach seinen Fehlern nicht mehr unantastbar, die Diskussion um die Nummer eins wird wohl bis zur EM andauern. Sein Konkurrent Timo Hildebrand meldete in der "Stuttgarter Zeitung" schon Ansprüche an, Torwarttrainer Köpke verweist noch beharrlich darauf, dass Lehmann seine besten Spiele mache, wenn er unter Druck stehe. Köpkes Logik folgend müsste der Keeper in der Schweiz ein sehr, sehr gutes Spiel machen.

Dass am Ende im Ernst-Happel-Stadion ein 3:0 für die schlechtere Mannschaft stand, war jedoch auch zwei Paraden von Lehmann zu verdanken und einer nahezu perfekten Chancenverwertung des DFB-Teams. Das Ergebnis aber war mindestens drei Treffer zu hoch.

Österreich - Deutschland 0:3 (0:0)
0:1 Hitzlsperger (53.)
0:2 Klose (63.)
0:3 Gomez (80.)
Österreich: Manninger - Prödl, Stranzl, Pogatetz, Standfest - Aufhauser (69. Prager), J. Säumel, C. Fuchs, Ivanschitz - Harnik (73. Kienast), Linz (82. Kavlak)
Deutschland: Lehmann - Westermann, Mertesacker, M. Friedrich (74. Hilbert), Lahm - Ballack, Hitzlsperger (82. Jones), B. Schneider (59. Podolski), Schweinsteiger - Klose, Kuranyi (59. Gomez)
Schiedsrichter: Dondarini (Italien)
Zuschauer: 48.500
Gelbe Karten: Aufhauser, Linz / M. Friedrich, Mertesacker, Ballack

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