EM-Überraschung Türkei Wild, unberechenbar, erfolgreich

Sie drehen einfach jedes Spiel: Das türkische Team kann seinen erneuten Last-Minute-Erfolg gegen Kroatien selbst kaum fassen. Jetzt kommt es zum Halbfinale gegen die deutsche Mannschaft - die eigentlich der klare Favorit ist, doch Bundestrainer Löw warnt vor Übermut.

Aus Wien berichtet


"So ein Ende kann es nur im Fußball geben. Die letzten beiden Minuten werden mich für den Rest des Lebens verfolgen." Slaven Bilic, der Trainer der kroatischen Nationalmannschaft, war noch lange nach Spielende fassungslos vor Entsetzen und rang nach den richtigen Worten: "Morgen ist ein neuer Tag, morgen wird die Sonne aufgehen. Aber was da passiert ist, verstehe ich nicht. Ich werde das den Rest meines Lebens nicht begreifen. "

Bilic war nicht der Einzige, dem es nach dem Viertelfinalspiel zwischen Kroatien und der Türkei so ging. 0:0 nach den langweiligsten 118 Minuten dieser EM, 1:0 für Kroatien nach 119 Minuten durch Ivan Klasnic, 1:1 nach 122 Minuten durch Semih Sentürk, schließlich 3:1 für die Türkei im Elfmeterschießen, weil Luka Modric und Ivan Rakitic neben das Tor zielten und Mladen Petric an Keeper Rüstü scheiterte.

"Wir haben für das Elfmeterschießen gar nicht trainiert. Weniger ist mehr", sagte Fatih Terim, der türkische Trainer, nach diesem kurzen, aber packenden Drama. Und grinste vor Glück.

Am Mittwoch (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) darf er mit seiner Mannschaft im Halbfinale gegen Deutschland antreten - dieses Duell hat es bei einem großen Turnier bisher nur bei der WM 1954 gegeben. Dort führte der eigenartige Vorrunden-Modus sogar zu gleich zwei Spielen, beide Male setzte sich die deutsche Mannschaft um Fritz Walter deutlich durch (4:1 und 7:2).

Nun spricht 54 Jahre danach vieles, wenn nicht alles erneut für Deutschland: Sie haben einen Tag mehr Pause, keine Verlängerung gespielt und die Bestbesetzung beisammen, während sich gleich drei türkische Stammspieler – Arda Turan, Emre Asik und Tuncay Sanli - eine Sperre fürs Halbfinale einhandelten.

Doch das ist für Bundestrainer Joachim Löw kein Grund, mangelnden Respekt zu offenbaren: "Die Türken haben im bisherigen Turnierverlauf gezeigt, dass mit ihnen immer zu rechnen ist, egal wie der Spielstand ist. Sie sind sehr, sehr unberechenbar. Ich kenne natürlich auch die Mentalität der Türken. Wenn es bei ihnen läuft, sind sie zu Außergewöhnlichem fähig."

Niemand, so scheint es, ist darüber mehr überrascht als die türkischen Spieler selbst. Hamit Altintop vom FC Bayern, der als unermüdlicher Antreiber über die rechte Seite (oder auch überall sonst auf dem Spielfeld) völlig zu Recht als "Man of the Match" geehrt wurde, wirkte nicht weniger fassungslos als Bilic, als er kurz nach dem Spiel vor den Mikrofonen stand.

In atemloser Begeisterung erklärte er das neue Selbstbewusstsein des Außenseiters: "Wenn wir so weiter machen und an uns glauben, dann kann noch viel passieren. Wir sind ein bisschen unerfahren, ja, aber durch unsere Euphorie, unseren Ehrgeiz und unsere Laufbereitschaft machen wir einiges gut. Auf uns kann man sich nicht wirklich einstellen."

Als "wild" ist die Spielwiese der Türken nach dem hektischen Anrennen im letzten Gruppenspiel gegen die Tschechen mitunter bezeichnet worden - doch die Begriffe "beharrlich" oder "unerbittlich" treffen es besser. Es wirkt auf jeden Fall - mit Ausnahme von Altintop - nicht immer durchdacht, was die Spieler in den roten Trikots auf dem Rasen veranstalten, doch der Erfolg gibt Ihnen recht.

Dreimal waren sie bei dieser EM schon für tot erklärt, dreimal sprangen sie in letzter Minute von der Schippe:

  • Von der Schweiz im Baseler Dauerregen eigentlich schon überrannt, siegte die Türkei durch das Tor von Arda Turan mit 2:1. Es lief die zweite Minute der Nachspielzeit.
  • Gegen Tschechien in Genf eigentlich hoffnungslos 15 Minuten vor Schluss mit 0:2 im Rückstand, gewann die Türkei durch den Doppelschlag von Kapitän Nihat Kahveci mit 3:2. Er traf in der 88. und 90. Minute.
  • Gegen die Kroaten in Wien eigentlich für lange Passivität durch Ivan Klasnic spät bestraft, glich der eingewechselte Sentürk nach 1:02 Minuten der Nachspielzeit der Verlängerung aus, der flatterige Torhüter Rüstü hatte den Ball zuvor einfach nach vorn gedroschen. Wenige Sekunden später hätte Schiedsrichter Roberto Rosetti abgepfiffen. So gab es Elfmeterschießen.

Als Rüstü den finalen Elfmeter pariert hatte, eilte sein Trainer Fatih Terim zuerst zum geschlagenen Kollegen Bilic, um ihn zu trösten. Standen die Türken früher gelegentlich im Verdacht, zu oft zu unsportlich aufzutreten, so achten sie jetzt bei aller Härte mehr auf Fairness.

Schweißgebadet erschien Terim, den sie wegen seines autoritären Führungsstils nur den "Imperator" nennen, später zur Pressekonferenz. Zuvor war der 54-Jährige permanent in der Coaching Zone unterwegs gewesen, schreiend, gestikulierend oder - oft - mit seiner Mannschaft hadernd. Doch davon war jetzt nichts mehr zu spüren. "Ich habe meinen Spielern immer gesagt, sie sollen nie aufgeben. Diese Eigenschaft habe ich der Mannschaft vermittelt – und damit machen sie 70 Millionen Menschen in unserem Land eine Freude" , dozierte Terim - und wurde von seinem wichtigsten Spieler gelobt. "Wir müssen uns vor keinem Gegner fürchten. Fatih Terim gibt uns eine besondere Philosophie mit auf den Weg und deshalb entwickeln wir uns ständig weiter", sagte Altintop. Das wäre also geklärt - viel rätselhafter war eigentlich auch, was mit den Kroaten passiert war.

Ausgerechnet der unangefochtene Sieger der deutschen Gruppe und das auf dem Papier und zumindest 90 Minuten lang klar bessere Team ist an einer merkwürdigen Mixtur aus Kraftlosigkeit und Selbstherrlichkeit, aus Schludrig- und Nachlässigkeit gescheitert. Lange, ganz lange schienen die Türken nie wirklich gefährlich werden zu können – bis ihre matte Spielweise den Kontrahenten in einem mäßigen Viertelfinale eingeschläfert hatte. In der Verlängerung drehten dann plötzlich die Türken auf, die Kroaten sahen fast nur noch zu. Bis sich mit dem 1:0 durch Klasnic alles zum Guten zu wenden schien.

Trainer Bilic nahm seine Mannschaft dennoch in Schutz: "Wir haben ein junges Team mit Charakter" - aber er weiß: "Auch die Spieler wird das bis an ihr Lebensende verfolgen."

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