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Bilanz der EM-Gruppenphase: Die Highlights der Vorrunde in Bildern

Foto: THOMAS BOHLEN/ REUTERS

Bilanz der EM-Gruppenphase Stumpf ist Trumpf

Spektakuläre Spiele, tolle Tore und Stars in Top-Form - die EM-Vorrunde hatte kaum etwas davon. Stattdessen gab es enttäuschende Gastgeber und wenig taktische Finessen. Die Turnier-Zwischenbilanz von SPIEGEL ONLINE.

Die Vorrunde der Fußball-EM war hart. Zumindest für jene, die sehr guten, modernen Fußball erwartet hatten. Okay, die 70 Minuten, in denen Deutschland den Erzrivalen Niederlande dominierte, zauberte den Fans ein Grinsen ins Gesicht. Also, den deutschen. Aber sonst?

Für Hochgeschwindigkeitskombinationen war den meisten Teams
a) der Rasen zu stumpf,
b) der Rasen zu rutschig,
c) der Rasen zu lang.

Die Beschwerden der Niederlande, England oder Spanien über das Grün in den EM-Stadien machten die Fans stutzig. Meinen die das ernst? Meinten sie, quasi als Entschuldigung vorab. Und wenn schon nicht a), b) oder c) als Erklärung für sehr durchschnittlichen Fußball akzeptiert wurde, dann doch bitte schön d) die viel zu hohen Temperaturen.

Bei derart widrigen Bedingungen versprühte in Polen und der Ukraine auch niemand taktischen Glanz. Das 4-2-3-1-System wartet noch auf seine nächste Evolutionsstufe. Diese EM wirkt bisher, als hätte sie so schon einmal stattgefunden, 2004 zum Beispiel. Es kann schließlich kein Zufall sein, dass die Griechen immer noch dabei sind.

SPIEGEL ONLINE zieht Bilanz zur Vorrunde.

Das Spiel der Vorrunde

Für etwas Klasse über 90 Minuten sorgten lediglich zwei große Fußballnationen. Italien und Spanien (1:1) lieferten sich am ersten Spieltag der Gruppe C ein Duell auf Augenhöhe. Die Azzurri entnervten die iberischen Ballkünstler mit einer beinahe prähistorisch anmutenden Dreier-Abwehrkette, konterten geschickt und holten verdient ein Remis. Das war beeindruckend. Aber sonst?

Okay, das 3:2 von England gegen Schweden war spannend. Das 4:0 von Spanien gegen Irland ein Klassenunterschied. Und das 4:1 von Russland gegen Tschechien ein Spiel mit fünf Toren. Aber sonst? In der K.o.-Phase darf's gern etwas mehr sein.

Die Stars der Vorrunde

Es ist an der Zeit für ein wenig Abbitte: Ja, Mario Gomez ist ein starker Stürmer. So stark, dass er zu Recht die Schlagzeilen dominierte. Erst die Zweifel, die Kritik im Vorfeld der EM. Dann sein Siegtor gegen Portugal. Dann die Zweifel, die Kritik vor dem Niederlande-Spiel. Es folgten seine beiden Tore gegen Oranje. Und dann, endlich, die verdiente mediale Verbeugung.

Tore überstrahlen alles, so auch bei dieser EM. So treffsicher Gomez mit seinen drei Toren in drei Spielen war, einige Kollegen im DFB-Team überzeugten mindestens ebenso. Allen voran: Sami Khedira. Beeindruckend, wie fehlerfrei der defensive Mittelfeldspieler agiert, stabilisiert und dirigiert. Dass Bastian Schweinsteiger schwächelte, fing Khedira mühelos auf. Der 25-Jährige ist enorm zweikampfstark (62 Prozent seiner Duelle gewonnen) und passsicher (88 Prozent zum Mann). Khedira mag ein eher stiller Typ sein, für die Nationalelf ist er inzwischen unverzichtbar.

2008 und 2010 hätte man in dieser Rubrik auch nahezu die gesamte spanische Nationalmannschaft nennen können. Doch der Welt- und Europameister hatte diesmal Mühe, ins Turnier zu finden - zum Gruppensieg reichte es dennoch. Das Kurzpassspiel ist immer noch beeindruckend, doch die Gegner haben sich zunehmend auf die Dauerzirkulationen eingestellt. Statt der beiden Ballverteiler Andrés Iniesta und Xavi könnte diesmal ein Angreifer Mann des Turniers werden: Fernando Torres. Nach einer schwierigen Zeit beim FC Chelsea präsentierte sich "El Niño" in der Gruppenphase in guter Form, war kaum zu verteidigen. Dass er bisher nur zweimal traf, lag auch daran, dass Vicente del Bosque das Tiki-Taka auf die Spitze treibt und gern mal ganz ohne Stürmer spielen lässt.

Die Enttäuschungen der Vorrunde

Über Stürmer sagt man ja gern: "90 Minuten lang war er nicht zu sehen - aber dann hat er sein Tor gemacht." Unsichtbarkeit, so denn gepaart mit einem Torerfolg, als Qualitätsmerkmal. Wenn man danach geht, war Cristiano Ronaldo bei dieser EM ein voller Erfolg. Wenn man aber danach geht, dass ein Top-Spieler möglichst auf den Punkt hin seine beste Leistung abrufen sollte, dann war der Portugiese in zwei Dritteln der Gruppenspiele eine große Enttäuschung. Schließlich zeigte er aber mit zwei Treffern und einem Dutzend Torschüssen gegen die Niederlande, dass er in der K.o.-Phase vielleicht doch der große Star des Turniers werden könnte.

Was sonst noch nervte? Der Nichtangriffspakt in der zweiten Halbzeit zwischen England und Frankreich (1:1), eine 45 Minuten lange Arbeitsverweigerung von 22 Fußballern. Auch die gesamte irische Nationalmannschaft - so sympathisch der Außenseiter auch sein mag - war eine Enttäuschung, weil man sich angesichts der drei Turnierauftritte mehr als einmal fragte, wie sich dieses Team überhaupt für die EM qualifizieren konnte.

Gut, das gilt auch für Griechenland. Ach ja, und an den Niederlanden kommt man an dieser Stelle auch nicht vorbei. Zum x-ten Mal als Mitfavorit angetreten, zum x-ten Mal enttäuscht. Diesmal reichte es nicht einmal zu einem Punkt, geschweige denn für das Viertelfinale. Oranje fehlt die Balance zwischen der großartigen Offensive und dem sehr mittelmäßigen Rest. Es fehlt an Teamgeist - und ganz offenbar auch an Nachwuchs. Um Abwehrspieler vom Format eines Holger Badstubers oder Mats Hummels beneidet die "Elftal" Deutschland nicht erst seit diesem Turnier.

Die Gastgeber

Polen enttäuschte sportlich auf ganzer Linie. Bis auf das Unentschieden gegen Russland konnte die Mannschaft die Erwartungen nicht erfüllen. Auch die Ukraine hatte sich mehr erträumt, doch Leidenschaft und Andrej Schewtschenko allein reichten leider nicht zum Weiterkommen. Zuletzt hatten die Unparteiischen einen klaren Treffer der Gastgeber gegen England übersehen - dabei stand der Torrichter nur wenige Meter entfernt.

Das große Organisationschaos blieb aus. In der Ukraine geriet zwar so mancher Flughafen an seine Grenzen, mit Englisch kam man nicht immer so weit, wie man sich das erhofft hatte. Kyrillisch lesen zu können, wäre deutlich hilfreicher gewesen. In Polen verlief das Reisen nahezu reibungslos, die Infrastruktur hat deutlich von dem Turnier profitiert. Die Atmosphäre war in beiden Ländern titelverdächtig: tolle, gutbesuchte Fanmeilen, frenetische Zuschauer, Schlachtgesänge und Anfeuerungen.

Das werden wir nicht vergessen

Wayne Rooney hat es eigentlich schon allein wegen seiner neuen Föhn-Frisur verdient, an dieser Stelle lobend erwähnt zu werden. Doch nicht nur mit seinen teuer erkauften Haaren hat der englische Angreifer alle Fußballfans bereichert. Nein, auch mit seiner Roten Karte in der Qualifikation, die ihn in den ersten beiden Partien zum Zuschauen zwang. Denn so bekam Danny Welbeck die Chance, sein erstes Turnier auf großer Bühne zu spielen. Sein Hackentor gegen Schweden teilt sich Platz eins in der Rangliste des bisher schönsten Turniertreffers mit dem Seitfallzieher von Zlatan Ibrahimovic im abschließenden Gruppenspiel gegen Frankreich.

Keine vier Minuten waren zwischen EM-Gastgeber Ukraine und Frankreich am zweiten Spieltag der Gruppe D gespielt, als heftige Gewitter Schiedsrichter Björn Kuipers zu einer Regen-Unterbrechung zwangen. Diese sollte rund eine Stunde lang dauern - und Bela Réthy in große Verlegenheit stürzen. Der ZDF-Kommentator kämpfte erst mit seinen Notizen, die sich langsam in ihre Bestandteile auflösten. Dann musste er auch noch ein albernes Regencape anziehen. Derart verpackt, lieferte der 55-Jährige eine verzweifelte Wetterreportage, vergeblich um Originalität bemüht. Verwandelten Günther Jauch und Marcel Reif mit ihrer Kommentierung gekonnt den Steilpass, den ihnen der Torfall von Madrid 1998 auflegte, vertändelte Réthy ihn wie Cristiano Ronaldo seine Großchancen gegen Dänemark.

Schade, Wolfgang Stark. Ärgerlich, Viktor Kassai. Beide Schiedsrichter zeigten zunächst gute Leistungen im Turnier, wie ihre Kollegen, sorgten aber am letzten Spieltag für Aufregung und wurden dabei jeweils von ihren Torrichtern im Stich gelassen. Stark verweigerte den Kroaten einen Elfmeter gegen Spanien, und im von Kassai geleiteten Spiel zwischen Ukraine und England wurde dem Co-Gastgeber ein Tor nicht zugesprochen. Bis dahin war diese EM eine richtig gute für die Referees. Dass es so viele zähe und langweilige Gruppenspiele gegeben hat, lag jedenfalls nicht an den im besten Sinne unauffälligen und umsichtig pfeifenden Schiedsrichtern.

Und sonst? Die Inbrunst der irischen Jubelgesänge während der 0:4-Klatsche gegen Spanien - wenn schon untergehen, dann wenigstens laut. Jérôme Boatengs Tackling gegen den einschussbereiten Cristiano Ronaldo. Und schon jetzt steht fest: Diese EM kommt ohne ein torloses Spiel aus, in der Gruppenphase gab es kein einziges 0:0.

Das werden wir gern vergessen

Die 71 Minuten von Deutschland gegen Portugal bis zum Gomez-Tor.

Die Unsitte Ellbogen-Fouls: Bei gefühlt jedem zweiten Kopfballduell landete ein Arm im Gesicht des Gegners.

Der EM-Modus: Die Rechnerei bei den Gruppenkonstellationen nervte und war kaum noch nachzuvollziehen.

Und auch wenn's nett gemeint war: die zähen Eröffnungszeremonien vor jedem Spiel.

Was uns bisher gefehlt hat

Innovationen: Sowohl auf dem Feld als auch außerhalb. Alles ist zwar noch einen Tick schriller, bunter, größer geworden, noch mehr TV-Stationen sind vor Ort. Aber es gibt nichts, was einem nach dieser Vorrunde als charakteristisch für dieses Turnier oder für die beiden Austragungsländer bleiben würde. Sieben Spiele gibt es noch. Es wird Zeit.