Can und Gündogan liken Foto von militärischem Gruß Salut mit Folgen

Türkische Spieler salutierten für Soldaten, die Teil der heftig kritisierten Offensive in Nordsyrien sind. Die deutschen Nationalspieler Emre Can und Ilkay Gündogan likten ein Foto davon - jetzt distanziert sich Gündogan gegenüber dem SPIEGEL.

Die Szene, mit der die Kontroverse begann: Türkische Nationalspieler um Cenk Tosun (Nummer neun) salutieren nach dem Siegtor gegen Albanien
Huseyin Aldemir / REUTERS

Die Szene, mit der die Kontroverse begann: Türkische Nationalspieler um Cenk Tosun (Nummer neun) salutieren nach dem Siegtor gegen Albanien

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Das Tor für die türkische Nationalmannschaft fiel in der 90. Minute. Es markierte am Freitagabend den 1:0-Siegtreffer gegen Albanien in der EM-Qualifikation. Und es war ein wichtiger Treffer. Denn dadurch liegt die Türkei in der Gruppe H punktgleich mit Weltmeister Frankreich auf Platz eins. Am Montag treffen beide Teams aufeinander.

Aber jenes Tor war auch der Beginn einer Kontroverse, die den türkischen Fußballverband, die türkische Militäroffensive auf die kurdischen Gebiete in Nordsyrien und auch zwei deutsche Nationalspieler im Zentrum hat: Emre Can und Ilkay Gündogan.

Den Treffer erzielte Angreifer Cenk Tosun. Nachdem er den Ball kurz vor Schluss zum Sieg ins Netz geköpft hatte, reihte sich die türkische Mannschaft vor der Fankurve im Istanbuler Stadion von Fenerbahçe auf und zeigte kollektiv den militärischen Gruß. Tosun postete davon später ein Bild bei Instagram:

Dass jene Geste als Salut an die Soldaten im Einsatz in Nordsyrien gemeint war, ließ Tosun seine Follower genau wissen. Unter das Bild bei Instagram schrieb er: "Für unsere Nation, vor allem für diejenigen, die für unser Land ihr Leben riskieren."

Auch der türkische Fußballverband postete ein Foto - diesmal aus der Kabine. Da hatte sich die gesamte türkische Mannschaft sowie das Trainerteam und der Betreuerstab nach dem Spiel zum militärischen Gruß aufgestellt. Dazu stand geschrieben: "Gewidmet den tapferen Soldaten und Märtyrern."

Das türkische Militär kämpft seit Mittwoch gegen die Kurdenmiliz YPG, die ein großes Gebiet in Nordsyrien, an der Grenze zur Türkei, kontrolliert. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sieht sie als Terroristen an und möchte eine "Sicherheitszone" errichten, in der die Kämpfer keinen Einfluss mehr haben.

Doch die Kämpfe treffen auch Zivilisten. Sie haben die Zivilbevölkerung in Panik versetzt - und eine Massenflucht ausgelöst. Schätzungen zufolge sollen 100.000 Menschen aus Städten aus dem Grenzgebiet vertrieben worden sein. Daher sorgt die Offensive international für Kritik. Norwegen hat Waffenlieferungen an die Türkei ausgesetzt, US-Politiker bereiten Sanktionen vor, Frankreich erwägt Strafmaßnahmen. Auch die Bundesregierung zeigte sich vor dem Start der Angriffe besorgt: "Ein solches militärisches Eingreifen würde zu einer weiteren Eskalation in Syrien führen", sagte die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer.

"Nach dem letzten Jahr ist das Letzte, was ich wollte, ein politisches Statement"

Für Aufregung sorgt der Fall in Deutschland nun, weil mit Can und Gündogan zwei deutsche Nationalspieler damit in Verbindung gebracht werden. Das Instagram-Foto mit dem kollektiven Salut von Tosun likten beide Profis. Später machten sie das rückgängig.

Gegenüber dem SPIEGEL distanzierte sich Gündogan nun: "Ich habe den Like zurückgenommen, als ich gesehen habe, dass es politisch gewertet wurde."

Gündogan und Tosun kennen sich seit Jahren. Tosun ist in Wetzlar geboren, spielte bis 2010 für Eintracht Frankfurt, mit Gündogan auch in der deutschen U21-Auswahl. Beide lebten zudem in Manchester im selben Haus. Liverpool, wo Tosun aktuell beim Stadtteilklub FC Everton spielt, liegt kaum eine Stunde entfernt von Manchester. Zuletzt saß er bei seinem Klub meist auf der Bank. Gündogan hat in der Vergangenheit fast jeden Post von Tosun geliked. Nun auch diesen. "Wahr ist, dass ich mich für meinen ehemaligen Teamkollegen aus der U21-Auswahl des DFB gefreut habe, dass er das Siegtor gemacht hat. Glauben Sie mir: Nach dem letzten Jahr ist das Letzte, was ich wollte, ein politisches Statement zu setzen. Ich habe den Like bewusst zurückgenommen."

Vor der WM 2018 sorgte ein gemeinsames Foto von Mesut Özil und Gündogan mit dem türkischen Machthaber Erdogan für einen Eklat, dessen politische Sprengkraft bis ins Turnier hineinwirkte. Özil trat nach der WM aus der deutschen Nationalelf zurück, Gündogan erklärte sich und war seither weiter ein wichtiger Bestandteil der Nationalmannschaft. Tosun ließ sich damals ebenfalls mit Erdogan fotografieren.

Die Uefa prüft den Fall

Auch der gebürtige Frankfurter und frühere Liverpool-Profi Emre Can kennt Tosun seit längerer Zeit. Auch er liked dessen Instagram-Einträge regelmäßig. Gegenüber der "Bild" erklärte Can nun: "Ich habe den Post von Tosun, den ich schon lange kenne, beim Scrollen geliked, ohne jegliche Intention und auf den Inhalt zu achten. Ich bin ein absoluter Pazifist und gegen jede Art von Krieg."

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) ist alarmiert. Nach dem EM-Qualifikationsspiel gegen Estland am Abend (20.45 Uhr/Liveticker SPIEGEL, TV: RTL) wollte der DFB laut "Bild" mit Can und Gündogan über den Fall sprechen.

Derweil hat die Europäische Fußball-Union Uefa bekannt gegeben, den militärischen Gruß der türkischen Nationalelf zu überprüfen. "Ich habe die Geste, die zweifellos als Provokation gedeutet werden kann, nicht gesehen", sagte ein Uefa-Pressesprecher der italienischen Nachrichtenagentur ANSA. "Politische Äußerungen sind in den Regularien aber verboten. Deshalb werden wir dem Verdacht definitiv nachgehen."

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