Englischer Fußball-Rowdy Barton "Leck mich"

Er gilt als Enfant terrible und zugleich hochtalentierter Mittelfeldspieler: Der Engländer Joey Barton hat mit Schlägereien und Eskapaden schon für unzählige Schlagzeilen gesorgt. Das Magazin "11Freunde" sprach mit dem 30-Jährigen über Rebellen, Emotionen - und seine Zeit im Knast.
Fußballprofi Barton: "Ich liebe es, verbale Handgranaten zu werfen"

Fußballprofi Barton: "Ich liebe es, verbale Handgranaten zu werfen"

Foto: Dean Mouhtaropoulos/ Getty Images

Frage: Joey Barton, wer ist in Ihren Augen ein Rebell?

Barton: Es gibt sehr viele. Man kann Zidane dazuzählen, nach dem, was er im WM-Finale 2006 getan hat. Che Guevara natürlich. Aber auch jemanden wie Subcommandante Marcos - einen mexikanischen Revolutionär, der seine wahre Identität verborgen hält. Diese Leute faszinieren mich, weil sie eine Linie durchbrechen, sie sind keine Untertanen des Systems.

Frage: Gibt es in der westlichen Welt noch etwas, wogegen man rebellieren kann?

Barton: Natürlich, wir leben immer noch in einer Gesellschaft voller Tabus. Solange es Leute gibt, die anderen sagen, was sie tun oder lassen sollen, so lange wird es auch Auflehnung geben. Menschen, die sich wehren und sagen: "Leck mich!" Die Frage ist dann, wie sie die Gesellschaft ändern. Ich bin ein großer Fan von George Orwells Buch "Animal Farm".

Frage: So bezeichnen Sie auch ganz gerne mal den englischen Fußballverband.

Barton: Ja, aber die haben auch keinen Humor und verstehen das gleich als Angriff. In diesem Jahr feiert der Verband sein 150-jähriges Bestehen, und niemand hat mich zur Party eingeladen. Dabei habe ich mit meinen ganzen Strafgeldern mindestens das Buffet alleine bezahlt. Ich liebe es, verbale Handgranaten nach den Krawattenträgern zu schmeißen und zu sehen, wie sie in Deckung gehen. Ich weiß auch nicht, das macht mich irgendwie lebendig.

Frage: Ihnen geht es also darum zu provozieren.

Barton: Nicht nur, aber es ist wichtig. Manchmal sage ich in einer Diskussion einfach "Das ist kompletter Blödsinn" und nehme einen gegensätzlichen Standpunkt ein. Das regt die Leute zumindest an, sich mit den unterschiedlichen Sichtweisen auseinanderzusetzen. Das ist das eine, das andere ist meine Emotionalität. Ich haue die Sätze ungefiltert raus, frei von der Leber weg, ohne Rücksicht auf die Konsequenzen. Ich bin anders - von Geburt an. Und damit habe ich kein Problem. Ich bin nun mal nicht David Beckham.

Frage: Sie bemängeln des Öfteren, dass die meisten Fußballer keine klare Meinung vertreten würden.

Barton: Die meisten wollen ihre Werbeverträge nicht aufs Spiel setzen. Fußballer sind meistens nur Handpuppen, aber wenn Sie sich mal anschauen, welche Menschen im Gedächtnis bleiben, ob im Sport, in der Kunst, in der Musik, in der Politik, dann sind das doch immer diejenigen mit den Eiern in der Hose. Wenn mir jemand sagt, ich solle dies oder jenes tun, dann können Sie sicher sein, dass ich genau das Gegenteil mache.

Frage: Waren Sie in der Schule ein Raufbold?

Barton: Ich war kein schlechter Schüler. Das eigentliche Problem waren meine Freunde. Sie haben sich einen Dreck um die Schule geschert, sich besoffen und Drogen geraucht. Ich wollte kein Außenseiter sein, also habe ich mich auch ständig besoffen. Erst mit 16 sagte ich mich von ihnen los. Einige meiner Freunde wurden Kriminelle, ich wurde Fußballprofi.

Frage: Viele Beobachter erklären Ihre Überreaktionen auf und außerhalb des Platzes mit Ihrer Herkunft (Huyton, nördlich von Liverpool - d. Red.).

Barton: Das stimmt nicht ganz. Ich habe einfach ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden. Wenn mir jemand etwas antut, dann reagiere ich direkt. Es ist schwierig zu erklären. Die Emotionen tragen mich davon, Adrenalin strömt durch meine Adern, und ich denke nicht mehr klar. Ich vergesse auf dem Platz auch, dass Millionen Menschen zuschauen. Beobachten Sie mal den Straßenverkehr. Ein Autofahrer schneidet den anderen, und der flippt total aus, benimmt sich wie ein Tier. Das sind menschliche Reaktionen. Warum soll es die auf dem Fußballplatz nicht geben? Ich hoffe, meine Lektion gelernt zu haben. Aber wer weiß das schon.

Frage: Das klingt nicht, als würden Sie viele Ihrer Taten bedauern.

Barton: Doch, unendlich viele. Wir könnten hier den ganzen Nachmittag sitzen und sie durchgehen. Ich war dumm, hatte mich oft nicht im Griff. Dafür habe ich bezahlt. Aber es wird mir immer vorgehalten, selbst wenn ich zehn Jahre lang ruhig bin.

Frage: Ihr Platzverweis im Mai 2012 hätte die Queens Park Rangers beinahe den Klassenerhalt gekostet.

Barton: Ja, dafür habe ich mich entschuldigt. Ich habe dem Verein und den Fans geschadet. Aber was noch dazukommt: Ich habe auch immer wieder mir selbst geschadet. Ich bin mir sicher, dass ich ansonsten viel mehr Trophäen gewonnen und viel mehr Länderspiele absolviert hätte. Fabio Capello sagte einmal, er würde mich gern in die englische Nationalmannschaft berufen, aber ich sei einfach zu gefährlich.

Frage: Sie saßen 74 Tage wegen schwerer Körperverletzung im Gefängnis. Wie wird man dort als Profifußballer aufgenommen?

Barton: Anfangs fragten mich alle aus: Wie ist dieser Spieler drauf? Wie ist dieses Stadion? Und, und, und. Aber mit der Zeit wurde ich ganz normal behandelt, weil ich mich auch nicht wie ein Star aufgeführt habe. Ich arbeitete in der Metallverarbeitung, ein einfacher Job, aber er gab meinen Tagen etwas Struktur. Meine Arbeitskollegen und Zellengenossen waren merkwürdig, einige waren auf Amphetaminen. Doch ich begegnete ihnen mit Respekt, schließlich waren wir in derselben Situation.

Frage: Hat die Zeit im Gefängnis Sie verändert?

Barton: Ich habe ein Gespür für das wahre Leben bekommen. Als Fußballer bist du abgekoppelt davon, doch der Knast, das ist die harte Realität. Bevor ich rein musste, hatte ich echte Bauchschmerzen. Meine Teamkollegen redeten darüber, dass sie in den Urlaub fliegen, nach Miami oder Dubai. Ich saß neben ihnen in der Kabine und sagte, dass ich in den Knast gehe. Ich verdiente zu dieser Zeit als Profi 75.000 Pfund (etwa 88.000 Euro) in der Woche, im Gefängnis hatte ich für sieben Tage nur 7,50 Pfund zur Verfügung.

Frage: Wofür haben Sie die 7,50 Pfund ausgegeben?

Barton: Dosenfraß, Nudeln, Tee, Kaffee - so was. Noch heute denke ich daran, wenn ich eine Fünf-Pfund-Note in der Hand halte. Für andere Fußballer ist das nicht mal Papier.

Das ungekürzte Interview können Sie in der 11Freunde-Spezialausgabe "Rebellen" nachlesen.