Gruppe B - England Three Lions, drei Vorurteile

Ihre Keeper sind Versager, sie können keine Elfmeter schießen, und trotzdem glauben ihre Medien immer, dass sie den Titel holen: Soweit die Klischees über Englands Fußball. Was davon stimmt?

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Woran erkennt man eine große Fußballnation? Daran, dass über sie zahllose Klischeevorstellungen existieren, die teilweise über Jahre hinweg nicht verschwinden wollen. Italiener sind defensivstark, Deutsche sind effizient und gewinnen immer, Brasilianer sind verspielt, Uruguayer brutal...

Über kaum eine Nation aber kennt der deutsche Fan so viele Klischees wie über das Mutterland des Fußballs. Sie haben schlechte Torhüter, ihre Fans sind immer betrunken und beim ersten Elfmeterschießen scheiden sie aus - wenn es um England geht, bräuchte man WM- oder EM-Spiele gar nicht anzupfeifen, weil alle schon vorher wissen, was Sache ist.

Grund genug, die Vorurteile mal einer aktuellen Überprüfung zu unterziehen.

1) Englische Torhüter sind Versager

Kaum jemand erinnert sich noch an Gordon Banks, Englands Weltmeister von 1966 und sechsmaligen Welttorhüter. Sein Andenken wird von Figuren wie David Seaman und David "Calamity" James überlagert, die weltweit vor allem wegen ihrer Patzer bekannt waren. Immer noch wird vor allem in Deutschland jeder Fehler, den ein englischer Torhüter macht, sofort mit seiner Nationalität erklärt. So hat auch Joe Hart bei vielen Fans den Stempel eines Fliegenfängers erhalten.

Joe Hart
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Joe Hart

Das ist eine völlig unzutreffende Einschätzung. Der Schlussmann von Manchester City war in seiner Karriere nicht frei von Fehlern. Das gilt aber selbst für die besten Keeper der Welt wie David de Gea, Thibaut Courtois oder Manuel Neuer. Auf einem Level mit ihnen ist Hart nicht ganz, aber sehr viele bessere Torhüter als ihn gibt es zurzeit nicht in Europa.

Ersatzmann Jack Butland verletzte sich im Testspiel gegen Deutschland schwer und fällt aus, sodass Fraser Forster als Keeper Nummer zwei in Frankreich dabei ist. Der Schlussmann aus Southampton wurde nach einer schweren Knieverletzung erst vor wenigen Monaten wieder fit, ist aber ebenfalls nicht schlecht. Turnierentscheidend wird die Torhüterposition für England jedenfalls nicht werden.

2) Engländer können keine Elfmeter schießen

Was die Nationalelf angeht, ist das eine historische Tatsache. Sechs von sieben Elfmeterschießen, die England bei Welt- und Europameisterschaften bestritten hat, gingen verloren. Das einzige gewonnene Elfmeterschießen war der Halbfinaleinzug bei der Euro 1996 im eigenen Land gegen Spanien, dem allerdings das Aus gegen Deutschland unmittelbar folgte - im Elfmeterschießen.

Dass es sich hier eher um eine Schwäche der Nationalelf als der einzelnen Spieler handelt, erkennt man schon daran, dass es in vier Champions-League-Finalspielen mit englischer Beteiligung und Elfmeterschießen viermal einen englischen Sieger gab. Das Trauma der Three Lions hat aber einen so festen Platz in der kollektiven englischen Fußballpsyche, dass die Chancen der Mannschaft, sich auf diese Weise durchzusetzen, eher gering sind. Kommt es zu einem Elfmeterschießen, in dem psychische Faktoren entscheidender sind als während der 120 Minuten zuvor, spräche das Klischee tatsächlich gegen England.

3) Englische Medien überschätzen ihre Mannschaft immer

Man muss nur "englische Medien" sagen, und die meisten Menschen auf dem Kontinent nicken wissend. Dabei wird übersehen, dass in England zwar zahlreiche Boulevardzeitungen gröberen Zuschnitts beheimatet sind wie "The Sun" oder die "Daily Mail". Zugleich aber gibt es auf der Insel ja auch die BBC, den Inbegriff journalistischer Standards, sowie anspruchsvolle Tageszeitungen wie den "Guardian".

Ähnlich gespalten wie die Presselandschaft ist traditionell auch die Einschätzung der englischen Chancen bei großen Turnieren. Für jeden Fanatiker, der vom ersten Titel seit 1966 träumt, gibt es zwei Zyniker, die mit dem sicheren Vorrundenaus rechnen. Die Pessimisten meinen sogar, die überhöhten Erwartungen seien ein Hauptgrund für die Erfolglosigkeit der englischen Auswahl: Der Druck werde zu groß, wenn von Durchschnittsspielern Titel verlangt würden.

Vor der Euro in Frankreich sieht die Lage etwas anders aus. Weder werden von Trainer Roy Hodgson Wunderdinge erwartet wie einst von Sven-Göran Eriksson oder Fabio Capello. Noch gilt die sehr junge englische Mannschaft, die zweitjüngste des ganzen Turniers, als Titelanwärter. Das einzige Problem daran: Jetzt finden auf einmal alle, dass die Chancen auf einen Überraschungserfolg gut seien, weil niemand etwas erwarte. Ein unauflösbares Dilemma, wie es einst Monty Python illustrierte: "Nur der wahre Messias leugnet seine Göttlichkeit." - "Er ist der Messias, er ist der Messias!"

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insgesamt 33 Beiträge
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wkleinschmit 09.06.2016
1.
Die BBC hier als leuchtendes Beispiel für seriösen Journalismus hinzustellen halte ich für übertrieben. Deren Fußballkommentatoren jedenfalls scheinen immer noch nicht mitbekommen zu haben, dass die deutsche Nationalhymne eben nicht mehr "Deutschland, Deutschland über Alles" lautet.
eimer-gelbwurst 09.06.2016
2. Mir gefällt der englische Fußball immer noch am besten.
Für mich ist der englische Fußball immer noch der ansehnlichste, wenn auch nicht der beste. Das liegt einfach daran, dass es dort nahezu weder Schauspielerei noch Zeitspielerei gibt und es allgemein einfach härter zur Sache geht und nicht jeder Kontakt gepfiffen wird. Beispiel? Das brutale Foul an Kane letzte Woche. Betroffener knickt kurz weg, fällt nicht sondern rennt direkt weiter. Man stelle sich vor Thomas Müller wäre das Opfer gewesen. Dieser würde sich noch heute rumwälzen...
didiastranger 09.06.2016
3. Und VArdy
der wie Phoenix aus der Asche kommt mit 29. Wie geht das? Da war doch die ARD SENDUNG ueber den DOPING ARZT in London, der laut und deutlich sagte: Da ist ein aelterer Leicester Spieler, der auch seine Diensee in Anspruch nimmt. Aber Vardy hat Glueck. Er ist Englaender und kein Russe.
muttisbester 09.06.2016
4. wird schwer genug für England
Wenn die Briten während des Turniers über den Brexit stimmen ist das auch nicht gerade motivierend: ein paar Spieler sind dafür, ein paar dagegen. Im Falle des Brexits gönne ich den Briten den Europameistertitel von ganzem Herzen. Wer weiß, welchen Einfluß die EM auf die Abstimmung hat: würden die Briten sich eher als Teil der EU fühlen? Und wenn sie schlecht spielen, eher frustriert sein und dagegen stimmen? Kann das mal jemand recherchieren?
Brandolino 09.06.2016
5. Anyone but England!
stand bei der letzten WM auf den T-Shirts vieler Iren, Schotten und Waliser. Ich selbst habe längere Zeit in Wales gelebt und kann diese Einstellung historisch und kulturell gut nachvollziehen. The English don't deserve any better.
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