Legendäres 3:1 der DFB-Elf Wie vor 50 Jahren Englands Fußball in Wembley (gegen Deutschland) zugrunde ging

Der 3:1-Erfolg der DFB-Elf in Wembley vor 50 Jahren gilt als Geburtsstunde einer großen Mannschaft. Das Spiel markiert aber auch den Niedergang des englischen Teams. Eine Mannschaft, die von Tragik umweht ist.
Die Geburt einer großen deutschen Elf

Die Geburt einer großen deutschen Elf

Foto: IMAGO / Sven Simon

Die Geburtsstunde einer großen Elf, bestes Länderspiel einer deutschen Mannschaft in ihrer Geschichte, Netzer, der aus der Tiefe des Raumes kam. Das Länderspiel vor 50 Jahren, am 29. April 1972 im Wembleystadion, der erste Sieg einer deutschen Elf in England, auf dem heiligen Londoner Rasen: Es gibt wenige Spiele, die in der deutschen Fußballhistorie so museal, so mit Mythen umrankt sind wie dieser Abend im englischen Regen.

Diese Partie ist immer wieder als Initialzündung einer DFB-Elf beschrieben worden, die anschließend erst Europameister, dann Weltmeister wurde. Als Krönung einer Idee von Fußball, die einherging mit dem damaligen Zeitgeist: Fußball als Pop, Fußball als Rausch, die langen Haare des Günter Netzer (die gar nicht so lang waren), die jungen Stürmer und Dränger Uli Hoeneß und Paul Breitner. Frei nach Willy Brandt: Mehr Offensive wagen.

Im deutschen Überschwang ist selten beschrieben worden, dass diese Partie in Wahrheit lange Zeit auf der Kippe stand. Dass die Engländer am Ende 14:4 Eckstöße herausgeholt hatten und eine Torschussbilanz von 25:13 aufwiesen, dass der 1:1-Ausgleich durch Francis Lee in der 77. Minute den Spielverlauf wiedergab, dass Netzer bei seinem Elfmeter zum 2:1 das Glück hatte, dass der Ball Englands Torwart Gordon Banks über die Hände glitt und dann vom Innenpfosten ins Tor ging.

DFB-Elf hatte auch viel Glück

Wer das Spiel heute anguckt, der sieht die pure Freude am Fußball, der sieht die frühlingshaften grünen Trikots der deutschen Elf, das rasante pausenlose Hin und Her über 90 Minuten auf dem Platz, als wäre es eine Premier-League-Partie. Er sieht aber auch, wie viel Glück die Elf von Helmut Schön hatte – und wie viel Pech die Engländer.

Bobby Moore führt das Team auf den Platz

Bobby Moore führt das Team auf den Platz

Foto: Empics / picture-alliance/ dpa

Der englische Blick auf dieses Spiel ist in Deutschland naturgemäß unterrepräsentiert, und doch war diese Partie für das Mutterland des Fußballs mindestens so entscheidend wie für die DFB-Elf.

Während Deutschland danach die Erfüllung aller Fußballträume anstrebte, war das Spiel vom 29. April auf der anderen Seite ein Abgesang auf die große englische Zeit, last orders, please, die letzte Party der Weltmeister von 1966, und das kann man sogar personifizieren.

Zum letzten Mal standen die drei Weltmeister von West Ham United an diesem Abend gemeinsam für England auf dem Rasen: Bobby Moore, die Kapitänsikone von Wembley 1966, Martin Peters, der treue Adlatus, und Geoff Hurst, jener legendäre dreifache Finaltorschütze, der der Fußballmenschheit das berühmteste Tor der Geschichte geschenkt hat.

Team war längst überaltert

Moore und Peters machten danach noch ein, zwei Jahre weiter, aber für Hurst war es das 49. und letzte Länderspiel. Der damals 30-Jährige wurde als einziger Spieler an diesem Abend ausgewechselt; was für ein unrühmlicher Abgang für einen Großen.

Trainer Alf Ramsey hatte viel zu lange an den Champions von 1966 festgehalten, die Mannschaft war mittlerweile überaltert. Noch einmal konnte sie sich aufraffen, diesen Deutschen mitten in ihrem Aufbruch, so gut es ging, Paroli zu bieten. Mehr war nicht mehr drin. Auch für Hurst nicht.

Die Wembley-Elf feiert den historischen Sieg

Die Wembley-Elf feiert den historischen Sieg

Foto: IMAGO / Horstmüller

Der Torjäger, heute 80 Jahre alt, gehört zu den wenigen aus dieser Elf, die davon noch erzählen können. Die Geschichte der großen englischen Nationalmannschaft der Sechziger- und frühen Siebzigerjahre ist auch eine Geschichte, die von Unheil umweht ist.

Acht von elf Spielern leben nicht mehr

Hurst engagiert sich seit Jahren in der Alzheimer-Hilfe, das hat seinen Grund. Viele seiner früheren Mitspieler leiden an dieser Krankheit oder sind bereits an ihren Folgen gestorben. Eine Debatte in England darüber, was insbesondere das jahrelange Kopfballspiel im Fußball angerichtet hat, ist längst im Gange.

Bobby Moore küsst 1966 den WM-Pokal

Bobby Moore küsst 1966 den WM-Pokal

Foto: Getty Images

Acht der elf Spieler aus der Startelf sind mittlerweile tot, neben Hurst sind nur noch Torschütze Lee und Sturmkollege Martin Chivers da. Gordon Banks, Bobby Moore, Martin Peters, Paul Madeley, Emlyn Hughes, Norman Hunter, Colin Bell, Alan Ball – sie alle sind bereits gestorben, Trainer Ramsey ohnehin. Der Aderlass der alten Helden, er ist nirgends so hoch wie in England, wo der Fußball und das Leben noch ein bisschen härter waren als anderswo. Die große Zeit hat ihren Tribut verlangt.

England gegen Deutschland, es ist dieses Duell, das jene große Zeit geprägt hat, angefangen vom Finale 1966 in Wembley, Schlusspunkt wieder Wembley, sechs Jahre später. Dazwischen lag das nicht minder legendäre WM-Viertelfinale von 1970 im mexikanischen Leon, das der Hinterkopf von Uwe Seeler und der Torinstinkt von Gerd Müller entschieden.

Bis dahin ungeschlagen

England war auch nach der Hitzeschlacht von Leon noch eine dominierende Mannschaft in Europa, das wird auch gern vergessen. Vom WM-Ausscheiden in Mexiko bis zur Niederlage 1972 in Wembley hatte die Mannschaft von Sir Alf Ramsey zehn Länderspiele bestritten und kein einziges verloren. Dabei war auch ein 3:1-Erfolg über die DDR im Herbst 1970 in Wembley.

Sepp Maier und Eisenfuß Horst-Dieter Höttges retten vor Martin Peters

Sepp Maier und Eisenfuß Horst-Dieter Höttges retten vor Martin Peters

Foto: IMAGO / Horstmüller

Wembley 1972 war dann der Wendepunkt für die Three Lions: Nach dem 0:0 im Rückspiel in Berlin war man ausgeschieden, es folgte die verfehlte Qualifikation für die Weltmeisterschaft 1974, auch die Endrunden der EM 1976 und der WM 1978 in Argentinien verpassten die Engländer, die Siebzigerjahre waren bleierne Jahre für den englischen Verbandsfußball. Und man kann genau festmachen, wann dieser Niedergang begann: im Regen des 29. April 1972 vor 96.000 Zuschauern in London.

Während auf Vereinsebene Leeds United und der FC Liverpool in die Endspiele des Europapokals der Landesmeister vordrangen, war die große Zeit von West Ham United vorbei. Moore, Peters, Hurst, die drei Weltmeister, waren in die Jahre gekommen, man schaffte es 1976 ohne sie noch einmal ins Endspiel des Pokalsieger-Wettbewerbs, das man gegen den RSC Anderlecht verlor. Das war es. Bis heute. Im Halbfinale hatten die Engländer dabei Eintracht Frankfurt ausgeschaltet.

Am heutigen Abend steht West Ham erstmals seitdem wieder in einem europäischen Halbfinale, Gegner ist wieder Eintracht Frankfurt. Das ist einer dieser historischen Zufälle, die es im Fußball manchmal gibt und die die Nostalgiker dieses Sports so glücklich machen.

Geoff Hurst wird mit seinen 80 Jahren selbstverständlich auf der Tribüne sitzen und womöglich wieder twittern »What a feeling. Come on, West Ham«, wie er es nach dem Europa-League-Viertelfinale tat. Er wird dort sitzen, und er wird womöglich an Bobby Moore denken und an Martin Peters. Und all die anderen Weggefährten, die das nicht mehr mitbekommen.

Es ist eine Tragödie.