England in Baden Welcome to Absurdistan

In Bühlertal haben die Engländer Quartier bezogen. Doch mit Teilen der Bevölkerung hat es sich der Verband durch absurde Sicherheitsauflagen gründlich verscherzt. Im nahe gelegenen Baden-Baden hingegen lässt man sich nicht aus der Ruhe bringen – schon gar nicht von dieser WM.


Man kennt die Bilder: Fröhliche, sangesfreudige und ganz schön betrunkene britische Fußballfans ziehen durch die Straßen und feiern laut singend ihr Team. Dass auch Baden-Baden schon bald Schauplatz für solche Bilder sein wird, kann man sich an diesem kühlen Junimorgen beim besten Willen nicht vorstellen.

An der von uralten Platanen gesäumten Lichtentaler Allee flanieren bereits dutzende Ehepaare - zumeist älteren Semesters. Wohlhabende Menschen aus ganz Deutschland haben die alte Römerstadt als Altersruhsitz auserkoren: Baden-Baden ist architektonisch und landschaftlich ein Kleinod, das Klima in der Bäderstadt ist mild, das vornehme Casino eine der touristischen Hauptattraktionen. Fußball? Einzig die Stadt-Apotheke hat ein England-Trikot in die rechte Hälfte des Schaufensters gehängt. Doch der darunter angebrachte DinA-4-Zettel entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Warnung vor Zeckenbissen.

In der Feinkostabteilung des Kaufhaus Wagener kommt die Rede plötzlich auf David Beckham: "Sogar auf der Titelseite" des Badischen Tagblatts sei zu sehen gewesen, wie der nach der Landung "über den Baden-Airport stolziert" sei, wundert sich der Verkäufer, der bei seiner Kundin damit auf taube Ohren stößt: "Ich bin zwar in Rente, aber so viel Zeit, dass ich mich für Fußball interessieren muss, habe ich immer noch nicht."

"Überzogen und weltfremd"

Bühlertal liegt 15 Kilometer südlich von Baden-Baden. Die Region hat in den letzten Jahrzehnten durch erfolgreiche Industrieansiedlungen einen enormen Aufschwung erfahren. Das sieht man auch an den schmucken Häusern, die sich entlang der Weinberge in die Landschaft einfügen. Der Gasthof "Rebstock" hat meterlange weiß-rote Flaggen an der Fachwerkfassade angebracht, vor dem Freibad parkt ein Bus mit englischen Fans, die Einheimischen nicken freundlich herüber.

Und dennoch - verglichen mit der Euphorie, die im Ort geherrscht habe, als man erfahren habe, dass die Engländer hier Quartier beziehen, sei die Stimmung heute ganz schön abgekühlt, erzählt Steuerberaterin Jasmin Rabeneck, die Karten für das Achtelfinale in Stuttgart zugelost bekommen hat und nur wenige Meter vom Trainingsgelände entfernt wohnt: "Wenn sie Gruppenerster werden, habe ich also immerhin die theoretische Chance, einmal England zu sehen."

1500 Tickets hat der englische Verband Bürgermeister Michael Stockenberger versprochen, mit denen sich Schüler aus der Region das Showtraining von Beckham und Co. anschauen können. Kurz vor Pfingsten teilte man ihm dann mit, dass man nun doch nur 250 Trainingsgäste hineinlassen werde - aus Sicherheitsgründen. Wie auch einen Tag vor dem Pfingsfest, als Chorleiter Tobias Rienth beim Begrüßungsständchen die Namen aller Kinder des Chors "Sternfänger" melden musste.

Rieth fand das "überzogen und weltfremd". Auch der Leserbriefschreiber im "Acher und Bühler Boten" regt sich auf: "Straßen werden komplett gesperrt, Bäume werden aus Sicherheitsgründen abgeholzt. Während die brasilianische Mannschaft ihr Training mit 30.000 Fans zelebriert, muss sich Bühlertal mit 250 Karten zufrieden geben. What a joke!"

In den Dörfern wehen Englandfahnen

In der Tat dürfen die Menschen, die auf der Strecke zum Trainingsplatz wohnen, zweimal täglich nicht zu ihren Häusern. Sobald das Team das feudale Mannschaftshotel "Bühler Höhe" verlässt, riegelt die Polizei das Mittelbergstadion weiträumig ab. An dem Transparent, das die Vorderfront eines großen Hauses ziert, müssen die Engländer dennoch vorbei: "Welcome to Absurdistan". Nein, Euphorie ist wirklich nicht zu spüren, aber jede Menge Freundlichkeit und Wohlwollen, was Nationalkeeper Paul Robinson tief beeindruckt hat: "Das Essen ist hervorragend. In den Dörfern wehen Englandfahnen. Unvorstellbar, dass in englischen Dörfern deutsche Fahnen aufgehängt werden."

200 Jugendliche und 250 Journalisten sind es schließlich, die das Training der "Three Lions" in Augenschein nehmen dürfen. Und während Gerrard und Co sich bei einem Handballspiel (!) auflockern, macht eine echte Sensation die Runde: Wayne Rooney, der eigentlich doch bei der Reha in Manchester sein sollte, arbeitet am anderen Ende des Spielfeldes mit Fitnesscoach Irvan Carminati am Comeback, das er nun wohl nach erfolgreicher Vorrunde geben wird. Als ob sie die Wogen glätten wollten, die die Verbandsoberen aufgeworfen hatten, geben die Stars so lange Autogramme, bis die Kinder fröhlich von dannen ziehen.

Es ist Nachmittag geworden, die Baden-Badener Fußgängerzone ist sonnendurchflutet. Im Löwenbräu, einem bayrisch getrimmten Biergarten, balancieren die Kellner Hefeweizen zu den Tischen. "Die englischen Fans kommen schon noch", sagt der Kellner. Schließlich würden tausende während des Turniers auf einem Zeltplatz im nahe gelegenen Achern untergebracht. Dass heute die WM angepfiffen wird, merkt man heute jedenfalls nur an drei Übertragungswagen, die vor "Brenners Park Hotel" warten. Die Lebensgefährtinnen der Spieler werden hier einquartiert werden. "Well", sagt der britische Reporter, als er nach langem Warten endlich auf Sendung ist, richtige Fußballatmosphäre herrsche hier noch nicht so richtig. "Aber Baden-Baden ist eine wirklich schöne Stadt."



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