Englische zweite Liga Fair-Play-Geste - Trainer verordnet eigenem Team ein Gegentor

Weil ein gegnerischer Spieler mit Schmerzen am Boden lag, schienen die Profis von Leeds United aufzuhören zu spielen. Dann machten sie doch weiter - und trafen. Coach Marcelo Bielsa fand das nicht in Ordnung.

Leeds-Trainer Marcelo Bielsa:
Ian Walton / DPA

Leeds-Trainer Marcelo Bielsa:


Der englische Zweitligist Leeds United kämpft um den Aufstieg, kurz vor Saisonende zählt für den Klub jeder Punkt. Das muss man wissen, um die Ereignisse aus dem Heimspiel gegen Aston Villa richtig einzuordnen. Leeds verpasste einen Sieg. Bemerkenswert ist dabei vor allem das Wie. Denn United-Coach Marcelo Bielsa verordnete der eigenen Mannschaft ein Gegentor - es ging ihm dabei um Fairness.

Die 72. Minute, Spielstand: 0:0. Nach einem Zweikampf bleibt Villas Jonathan Kodjia liegen, er hat offenbar Schmerzen. Kodjias Mitspieler deuteten an, der Ball solle ins Aus gespielt werden, damit er behandelt werden kann. Das hätte Leeds nicht tun müssen, denn eigentlich entscheidet der Schiedsrichter, wann eine Behandlungsunterbrechung ansteht.

Einen Moment lang sieht es so aus, als würde United-Profi Tyler Roberts trotzdem zu spielen aufhören, er verzögert das Tempo, bleibt auf Höhe der Mittellinie beinahe stehen, umringt von Villa-Spielern, die ihn nicht angreifen, sondern anzeigen: Spiel den Ball ins Aus. Dann passt Roberts plötzlich nach vorne zu Angreifer Mateusz Klich, Sekunden später steht es 1:0.

Und dann geht es drunter und drüber.

Mehrere Villa-Profis gingen auf den Torschützen los, es gab eine Gelbe und eine Rote Karte gegen die aufbrausenden Gäste, auch in Villas Coachingzone wurde getobt. Und in der von Leeds gegrübelt.

Der Exzentriker Bielsa, 63, war mit dem Treffer offenbar nicht einverstanden - trotz der Bedeutung der Partie für den Aufstiegskampf. Also wies er seine Mannschaft an, ein Tor zu kassieren.

Beim Wiederanstoß stand Bielsa an der Seitenlinie, schrie und gestikulierte, und dann lief Villas Albert Adomah an starren Leeds-Profis vorbei, um den Ball ins leere Tor zu schießen - Keeper Francisco Casilla stand derweil auf Höhe der Strafraumgrenze und schaute zu.

Villa-Trainer Dean Smith sagte nach der Partie, Klich habe sich für seinen Treffer entschuldigt. Zudem lobte er Bielsas Verhalten. Seine Entscheidung verdiene Respekt, sagte Smith: "Ich habe ihn darum gebeten, und er war einverstanden", sagte er. Bielsa habe sich für den Vorfall entschuldigt.

Bielsa selbst bestätigte, dass der Gegentreffer in seinem Sinne gewesen sei. "Wir haben das Tor zurückgegeben", sagte er, schließlich sei der englische Fußball bekannt für seinen Sportsgeist.

Ein weiterer Treffer fiel nicht mehr. Das 1:1 hat zur Folge, dass Leeds nicht mehr Zweiter werden kann. Ein Ligaspiel steht noch aus, dann wird in einer Qualifikationsrunde ermittelt, wer Sheffield und Norwich City in die Premier League folgt. Neben Leeds wird auch Aston Villa daran teilnehmen.

mon/Reuters



insgesamt 31 Beiträge
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Pororoca 28.04.2019
1.
Chapeu! Während Müller nur davon redet, unberechtigte Elfmeter absichtlich zu verschießen (und man dann in der entscheidenden Situation so ein "Geschenk" trotzdem gerne mitnimmt) wird hier vorgelebt, wie es richtig geht! Davon braucht der Fußball mehr...
Hörbört 28.04.2019
2. 100 Jahre Hass
Großartige Geste, aber auch zwingend notwendig. Denn wäre Leeds aufgrund dieses Tores (Tors?) aufgestiegen, würde der Verein noch in 100 Jahren gehasst - und zwar von allen.
skeptikerjörg 28.04.2019
3. Herausragend
Aber wird im Profifußball wohl einmalig bleiben. Viele werden es wahrscheinlich sogar dumm und naiv nennen ... und den nächsten eigenen Spieler, der durch eine Schwalbe den Elfmeter zum Sieg rausholt als Held feiern. Trotzdem herausragend, dass es so etwas noch gibt.
irobot 28.04.2019
4.
Erstaunlich, ein Argentinier, der den Engländern zeigt, was Fair Play bedeutet. Sollte doch einige Leute mal zum Nachdenken bringen. Vor allem in den höheren Etagen unserer Vereine und Verbände.
meinemutti 28.04.2019
5. Absolut
nachahmenswert!!! Einen solchen Sportsgeist wünscht man sich nicht nur häufiger im Fußball, sondern auch in anderen Sportarten sehen zu können. Einen riesigen Respekt vor dieser Mannschaft nach der vorhergegangenen Dummheit so toll zu reagieren.
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