England-Profi Hitzlsperger "Dank gibt es nur zum Begräbnis"

In Stuttgart den Stammplatz verloren, nicht mit zur WM gefahren und bei Lazio Rom nur zweite Wahl - für Thomas Hitzlsperger waren die vergangenen Monate ein Desaster. Im Interview mit dem Magazin "11FREUNDE" spricht er über Frust, Fehler und sein Fortkommen.

Fußballer Hitzlsperger: "Soll ich den Macho spielen?"
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Fußballer Hitzlsperger: "Soll ich den Macho spielen?"


Frage: Herr Hitzlsperger, nur sechs Einsätze in der Rückrunde bei Lazio Rom. Mussten Sie sich das Abenteuer Italien wirklich antun?

Hitzlsperger: Dass es nicht einfach wird, war mir klar. Es dauert seine Zeit, in einer Mannschaft anzukommen. Nach dem gelungenen Wechsel von England nach Deutschland dachte ich aber, dass ich es schneller schaffe - ein Fehler. Nach einer Woche war dann auch noch der Coach weg, der mich geholt hatte.

Frage: Ihre Zeit bei Lazio wirkt wie ein einziges Missverständnis.

Hitzlsperger: So sah das jedenfalls für Außenstehende aus. Nach der Saison riefen die Verantwortlichen bei mir in München an, ich solle doch bleiben und die Zeiten auf der Bank vergessen. Es habe sich eben um eine Ausnahmesituation gehandelt. Was denn das für eine Ausnahme gewesen sein sollte, wollte aber keiner offiziell sagen.

Frage: Wie haben Sie auf den Anruf reagiert?

Hitzlsperger: Ich habe direkt angesprochen, dass das für mich nicht zusammenpasst - die Praxis und die Avancen hinterher.

Frage: Bereuen Sie den Schritt nach Italien im Nachhinein?

Hitzlsperger: Nein, der Wechsel war sorgfältig abgewogen, und die Lazio-Leute hatten mir vorher signalisiert, dass sie mich wirklich haben wollen. Von allen Optionen, die ich hatte, war Lazio die beste. Mir war überdies klar: Ich habe nur drei Monate, um mich für die WM zu empfehlen.

Frage: Die haben nicht gereicht. Gab es eine persönliche Absage von Bundestrainer Joachim Löw?

Hitzlsperger: Die gab es. Anfang März rief er an und wollte wissen, wie es läuft. Er riet mir, ich solle mich reinhängen und versuchen, so viel Spielpraxis wie möglich zu bekommen. Aber da gab es bei Lazio eben Grenzen. Am Tag vor der vorläufigen Kadernominierung meldete er sich dann, um mir zu sagen, dass es für mich mit der WM nichts wird.

Frage: Hatten Sie das erwartet?

Hitzlsperger: Natürlich macht man sich Hoffnungen. Immerhin hätte ich ja einige Erfahrung mitgebracht. Er hätte mich auch in den erweiterten Kader berufen können, um zu sehen, wie ich drauf bin. Aber die Gründe, die er für seine Absage nannte, waren nachvollziehbar. Ich hatte schließlich drei Monate fast gar nicht gespielt. Und dazu noch die schwache Vorrunde in Stuttgart - Löw hat richtig entschieden.

Frage: Keimte bei Ihnen noch einmal Hoffnung auf, als Michael Ballack sich vor der WM verletzte?

Hitzlsperger: Ganz klar: nein. Ich hatte schon zwei, drei Wochen abgeschaltet, und Löw hatte ja auch nicht gesagt: "Halte dich fit, es kann immer etwas passieren." Außerdem blieb ja die Tatsache unverändert, dass ich wenig gespielt hatte. Ich wusste also, dass die Sache gelaufen war.

Frage: Wenig Einsatzzeiten hatten auch andere. Miroslav Klose und Mario Gomez etwa.

Hitzlsperger: Der Unterschied ist auch nach Löws Erfahrung, dass man einem Stürmer durchaus einen Kaltstart zumuten kann. Ich aber spiele im Mittelfeld. Da weiß ich so gut wie der Bundestrainer: Man muss viel gespielt haben, um den Wettkampfrhythmus rasch zu finden.

Frage: Sie können Löw verstehen, der Sie nicht mit nach Südafrika nimmt, Sie akzeptieren es, wenn Lazio-Trainer Edy Reja Sie nicht einsetzt. Wann platzt Ihnen mal der Kragen?

Hitzlsperger: Soll ich den Macho spielen? Das empörte Einzelkind? Ich habe fünf ältere Brüder. So was härtet ab. Mich stört es überhaupt nicht, für geduldig und umgänglich gehalten zu werden. Um das zu ändern, müsste ich mir eine andere Sprache, ein anderes Auftreten regelrecht antrainieren. Das wäre dann eine bloße Show. Ich bin nun mal so, wie ich bin. Ob mir mal der Kragen platzt? Warten wir's einfach mal ab.

Frage: Unter VfB-Trainer Markus Babbel hatten Sie Ihren Stammplatz verloren, unter dessen Nachfolger Christian Gross lief es nicht viel besser. Hat er Ihnen mitgeteilt, dass er nicht mehr mit Ihnen plant?

Hitzlsperger: Ich hatte schon im Dezember ein Gespräch mit Manager Horst Heldt. Ich war verletzt, was die Situation verkomplizierte. Er fragte mich, wie ich mir meine Zukunft vorstelle. Ich war verwundert und fragte zurück: "Könnt ihr mir nicht sagen, wie ihr euch meine Zukunft vorstellt?" Daraufhin wollte er sich mit dem Trainer zusammensetzen und sich bei mir melden.

Frage: "Rufen Sie uns nicht an, wir rufen Sie an" - ein klares Zeichen.

Hitzlsperger: Ich wusste zumindest: Das kann eng werden. Ich suchte daraufhin das Gespräch mit Gross und sagte ihm, dass das kommende halbe Jahr sehr wichtig für mich werde. Nach einer Woche Bedenkzeit erklärte er mir, er sei mit seiner Mannschaft zufrieden und lege mir keine Steine in den Weg. Das war eine klare Ansage.

Frage: Ist der Fußball ein undankbares Geschäft?

Hitzlsperger: Das ist wie mit dem Dank des Vaterlandes. Den gibt es nur zum Begräbnis. Wie gesagt, mein Abschied aus Stuttgart war völlig undramatisch.

Frage: Denken Sie darüber nach, dass Ihr Marktwert gesunken ist?

Hitzlsperger: Ganz klar: Fußballerisch hat mich der Wechsel zu Lazio erst ein mal gebremst. Trotz meines neuen Vertrages bei West Ham United muss ich mir die Position, die ich in Stuttgart hatte, wieder ganz von vorn erarbeiten.

Anmerkung der Redaktion: Die Dokumentationsabteilung des SPIEGEL hat sich diesen Text nach Hinweisen auf mögliche Manipulationen Anfang 2019 noch einmal vorgenommen, aber keine Auffälligkeiten festgestellt.

Das Interview führten Dirk Gieselmann und Tim Jürgens



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