Fußball-Länderspiele Englands Nationalmannschaft will bei rassistischen Vorfällen vom Platz gehen

Eigentlich sehen die Richtlinien der Uefa bei rassistischen Ausfällen ein dreistufiges Protokoll vor. Doch Englands Nationalmannschaft will im Extremfall lieber ihre eigene Entscheidung treffen.

Tammy Abraham: "Als Mannschaft entscheiden wir, ob wir auf dem Platz bleiben oder nicht"
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Tammy Abraham: "Als Mannschaft entscheiden wir, ob wir auf dem Platz bleiben oder nicht"


Die englische Fußballnationalmannschaft der Männer spielt in der EM-Qualifikation am kommenden Montag in Bulgarien. Aufgrund von rassistischem Verhalten bulgarischer Fans in den Spielen gegen Tschechien und den Kosovo müssen 5000 der 46.340 Plätze im Vasil Levsi Stadion frei bleiben. Kommt es dennoch erneut zu rassistischen Ausfällen, sind die Konsequenzen für Englands Fußballer klar: Dann wollen sie den Platz verlassen.

Das offizielle Protokoll der Uefa sieht bei rassistischen Vorfällen drei Schritte vor: Erst soll der Schiedsrichter die Partie stoppen und um eine Stadiondurchsage bitten. Sollte das nicht helfen, kann er im zweiten Schritt das Spiel für zehn Minuten unterbrechen und die Mannschaften in die Kabine schicken. Sollten sich die Vorfälle anschließend wiederholen, kann der Schiedsrichter die Partie abbrechen. Als England im März in Montenegro spielte, waren Danny Rose und andere schwarze Spieler rassistisch beleidigt worden. Unterbrochen wurde das Spiel damals nicht.

Englands Nationalteam beriet sich anschließend über das Vorgehen, sollte es zu ähnlichen Vorfällen kommen. "Wir haben darüber gesprochen", sagte Stürmer Tammy Abraham lautBBC und "Telegraph": "Harry Kane hat uns gefragt, ob wir, anstatt die drei Schritte durchzugehen, das Spiel unterbrechen wollen - egal wie der Spielstand ist. Als Mannschaft entscheiden wir, ob wir auf dem Platz bleiben oder nicht." Im Gegensatz dazu vertritt der englische Fußballverband offiziell die Meinung, die Spieler sollten sich an das Uefa-Protokoll halten.

Probleme auch in Italien, Frankreich und Deutschland

Die Mannschaft habe in mehreren Meetings über das Thema gesprochen, sagte Abraham. Kapitän Kane unterstütze den Gedanken, dass das Team seine eigene Entscheidung treffe. "Kane hat gesagt, sollte es passieren und wir damit nicht glücklich sein, werden wir mit dem betroffenen Spieler sprechen, und wenn er nicht glücklich ist, gehen wir alle gemeinsam vom Platz."

Rassismus ist immer wieder ein Problem in Fußballstadien. So wurde der Kapitän des SC Amiens, Prince Gouano, in der Ligue 1 im April so beleidigt, dass er darüber nachdachte, das Spielfeld zu verlassen. In Italien sorgten Lazio-Fans und für einen Rassismus-Skandal, und Inter Mailands Stürmer Romelu Lukaku wurde von Fans von Cagliari Calcio beleidigt. In Deutschland stand zuletzt der Chemnitzer FC wegen rechtsextremer Fans im Fokus.

ptz

insgesamt 33 Beiträge
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lass_ich_so 09.10.2019
1. Courage von der Insel
Bei dem Wischiwaschi-Vorgehen seitens Uefa und diversen Landesverbänden, kann ich mich über diese Planung seitens der Engländer nur freuen. Nicht von Rassismus betroffene Schiris und Funktionäre neigen im kleinen wie im großen dazu Rassismus zu tolerieren, zu überhören oder schlicht als "nicht so gemeint" zu interpretieren. Wenn Mannschaften durch Zusammenhalt betroffene Spieler unterstützen ist es mir egal ob sie sich an Verbandsvorgaben halten. Denn Rassisten halten sich auch an keine Vernunftsvorgaben.
peter-11 09.10.2019
2. Hut ab
Das ist eine sehr klare, solidarische Ansage der Mannschaft. Wenn sie es durchziehen, können sich die anderen Zuschauer ja bei den Vollpfosten bedanken. Bin gespannt wie dann die Funktionäre der UEFA reagieren. Mit dem üblichen blabla ist es dann ja nicht getan.
Rubikon_2016 09.10.2019
3. Ich hoffe, sie ziehen es dann auch durch.
Und dann bin ich gespannt, ob England durch die UEFA die möglichen Punkte aberkannt werden, weil man sich nicht an die Vorgaben gehalten hat. Generell sollten Sportler viel politischer werden - das bewirkt mehr, als fünf Regierungen zusammen...
jonath2010 09.10.2019
4. Verlorenes Spiel?
Für den Fall von rassistischen Äußerungen hat die UEFA 3 Schritte vorgegeben. Wenn sich die englische Mannschaft nicht daran hält, muss sie damit rechnen, dass das Spiel als verloren gewertet wird.
Lagrange 09.10.2019
5.
schade ist, dass dann die Rassisten gewonnen haben, weil dann ihr Team auch noch gewonnen hat. Hier würde ich mir von der UEFA/FIFA ein ganz anderes Vorgehen wünschen, auf der anderen Seite ist es die UEFA/FIFA m
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