Englands Nationalteam Alte Meister statt Jugendstil

Pasta statt Pommes, Handyverbot am Frühstückstisch und keine Spielerfrauen im Hotel: Englands Nationaltrainer Capello stellt harte Regeln auf - und hat damit Erfolg. Zumindest bislang.

Von Philip Oltermann, London


Ein gut gemeintes Lob von höchster Stelle kann manchmal eher belasten als befreien. Beckenbauer-Freund Bobby Charlton sollte das eigentlich wissen und Sprüche wie die folgenden vermeiden: Kurz vor dem Freundschaftsspiel gegen Deutschland sagt der Ex-Weltmeister und englische Nationalheld in einem Interview mit "The Daily Mirror", der neue Coach Fabio Capello sei die Reinkarnation von Weltmeistertrainer Sir Alf Ramsey, die jetzige Mannschaft sei "so gut wie das Team von 1966", und – man schlägt beim Lesen die Hände über dem Kopf zusammen – "dass wir in Südafrika Weltmeister werden".

Mit mangelndem Selbstbewusstsein lässt sich die sportliche Misere der Nationalelf aus dem Fußball-Mutterland nicht erklären. Mit Selbstüberschätzung schon eher. Ähnliche Töne spuckten Charlton und Co. auch vor sieben Jahren: Die "Three Lions" hatten damals gerade den Erzrivalen Deutschland 5:1 in München abserviert, der Gewinn der WM erschien ihnen damals unvermeidbar. Zu Erinnerung: Deutschland kam 2002 ins Finale, England schied zwei Runden vorher gegen Brasilien aus.

Freilich, unter dem Italiener fühlt man sich an die glorreicheren Zeiten unter der Regie Sven Göran Erikssons erinnert. Ähnlich wie die Amtszeit des Schweden begann die Ära Capello mit einem Paukenschlag. Im dritten Spiel gelang ein Kantersieg gegen Prestigegegner Kroatien, die den Engländern Monate zuvor mit einem Sieg in Wembley die EM-Teilnahme vermasselt hatten. Und wie schon beim 5:1 in München kam auch aus dem 4:1 in Zagreb ein neuer Wunderstürmer hervor: Hattrick-Held Theo Walcott - der sich vor dem Deutschland-Spiel verletzt hat - ist gerade einmal 19 und damit sogar zwei Jahre jünger als der damalige "Golden Boy" Michael Owen es 2001 war.

Seit dem Kroatien-Spiel hat England jedes Qualifikationsmatch gewonnen und meistens klar überlegen gespielt. Ist der WM-Titel deswegen schon in festen Händen? Natürlich nicht. Zum Glück scheint es so, als würde Capello die merkwürdigen Schwankungen der englischen Fußball-Psyche besser verstehen als Sir Bobby. Statt Lobgesängen konzentriert er sich auf akribisches Training und die Etablierung einer unter Vorgänger Steve McClaren anscheinend unbekannten Disziplin.

Von der Pressestelle des Verbandes FA wird zumindest versichert, dass eine gesunde Diät (Pasta statt Pommes!) unter dem Italiener genauso ernst genommen wird wie das Handyverbot beim gemeinsamen Frühstück. Ausgerechnet der skandalträchtige ManU-Abwehrspieler Rio Ferdinand – heute einer von neun verletzten Stammspielern – sang vor kurzem ein Loblied auf den Ausschluss der Spielerfrauen von Länderspielreisen. So viele positive Worte machen skeptisch: Man mag diesen Hardliner-Mythos glauben oder nicht.

Ganz so ein harter Hund, wie er von den Herren der FA gerne dargestellt wird, ist Capello nämlich nicht. Ex-Wunderkind Michael Owen ist der einzige Superstar, dessen Tage unter dem Italiener endgültig gezählt zu sein scheinen. David Beckham kann sich realistische Hoffnungen auf einen 108. Einsatz im Nationaldress machen, wenn er denn wie geplant seinen Trainingsrückstand beim AC Mailand aufholt.

Unter "Don Fabio" bekamen Spieler eine zweite Chance, die sich innerlich schon längst von einer internationalen Karriere verabschiedet hatten: so zum Beispiel die Verteidiger Glen Johnson und Matthew Upson (beide Länderspieldebüt 2003) und Torhüter David James (Länderspieldebüt 1997).

Der radikale Jugendstil eines Joachim Löws liegt dem Kunstsammler Capello fern: Die hohe Zahl von Debüts, die im heutigen Freundschaftsspiel gegen Deutschland (20.45 Liveticker SPIEGEL ONLINE) zu erwarten sind, ist irreführend. Talentierte Spieler wie das Aston-Villa-Duo Ashley Young und Gabriel Agbolnahor hoffen heute auf ihr erstes Länderspiel unter Capello; unter Löw hätten sie dies wohl schon hinter sich. Der Italiener liebt die alten Meister: Die wahre Entdeckung seiner Amtszeit ist nicht der Jungspund Walcott (ein Eriksson-Debütant) sondern der rehabilitierte Wigan-Stürmer Emile Heskey, der schon 2001 in München neben Owen stürmte.

Mit seinen Spielern springt Capello viel rücksichtsvoller um als mit den Menschen im Umfeld seiner Starkicker. Den Vereinstrainern zum Beispiel. So orderte er Mittelfeldmann Steven Gerrard ins Trainingslager in Hertfordshire, obwohl Liverpool-Coach Rafael Benitez versicherte, Gerrard laboriere an einer Muskelzerrung. Der Verdacht ist durchaus berechtigt, hatte Gerrard doch schon öfter Länderspiele wegen Verletzungen verpasst, die dann bis zum nächsten Ligaspiel wieder wundersam verheilt waren.

Auch im Umgang mit den Fans ist der Italiener nicht zimperlich. Im Februar stellte er fest, dass seine Spieler im heimischen Wembley viel nervöser auftraten als bei Auswärtsspielen. Wer die feindselige Einstellung der Wembley-Fans bei der letzten Auflage des Klassikers England-Deutschland im August miterlebt hat, weiß genau, dass Capellos Kritik eher den Zuschauern als seinen Spielern gilt.

Beim Heimspiel gegen Kasachstan erntete Verteidiger Ashley Cole nach einem Fehlpass gellende Pfiffe, obwohl das Spiel letztendlich 5:1 gewonnen wurde. Kein Zufall, dass die überzeugendsten englischen Darbietungen der vergangenen 20 Jahre – das 5:1 in München und das 4:1 in Zagreb zählen sicher dazu – Auswärtsspiele waren.

Diese Erkenntnis ist Capello vielleicht am höchsten anzurechnen: Dass die "Three Lions" besser daran sind, ihre Siegeschancen an ihren eigenen Fähigkeiten und denen ihrer Gegner auszurichten, als den hohen Erwartungen ihrer vermeintlichen Unterstützer. Solange die englische Mannschaft die neue Mischung aus Selbstglauben und Realismus über die nächsten eineinhalb Jahre bewahren kann, hätte sie sogar ganz gute Chancen auf den WM-Titel. Aber das behalten wir besser für uns.

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Taubenus 10.09.2008
1.
Zitat von sysopDie Nationalelf ist auf dme Weg zur WM 2010. Trifft Joachim Löw die richtigen Entscheidungen? Wie gefallen Ihnen die Leistungen des Teams? Was sollte sich ändern? Diskutieren Sie mit.
Durch die vielen Verletzten ist Herr Löw momentan dazu gezwungen, junge und/oder neue Spieler in sein Team einzubauen. Dies finde ich sehr gut. Die Frage wird sein, ob er das auch dann noch durchziehen will, wenn Ballack, Frings, Schneider & Co. wieder fit sind. Bei der EM hat man gesehen, dass er mehr auf verdiente Leute setzt, als auf Leistung. Jüngstes Beispiel: Klose. Heute hat er 3x getroffen, okay. Wir können aber nicht immer so lange warten. Spieler wie Schweinsteiger, Lahm, Podolski etc. haben schon jetzt gefühlte 100 Länderspiele hinter sich. Dabei sind sie fast alle noch unter 25 Jahre. Damit sind quasi viele Positionen über Jahre hinweg "stammbesetzt". Man kann sagen: das ist/wird eine eingespielte Mannschaft. Man kann man aber auch befürchten, dass es einen Stillstand über Jahre hinweg geben könnte. Die Leistungen unserer Elf kann man so schwer einschätzen, da sie sich dauernd mit "Hochkarätern" wie Belgien, Luxemburg und Finnland mißt bzw. messen muß.
Augeseiwachsam, 11.09.2008
2. Unvermögend
Was will Löw eigentlich gewinnen? Den Jugendpreis? Den Talentschuppen? Da machen 10 Finnen im Mittelfeld die Räume eng, und die Deutsche Elf steht vor unlösbaren Problemen! Unfassbar!! Klare Konturen fehlen. Westermann und Kuranyi raus, die Schalker Schule ist überhaupt keine, wenn dann eine Hauptschule! Hey Jogi, finde erstmal Mannschaftsteile, die in der Liga auch zusammenspeielen. Sonst bleibst du ewig derjenige, der mit dem Abgesang tanzt.
Kurt Kurzweg 11.09.2008
3. Lachen oder Weinen?
Zitat von sysopDie Nationalelf ist auf dme Weg zur WM 2010. Trifft Joachim Löw die richtigen Entscheidungen? Wie gefallen Ihnen die Leistungen des Teams? Was sollte sich ändern? Diskutieren Sie mit.
Hier wird es wohl niemanden geben, dem die Leistung des teams gefallen. Wer sich - ganz gleich gegen welchen Gegner - DREI TORE einfängt muss sich (sehr) viele Fragen gefallen lassen...mon dieu, wir hatten mal die beste Abwehr der Welt...aber das Problem ist ja so neu nicht; man erinnere sich an die Spiele gegen England und Italien vor der WM...möchte nicht wissen, wieviel "Sauna-Olut" gestern abend in Suomi geflossen ist...
Jodeljedi, 11.09.2008
4.
Zitat von sysopDie Nationalelf ist auf dme Weg zur WM 2010. Trifft Joachim Löw die richtigen Entscheidungen? Wie gefallen Ihnen die Leistungen des Teams? Was sollte sich ändern? Diskutieren Sie mit.
Na ja, ich habe unsere Elf schon stärker spielen sehen als gestern. Finnland ist eher ein Fußballzwerg und sollte unsere Defensive besonders in der Rückwärtsbewegung nicht derart gefährden können. Haben sie aber und damit ist auch die bisherige und zukünftige Aufgabenstellung unseres Bundestrainers hinreichend beschrieben. Leider ist die Schwäche unserer Verteidiger seit längerem bekannt und trotzdem wurde seit der WM06 kein nennenswerter Fortschritt erreicht.Auch das Mittelfeld hat bei weitem nicht genügend Druck aufgebaut um die Finnen in Schach zu halten. Gut gefallen hat mir die Moral der Truppe und das Miroslav Klose endlich wieder so überzeugend gespielt hat. Eine andere Sache ist das mit Herrn Gomez, wie viele Chancen braucht der denn noch? Gebt Helmes eine Chance. Gruß Jodeljedi
Tomislav, 11.09.2008
5.
Zitat von sysopDie Nationalelf ist auf dme Weg zur WM 2010. Trifft Joachim Löw die richtigen Entscheidungen? Wie gefallen Ihnen die Leistungen des Teams? Was sollte sich ändern? Diskutieren Sie mit.
Das gestrige Spiel betrachtet, die Innenverteidigung. Tasci hat da sowieso nie hingehört (in die N11) und bei Westermann muss man sich auch fragen, ob er den Anforderungen eines Innenverteidigers auf diesem Niveu gerecht wird. Sobald der Ball irgendwie in der Luft ist, selbst wenn er nur 3 Meter vor ihm aufhopft, ist er überfordert und verschätzt sich. Wo war Enke, als der Ball beim 3:0 sich in seinen 5-Meter-Raum senkte? Überhaupt, so planlos wie die deutsche Abwehr da gestern rumgetorkelt ist, muss man sich schon fragen, ob der Torwart die selbige zu koordienieren in der Lage ist. Gott sei Dank hat Krisen-Klose gestern wieder getroffen, sonst wären wir noch zu null nach Hause geschickt worden. Gomez macht den Ball nichteinmal rein, wenn der ihm auf der Linie zurecht gelegt wird. Wieso hält er nicht einfach den linken statt dem rechten Schlappen hin??? Mit dieser Abwehr brauchen wir gegen die Russen gar nicht erst anzutreten, die hauen uns 5 Buden rein, wenn sich da nichts tut. Da ist mir ein Metzelder ohne Spielpraxis tausend mal lieber als das was da gestern zu sehen war.
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