Entscheidung im Elfmeterschießen Türkei im Halbfinale gegen Deutschland

Was für ein Spiel: 118 Minuten lang passierte nichts, dann trafen die Kroaten und feierten schon den Sieg - bis die Türkei in letzter Minute ausglich. Und schließlich das Elfmeterschießen mit 3:1 für sich entschied. Die eher schwache Partie lässt für das deutsche Team im Halbfinale hoffen.

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Die Kroaten sahen schon wie die sicheren Sieger aus. Eine Minute vor dem Ende der Verlängerung hatte Angreifer Ivan Klasnic das 1:0 erzielt - sein Trainer Slaven Bilic warf die Arme in die Luft, rannte begeistert an der Seitenlinie auf und ab und freute sich über den bislang größten Erfolg seiner Trainerlaufbahn.

Zu früh. In letzter Sekunde drosch der eingewechselte Stürmer Semih Sentürk den Ball zum Ausgleich ins Tor - und rettete die Türkei so ins Elfmeterschießen. In dem dann gleich drei kroatischen Schützen die Nerven versagten.

Luka Modric und Ivan Rakitic zielten neben das Tor, Mladen Petric scheiterte an Keeper Rüstü Recber. Die Türken dagegen verwandelten alle ihre Versuche und durften so einen 4:2-Sieg nach Elfmeterschießen (0:0/0:0/1:1) feiern.

Durch den Triumph ziehen sie ins Halbfinale ein und treffen dort am Mittwoch in Basel auf Deutschland (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). "Ich bin stolz auf meine Mannschaft. Das war einmalig in unserer Fußballgeschichte. Wir gehören zu den wichtigsten Fußballländern. Unser Volk kann sich freuen, unser Volk kann stolz auf uns sein", sagte Trainer Fatih Terim.

Dass sie überhaupt soweit kommen würde, hatte im Spiel zuvor kaum jemand erwartet. Zu harmlos waren die Türken in der Offensive, zu abgeklärt die Kroaten. Diese müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, zu leichtfertig mit ihren wenigen Chancen umgegangen zu sein. So brachte es Stürmer Ivica Olic einmal fertig, den Ball aus wenigen Metern nur an die Latte des Tores zu befördern – sehr zum Leidwesen seines Vorlagengebers Modric (19.).

Der Mittelfeldakteur kniete auf dem Rasen und trommelte vor Verzweiflung immer wieder mit den Händen auf den Boden. Auch Trainer Bilic konnte es nicht fassen, er sprang an der Seitenlinie umher und raufte sich mit beiden Händen die Haare. Die vergebene Möglichkeit schmerzte, denn in der Folge waren die Kroaten zwar überlegen, konnten sich aber kaum weitere Chancen erspielen.

Und auf der anderen Seite? Blieben die Türken erschreckend harmlos. Wenn überhaupt Gefahr drohte, dann nur aus der Distanz.

In der 38. Minute jagte Mittelfeldmann Mehmet Topal den Ball aus 30 Metern knapp am rechten Pfosten vorbei. Kurz zuvor war Sanli Tuncay im Strafraum zu Boden gegangen und hatte vergeblich auf Elfmeter gehofft. Ansonsten fiel dem Team wenig ein.

Es schien fast, als hätten die dramatischen Spiele gegen die Schweiz (2:1) und Tschechien (3:2) viel Kraft gekostet. Zu viel, um die Partie gegen abgeklärte Kroaten zu dominieren. Das Team von Trainer Bilic tat den Türken nämlich nicht den Gefallen, mit aller Macht auf das Tor zu drängen. So ergaben sich kaum Räume für die Konter, mit denen Hamit Altintop und Co. in den vergangenen Spielen so viel Erfolg gehabt hatten.

Rüstü sorgt für Entsetzen

Unterhaltsamer war da schon die Vorstellung ihres Torwarts: Rüstü, 35 und Rekordspieler seines Landes mit 117 Einsätzen, ist eigentlich nur noch zweite Wahl in der Nationalelf. Doch weil Stammkeeper Volkan Demirel gegen Tschechien die Rote Karte gesehen hatte, musste Rüstü ran – und sorgte ein ums andere Mal für Entsetzen bei den türkischen Anhängern.

Schon kurz nach Beginn des Spiels wirkte der Keeper wackelig, als er beim Herauslaufen zu lange zögerte und so den Kroaten die erste Chance ermöglichte. Auch in der zweiten Halbzeit präsentierte sich Rüstü immer dann als Sicherheitsrisiko, wenn er die Linie seines Tores verließ.

In der 51. Minute kam ein Steilpass in seinen Strafraum gesegelt, und eigentlich drohte keine Gefahr. Doch Rüstü zögerte erneut, er war offensichtlich unsicher, ob er herauslaufen sollte oder nicht. So kam Olic noch an einen Ball, den er eigentlich nie erreichen durfte. Zum Glück für die Türken hatte aber auch der Angreifer des Hamburger SV nicht seinen besten Tag erwischt und konnte die Chance nicht nutzen.

Trainer Terim sah diese Unsicherheiten und wurde an der Seitenlinie immer nervöser. Der 54-Jährige feuerte sein Team ständig an. Doch die Feldspieler waren nicht in der Lage zuzulegen und so stand in der Schlussphase erneut Rüstü im Mittelpunkt - diesmal aber auf positive Weise.

Zunächst fischte er einen Freistoß von Darijo Srna aus dem Winkel (87.), dann parierte er einen Schuss von Olic aus kurzer Entfernung (90.). Auch in der Nachspielzeit war er auf dem Posten, entschärfte mit etwas Glück den nächsten Freistoß von Srna und rettete sein Team so in die Verlängerung.

"Jetzt kann alles passieren"

Als er dann erneut patzte und Klasnic sein zweites EM-Tor erzielte (119.), drohte der Routinier zum tragischen Helden zu werden. Doch der Ausgleich von Semih gab ihm noch eine Chance. Zweimal musste er im Elfmeterschießen nicht eingreifen, weil Modric und Rakitic vorbeischossen. Doch beim Strafstoß von Petric war Rüstü hellwach: Er tauchte ab ins linke Eck, hielt den Ball per Faustabwehr und machte so den Einzug unter die besten vier Teams Europas perfekt.

"Die Mannschaft ist zwar noch nicht reif, aber auf einem guten Weg. Jetzt kann alles passieren. Mit ihrer Euphorie, ihrem Ehrgeiz und ihrer Laufbereitschaft ist für unsere Mannschaft noch einiges drin", sagte Altintop, der seinen Elfmeter ebenso wie Semih und Arda Turan verwandelte.

Ob Rüstü auch im Halbfinale gegen Deutschland im Tor steht, ist aber noch nicht klar - die Türken haben gegen die Zwei-Spiele-Sperre für Volkan Einspruch eingelegt. Die Entscheidung der Uefa wird am Montag erwartet.

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