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Enttäuschende Italiener Altmeister ohne Esprit

Langsam, müde, kaum kreativ - Italiens erster Auftritt bei der WM in Südafrika endete mit einem mageren 1:1 gegen Paraguay. Der amtierende Weltmeister agierte wie eine Altherrenauswahl. Ohne deutliche Steigerung droht das frühe Aus.

So viel Bosheit hatte man einem wie Marcello Lippi gar nicht zugetraut: Das silberne Haar sitzt wie immer exakt gescheitelt, der leichte braune Teint und die vornehme Designerbrille geben dem Altmeister auf der Trainerbank der Squadra Azzurra einen weltmännischen Anstrich. Doch in diesen Momenten vergisst auch der 62-jährige Fußballlehrer seine guten Manieren. Das magere 1:1 (0:1) gegen den unbequemen Widerpart Paraguay am Montagabend war in einer regnerischen und stürmischen Nacht von Kapstadt gerade vorüber, da fuhr Signore Lippi auch schon bei den ersten unangenehmen Fragen aus der Haut.

Angesprochen von einer Fragestellerin auf den italienischen Radiosender Padania, der vor dem Spiel seinem Team schlechte Chancen bescheinigt hatte, reagierte Lippi verärgert: Man sei bei der WM und sie sei eine erfahrene Journalistin, die sich nicht auf das Niveau eines Regionalsenders hinunter lassen solle, herrschte Lippi sie vor der Weltpresse an. Und seine Mimik verriet jene Entschlossenheit, mit der sein Ensemble noch 2006 in Deutschland die begehrteste Trophäe der Fußballwelt vereinnahmt hatte. "Italien gegen den Rest der Welt", hieß damals das siegreiche Leitmotiv.

Vier Jahre später verkörpert Lippi zwar noch immer dieses Beißerimage, zumindest in der Pressekonferenz. Auch viele seiner Schützlinge von damals wie Torwart Gianluigi Buffon oder Abwehrchef und Kapitän Fabio Cannavaro sind noch dabei. Doch sie sind in die Jahre gekommen. Nachdem Buffon beim Gegentor von Antolon Alcaraz (39.) keine Regung zeigte und ansonsten auch kaum eingriff, musste der 32-Jährige wegen eines eingeklemmten Ischias-Nervs zur Pause ausgewechselt werden. "Er hat das Leiden schon beim Aufwärmen gespürt. Wir müssen sehen, wie es weitergeht", beschied Lippi.

Ureigene Stärken sind verschwunden

Man muss auch sehen, ob es mit einem wie Cannavaro geht. Der 36-Jährige, der beste Spieler der WM 2006, der seine Karriere nun bald für gutes Geld in der Wüste bei Al-Ahli in Dubai ausklingen lässt, verschuldete mit seiner Passivität das Gegentor. Es stellt sich die Frage: Wie viel Zukunft haben die Italiener bei diesem Turnier, wenn ihre ureigene Stärke abhandengekommen ist?

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Italienischer WM-Auftakt: De Rossi trifft, Villar patzt

Foto: Helmut Fohringer/ dpa

Der Trainer mag solche Debatten ebenso wenig wie das Gerede über sein angejahrtes Retro-Team. Lippi gab vor, sich nicht zu sorgen, sondern sehr zufrieden zu sein. "Italien ist da. Italien ist physisch, taktisch und mental bereit. Und mit dem Herzen!" Es war eine Kampfansage, die im Bauch des Greenpoint-Stadions allerdings sehr bemüht klang.

Auch wenn Lippi noch anmerkte, das Turnier habe erst begonnen und er sei sicher, dass "wir noch Erfolg haben werden", ist doch anzumerken, dass diesem Team vieles von einer Spitzenmannschaft von Weltformat fehlt. Überraschung und Hingabe, Idee und Inspiration. Sicher, auch 2006 glänzte Italien nicht mit Kreativfußball. Doch waren Akteure wie Andrea Pirlo aber auf dem Höhepunkt ihrer Schaffenskraft und die individuelle Klasse in ein funktionierendes Kollektiv eingebunden.

Nur der Gruppensieg hilft dem Team weiter

Diesen Eindruck erweckt das italienische Team vier Jahre später nicht mehr. Die Qualitäten dürften reichen, um am Sonntag in Nelspruit gegen Neuseeland und übernächsten Donnerstag gegen die Slowakei die Vorrunde zu überstehen. Italien sollte in seiner Gruppe F möglichst Erster werden, sonst würde schon im Achtelfinale ein Duell mit den Niederlanden drohen. Und damit ähnlich wie bei der EM vor zwei Jahren ein frühes Aus.

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Italiens Seniorentruppe: Ein Titelverteidiger als Außenseiter

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Protagonisten wie Daniele de Rossi, 26, können sich an die Pleite damals in Wien im Elfmeterschießen gegen Spanien noch gut erinnern: Dass dieser Kader die Furcht hegt, erneut viel verlieren zu können, erklärte vielleicht den überschäumenden Jubel des Römers nach seinem glücklichen Ausgleichstor in der 63. Minute, bei dem Paraguays Torwart und Kapitän Justo Villar mit einer kapitalen Fehleinschätzung kräftig mithalf. Ansonsten stand auch de Rossi neben sich und glänzte beim Gegentor durch Passivität.

Das komplette Offensivspiel gleicht noch einer Großbaustelle. Vorne harmonierten Simone Pepe, 26, und Vincenzo Iaquinta, 30, mit der Spitze Alberto Gilardino, 27, nur begrenzt. Aus dem Mittelfeld kamen speziell vom blassen Florentiner Riccardo Montolivo bis auf einen späten tückischen Fernschuss kaum Impulse. "Wir wollten gewinnen. Ich glaube, wir haben schon ein gutes Match gemacht, aber wir werden noch besser spielen", kündigte Montolivo an.

Der 25-Jährige ist in Kiel geboren, war gerade wieder für ein paar Tage bei seiner deutschen Mutter und spricht bestens Deutsch. "Italien zählt immer zu den Favoriten", glaubt Montolivo, "und ich glaube auch nicht, dass wir zu alt sind."

Der Blondschopf aber muss sich wie das gesamte Team gewaltig steigern; ihm persönlich droht sonst die Bank, wenn der derzeit noch angeschlagene Pirlo zurückkehrt, zum dritten Gruppenspiel könnte das geschehen, erklärte Lippi. Diesmal begnügte sich der 31-jährige Star des AC Mailand damit, sehr warm angezogen und mit einem tiefblauen Halstuch auf der Bank zu hocken. Das sah ebenso seltsam aus, wie die schwarzen Beinkleider, die der ehemalige Welttorhüter Buffon bis zu seiner Auswechslung zu seinem schneeweißen Outfit trug.

Wenn italienische Fußballer schon ihr Gespür für Mode verloren haben, dann scheint wahrlich Gefahr im Verzuge.

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