Erfolg gegen die Türkei Lahm schießt Deutschland ins Finale

Glücklicher Sieg in letzter Minute: Fast mit dem Schlusspfiff trifft Philipp Lahm für die deutsche Mannschaft im EM-Halbfinale - nach tollem Doppelpass mit Thomas Hitzlsperger. Kurz zuvor hatten die überraschend starken Türken in einer dramatischen Schlussphase ausgeglichen.

Von Frieder Schilling


Wieder schlugen die Türken kurz vor Ende der Partie zu, wieder schien sich die Mannschaft von Trainer Fatih Terim in die Verlängerung retten zu können. Doch dieses Mal fehlte das Happy End. Denn dieses Mal bot das deutsche Team genau so eine Partie, wie sie die Türken in ihren vergangenen Spielen gezeigt hatten: Schwach und anfällig waren sie über nahezu die gesamte Spielzeit, stark und glücklich dann in den Schlussminuten. 3:2 (1:1) besiegte Deutschland im Halbfinale die Türkei und steht zum sechsten Mal im einem EM-Finale. Bastian Schweinsteiger (26. Minute) , Miroslav Klose (79.) und Philipp Lahm (90.) trafen für Deutschland, Ugur Boral (22.) und Semih Sentürk (86.) für die Türkei. Es war die 86. Minute im St. Jakob Park in Basel: Der Türke Semih Sentürk spitzelt den Ball aus spitzem Winkel an Jens Lehmann vorbei ins Tor. Sabri hatte zuvor Philipp Lahm an der Seitenlinie ausgespielt wie einen Freizeitkicker. Der türkische Fanblock war außer sich vor Freude. Dem Stürmer von Fenerbahce Istanbul war der 2:2-Ausgleich gelungen, in einem Spiel, das viel gemein hatte mit der Dramaturgie der bisherigen EM-Auftritte der Türkei. Doch heute blieb Semih und seiner Mannschaft die Heldenrolle verwehrt - der noch kurz zuvor unglücklich agierende Lahm riss sie an sich und erzielte in der 90. Minute noch den Siegtreffer für Deutschland. Bis zu diesem Triumph war es ein langer und beschwerlicher Weg gewesen.

Mit dem Anpfiff hatten dieselben elf Akteure auf deutscher Seite begonnen, die im Viertelfinale beim großartigen Sieg gegen Portugal die Anfangsformation bildeten. Bundestrainer Joachim Löw verzichtete auf den nach seinem Rippenbruch wieder einsatzfähigen Torsten Frings und schenkte Simon Rolfes und Thomas Hitzlsperger das Vertrauen auf der "Doppel-Sechs". Auch die taktische Aufstellung änderte er nicht, schickte das Team erneut im vermeintlich defensiveren 4-2-3-1-System auf den Rasen. Terim veränderte seine Mannschaft auf vier Positionen gegenüber der Partie gegen Kroatien. Ayhan Akman, Ugur, Mehmet Aurelio und Semih standen in der Anfangsformation.

Trotz der vielen Wechsel agierte das türkische Team in den ersten 15 Minuten der Partie deutlich ballsicherer. Deutschlands Akteure dagegen wirkten nervös und spielten ungewöhnlich viele Fehlpässen - auch über kurze Distanzen. Immer wieder auffällig schwach die Abwehrreihe - Christoph Metzelder, Lahm und Per Mertesacker. Aber auch das Mittelfeld stand in nichts nach.

Den ersten Schuss aufs Tor von Jens Lehmann feuerte der bei Fenerbahce Istanbul unter Vertrag stehende Kazim Kazim in der siebten Minute ab, nachdem er unbehelligt hatte durchs Mittelfeld spazieren dürfen - jedoch direkt auf Lehmann. Nur sechs Minuten später wurde es gefährlicher: Nach einem erneuten Durcheinander im deutschen Strafraum kam Kazim aus zwölf Metern frei zum Schuss - die Latte rettete die Deutschen hier noch vor dem Rückstand.

In der 22. Minute dann eine Premiere für die Türkei: Erstmals im laufenden Turnier erzielte die Mannschaft den ersten Treffer des Spiels. Nach einem Einwurf auf der linken Seite fehlte die Abstimmung zwischen Lahm und Lukas Podolski. Als Folge kam Defensivmann Sabri Sarioglu frei zur Flanke, fand Kazim und der mit dem Fuß erneut die Latte. Ugur stand, wo er stehen musste, reagierte schneller als Außenverteidiger Arne Friedrich und ließ den türkischen Fanblock jubeln. Der war noch nicht verstummt, als Podolski sich offenbar an eine der bislang schönsten Spielzüge der EM erinnerte. Der Bayern-Profi trieb den Ball über die linke Seite (diesmal ohne doppelten Doppelpass), blickte in vollem Tempo kurz hoch, sah Vereinskollege Bastian Schweinsteiger in den Strafraum sprinten und spielte einen harten Pass Richtung Fünf-Meter-Raum. Dort verwandelte der Empfänger - mit dem rechten Außenrist ins lange Eck (26. Minute). Es war fast eine Kopie des Führungstreffers gegen Portugal.

Die zweite deutsche Chance - mehr gab es in den ersten 45 Minuten nicht zu bewundern - folgte in der 34. Minute. Mit einem schönen Pass durchs Mittelfeld setze Hitzlsperger Podolski ein. Diesmal entschied sich der Stürmer nach seinem erneuten Sprint über die linke Seite jedoch für den Torschuss und nicht für einen Pass auf den mitgelaufenen und auch gut gedeckten Miroslav Klose - der Ball flog knapp übers Tor.

Einen Strafstoß forderten die deutschen Fans und die gemeinsam aufgesprungenen Auswechselspieler auf der deutschen Bank in der 51. Minute. Ein Dribbling Lahms auf der linken Seite beendete Sabri per Foul und - so sah man das je nach Nationalität - auf oder kurz vor der Strafraumgrenze. Der Schweizer Schiedsrichter Massimo Bussaca wollte sich nicht festlegen und pfiff gar nicht.

Beide Teams agierten nun härter, die Partie wurde hektischer - Deutschland aber nicht besser. In der Abwehr fanden die Türken immer noch zu viele Lücken, gerade auf der linken Seite konnten sie immer wieder bis an die Grundlinie und in den Strafraum gelangen. Große Chancen aber resultierten nicht daraus. Entweder war ihr Abschluss zu harmlos oder die Flanken fanden keinen Abnehmer.

Anders der von Lahm in den Strafraum geschlagene Ball in der 79. Minute. Miroslav Klose schraubte sich in der ihm typischen Art höher als zwei Abwehrspieler, Torwart Rüstü Recber kam beim planlosen Herauslaufen viel zu spät mit seiner Faust - der Ball fand den Weg ins leere Tor.

Doch die Türken machten wieder mal ihrem Last-Minute-Image alle Ehre - vermeintlich. Vier Minuten vor Ende der regulären Spielzeit traf Sabri zum Ausgleich - in die einzig mögliche Lücke zwischen Lehmann und kurzem Pfosten. Doch erneut erstickten die Deutschen den türkischen Jubel kurze Zeit später. Lahm spielte Doppelpass mit Hitzlsperger und lief frei im Strafraum von links aufs türkische Tor und Rüstü zu. Beide Kontrahenten entschieden sich für die linke Ecke - aus ihrer Sicht. Der Siegtreffer. Lahm hatte die Geschichte mit seinem Schlenzer in der Schlussminute umgeschrieben. Und dieses mal kamen die Türken trotz vier Minuten Nachspielzeit nicht mehr zurück.



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