Erfolg gegen die Türkei Schlappes Spiel, glücklicher Sieg

Drama in Basel: Im 3:2-Zitterspiel gegen die Türkei zeigte sich Deutschland erstaunlich schwach, Ballack enttäuschte, auch Lahm reihte vor seinem Schlusstor Fehler an Fehler. Doch die DFB-Elf hat ihren Finaleinzug verdient - in den wichtigsten Momenten nutzte sie bei dieser EM immer ihre Chancen.

Von , Basel


Als sich Sabri Sarioglu irgendwann in der zweiten Halbzeit mal wieder auf den Weg in die deutsche Hälfte machte, wurde es ganz kurz ganz leise im Stadion. Es war, als würde die türkische Fankurve Luft holen, während erst Lukas Podolski und danach Philipp Lahm vergeblich versuchten, dem Rechtsverteidiger zu folgen. Je näher Sarioglu dem deutschen Strafraum kam, desto lauter wurde es - bis seine Flanke in die Mitte von einem kollektiven Schrei begleitet wurde.

Es gab viele solcher Flanken, Torschüsse, gewonnene Zweikämpfe. Es gab Einsatz, Kampf und zwei Treffer der türkischen Mannschaft in diesem EM-Halbfinale. Es gab viele Sarioglus, die ihren deutschen Gegenspielern entweder davonliefen oder ihnen den Ball abnahmen. Kazim Kazim, der die Latte traf. Ugur Boral, der Arne Friedrich nicht nur beim 1:0 wie einen viel zu langsamen Rechtsverteidiger aussehen ließ. Semih Sentürk, der als kleiner Stürmer die meisten Kopfballduelle gegen Per Mertesacker gewann und fünf Minuten vor dem Ende zum 2:2 traf. Oder Hamit Altintop, der beste Spieler auf dem Platz.

Eine Mannschaft mit nur 14 einsatzfähigen Spielern. Die besser war als Deutschland.

Später sitzt Fatih Terim auf dem Podium im Basler St.-Jakob-Park, in seiner Stimme Pathos und in seinen Augen Tränen. "Ich bin sehr traurig, wir waren so nah dran am Finale", sagt der türkische Trainer, und mit Daumen und Zeigefinger zeigt Terim, wie nah. "Meine Spieler hätten es verdient gehabt."

Doch im Finale dieser EM steht Deutschland.

Eine Mannschaft, die im Verlaufe dieses Turniers gestolpert ist, als man es nicht erwartete (gegen Kroatien). Die kämpferisch überzeugte, als man einen spielerischen Befreiungsschlag erhoffte (gegen Österreich). Die glänzte, als alle ein Kampfspiel befürchteten (gegen Portugal). Die sich nun so schwer tat, als alles für einen deutlichen Erfolg sprach. Und die dann doch noch zum 3:2 traf, als es keiner mehr für möglich hielt.

Diese DFB-Elf hat in diesem Turnier nie getan, was man von ihr erwartet hat. Nur gewonnen hat sie am Ende meistens.

Und so verblasst das Wie hinter dem Ergebnis, zum ersten Mal seit 1996 wieder das Endspiel einer EM erreicht zu haben. Es ist nicht wichtig, mit welchem System das Ziel erreicht wurde oder in welcher Minute der entscheidende Treffer fiel. Es ist auch nicht wichtig, dass es viel Glück gegen die Türkei bedurfte. Natürlich kann man sich Sorgen machen wegen dieser Innenverteidigung mit Christoph Metzelder und Per Mertesacker, oder auch wegen der vielen Ballverluste, Fehlpässe oder der fehlenden Konzentration.

Aber dieses Team hat mit Ausnahme der 1:2-Niederlage in der Vorrunde gegen Kroatien immer so gespielt, wie es der Gegner nötig machte. Dieses Team ist gereift, und im bisher wichtigsten Spiel des Turniers hat es so effizient seine Chancen genutzt wie selten zuvor. Es spielte letztlich gegen die Türkei unfreiwillig so, wie man es vom Gegner erwartet hatte. Kämpferisch in Ordnung, ansonsten ohne Ordnung. Und mit einem Treffer in der Schlussminute. "Im Nachhinein haben wir das gemacht, was die Türken immer gemacht haben. Wir geben nicht auf", sagte Bastian Schweinsteiger.

Man muss den DFB-Kickern nachsehen, dass sie sich nachher nicht lange mit Ursachenanalysen aufhielten, sondern erleichtert waren über das Ergebnis ihrer Arbeit. "Wir sind im Finale, das ist das Einzige, was zählt. Die Chance ist jetzt riesig", sagte stellvertretend Michael Ballack, der verständlicherweise nicht viele Worte über die eigene Leistung verlor.

Ballack gelang nichts gegen die Türkei. Hätte der Kapitän nicht in der ersten Hälfte Metzelder und Mertesacker zusammengestaucht, man würde sich wohl wundern, dass sein Name auf dem Spielberichtsbogen auftauchte.

"Das Tor war ein Angriff, der toll herausgespielt worden ist und sicherlich zu einem Zeitpunkt gekommen ist, der die Türken demoralisiert hat", beschrieb Joachim Löw den deutschen Siegtreffer. Den Doppelpass zwischen Philipp Lahm und Thomas Hitzlsperger, an dessen Ende Lahm in der letzten Minute den Ball an Recber Rüstü im Tor versenkte. Lahm, der so verlässliche Linksverteidiger, der desorientiert wirkte gegen Sarioglu oder Kazim, der Fehler an Fehler reihte, das 2:2 verschuldete - aber doch die Partie entschied.

Lahm war typisch für das deutsche Spiel. Unerwartet schlecht, aber im wichtigsten Moment da.

Auch deshalb hat Deutschland das Finale verdient.

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