Erinnerungen eines Ex-Hooligans "Ich habe die Gewalt gebraucht"

Toni Meyer verbrachte einen großen Teil seines Leben als brutaler Hooligan. Die Gewalt bei Fußballspielen wurden für den Anhänger des FC Bayern München zu einer Sucht. Schritt für Schritt boxte er sich in der Hierarchie der Fußball-Verbrecher hoch - und andere dabei zu Boden.


Toni Meyer ist 15 Jahre alt, als es zum ersten Mal passiert. Er sitzt in einer Straßenbahn in Köln, stolz trägt er seinen rotweißen Schal und seine Kutte. Der schmächtige Teenager ist Fan des FC Bayern. Zum zweiten Mal begleitet er seine Mannschaft zu einem Auswärtsspiel. Er hat einige Geschichten gehört. Von den Großen, den erfahrenen Fans. Aber erlebt hat er selbst noch nicht viel. Einmal haben ihm zwei Stuttgarter die Mütze geklaut und den Schal, doch das war nicht der Rede wert.

Schlägerei auf offener Straße: "Warum auch nicht?"
Ronny Blaschke

Schlägerei auf offener Straße: "Warum auch nicht?"

Die Straßenbahn in Köln ist gut gefüllt, plötzlich kommt sie zum Stehen. Die Türen öffnen sich. Einige Kölner stürzen hinein, vierzig, vielleicht sind es fünfzig. Sie prügeln auf die Bayern-Fans ein und versprühen Tränengas. Toni Meyer erleidet einen Schock. Bevor er wieder klar denken kann, sind die Kölner verschwunden. Er muss sich übergeben. Zwei, drei Minuten später ist er nur noch wütend und aggressiv. Was er noch nicht wissen kann: Er wird noch oft wütend und aggressiv sein. Sehr oft.

Mehr als zweieinhalb Jahrzehnte sind seit diesem Tag vergangen. Toni Meyer, der seinen wahren Namen nicht in den Medien lesen möchte, ist Anfang vierzig. Er ist noch immer schlank und sportlich. Sein mittellanges Haar verbirgt er unter einer hellbraunen Schirmmütze. Sein Gewicht hält er seit Jahren, sagt er: 72 Kilo, verteilt auf 1,84 Meter. Toni Meyer sitzt in einem kleinen Wirtshaus im Zentrum von München. Er isst Salat und trinkt Orangensaft. Er arbeitet inzwischen für eine soziale Einrichtung, er soll verhindern, dass Jugendliche auf dumme Gedanken kommen. Ausgerechnet er, muss man hinzufügen. Toni Meyer, dieser umgängliche, aufgeweckte Typ, hat ein Viertel seines Lebens als Hooligan verbracht. "Ich habe die Gewalt gebraucht", sagt er. "Das war wie eine Sucht." In seiner Betonung liegt keine Bestürzung. Toni Meyer schildert seine Karriere als Schläger so entspannt wie einen Sommerurlaub. "Warum auch nicht?", fragt er. "Für mich war das normal." Irgendwann empfindet man die eigenen Süchte nicht mehr als böse Überraschung.

Wie entwickelt man sich zu einem Hooligan? Toni Meyer kann das nicht auf Anhieb beantworten. Aber die gängigen Klischees darf man auf ihn nicht anwenden. Er ist in den siebziger Jahren als Einzelkind in einem gutbürgerlichen Umfeld aufgewachsen, in Berg am Laim, im Osten von München. Sein Vater hatte eine eigene Schreinerei, seine Mutter blieb zu Hause und versorgte die Familie. Toni Meyer lächelt, er weiß, welche Frage sich nun anschließt. Ob er von seinen Eltern geschlagen wurde? "Manchmal hat es von Mutter eine Watschn gegeben. Aber das war doch normal." Seine Kindheit war frei von Gewalt. So paradox es klingen mag, aber vielleicht war das sein Problem. Toni Meyer kam früh in die Sturm- und Drangphase, früher als seine Freunde. Die Schule fand er langweilig, er konnte nicht stillsitzen, entsprechend schlecht waren seine Zensuren. Auf die Zeltlager mit den Pfadfindern in Österreich hatte er schnell keine Lust mehr. In andere Vereine zog es ihn auch nicht. Er wollte sich nicht unterordnen und die Befehle eines Fremden ausführen, das war ihm zuwider. Er suchte größere Herausforderungen, er suchte den Kick. Das Kribbeln.

Am Anfang verlief die Suche noch harmlos. Er schubste seine Mitschüler auf dem Schulhof. Sprang von allen möglichen Erhöhungen. Fuhr mit dem Moped ohne Führerschein über die Wiesen. Irgendwann merkte er, dass der Alltag ihm keine Spannung mehr bot. Er wählte eine fremde Bühne: den Fußball. Sein Vater hatte ihn vor Jahren ins Grünwalder Stadion mitgenommen, zu den Heimspielen von 1860 München.

Aber das war nicht seine Welt. Toni Meyer wollte zum FC Bayern. Mit 13 stand er zum ersten Mal in der Südkurve des Olympiastadions, im Block der treuesten Fans. Anfangs ganz unten in der ersten Reihe, die Nasen ans Zaungitter gepresst. Voller Erfurcht schaute er auf die oberen Ränge zu den älteren Anhängern. Zu den Vorbildern. "Es war die erste Stufe auf der Leiter." Toni Meyer wusste damals nicht, was ihn erwartet. Doch er war sich sicher: Es konnte nichts Schlechtes sein.

Brutale Schlägereien, einmalige Adrenalinstöße

1981. Sein erstes Auswärtsspiel mit dem FC Bayern führt Toni Meyer mit zwei Freunden nach Frankfurt. Die 15-Jährigen hängen sich an eine größere Fangruppe, in der Masse fühlen sie sich stark. Sie durchqueren das Rotlichtviertel, sehen Prostituierte und Junkies. Die Münchner Reisegruppe ist ein bisschen verängstigt. Zwei Stunden später stehen sie im Waldstadion in der Gästekurve. Toni Meyer sieht kaum etwas vom Spiel, er wirkt verloren zwischen den schwitzenden Leibern. Ein Becher Bier landet in seinem Nacken, auf seiner Schulter drückt jemand eine Zigarette aus. Fußball kann grausam sein, denkt er sich. Oder schaurigschön. Toni Meyer lernt einige Leute kennen, die in der Szene etwas zu sagen haben. Er hört viele Geschichten. Von brutalen Schlägereien und einmaligen Adrenalinstößen. Seine Neugier wächst. In Frankfurt ist noch alles harmlos, niemand kommt zu Schaden. Doch der Fußball wird ihn nie wieder los lassen.

Mit der Zeit hatte sich Toni Meyer Respekt erarbeitet, im Fanblock und an der Theke. Er war aufgestiegen in der Hierarchie der Südkurve. Der Rückhalt gab ihm ein Gefühl der Stärke. Danach hatte er sich gesehnt: Anerkennung in einer Gruppe. Ohne Korsett, ohne Vorschriften. Dieser Glaube an eine neue Freiheit hat ihn ein wenig übermütig werden lassen. Es war eine Zeit angebrochen, in der er seine ersten Erfahrungen als Fußballrowdy machte. Er prügelte sich mit gegnerischen Fans und beleidigte Polizisten. Die ersten Strafanzeigen flatterten ins Haus. Der Oberbegriff Hooligan schwappte aus England nach Deutschland. Toni Meyer brauchte eine Weile, um sich an diese Bezeichnung zu gewöhnen.



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EinLeser, 14.06.2006
1.
---Zitat von sysop--- Vor der Fußball-WM wurde das Hooligan-Problem intensiv diskutiert. Ist genug getan worden? Wie geht man richtig mit Störern des Fußballfestes um? ---Zitatende--- Ein erster Schritt: Man bietet Gewalttaetern wie Hendrik K. kein Forum im Spiegel-Online.
Dominik Menakker, 14.06.2006
2.
Hools wollen doch Schlägereien. 10 Polizisten mit Schlagstock gegen einen Hooligan. Wenn das Verhältnis mal anders herum ist als damals in Frankreich machen sich die Jungelchen sowieso direkt in die Hosen.
fire, 14.06.2006
3. Für eigene Dummheit Zahlen!
Hooligans sind mit Abstand das Dümmste das unsere Kultur hervorgebracht hat. Eine Schande für jede Nation!!! Jeder Polizeieinsatz, jede Sachbeschädigung, jede Verletzung die durch diese geistig unterentwickelten Personen verursacht wurden, sollte man ihnen in Rechnung stellen. Aber wer bezahlt zum Schluss? - die Allgemeinheit, der normale, ordnungsliebende Bürger.
thomue73, 14.06.2006
4.
---Zitat von EinLeser--- Ein erster Schritt: Man bietet Gewalttaetern wie Hendrik K. kein Forum im Spiegel-Online. ---Zitatende--- BINGO!
Rainer Helmbrecht 14.06.2006
5.
---Zitat von sysop--- Vor der Fußball-WM wurde das Hooligan-Problem intensiv diskutiert. Ist genug getan worden? Wie geht man richtig mit Störern des Fußballfestes um? ---Zitatende--- Aber wir tun doch, was man nur tun kann, wir sitzen das aus und überlassen der Polizei die Drecksarbeit. Zusätzlich beobachten wir aufmerksam die Scene und wenn ein Polizist mal "ausrastet", schreit die Betroffenheitspresse. Schläger werden auf keinen Fall wie Bürger eines kapitalistischen Staates behandelt. Man könnte ihnen die Kosten auferlegen, leider ist die Justiz mit Täterschutz beschäftigt. Das Demonstrationsrecht für die NPD ist der Justiz mehr Wert, als der Wille der Bürger, die Freiheit für Demokraten zu schützen.
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