Erling Braut Håland Das Sturmtalent, das ganz Europa begehrt

Im Vorjahr kannte ihn kaum jemand, jetzt schießt er mehr Tore als Robert Lewandowski: Der Hype um den 19 Jahre alten Norweger Erling Braut Håland von RB Salzburg ist so plötzlich wie enorm. Aber ist er auch berechtigt?

Jason Cairnduff / REUTERS

Von Eike Hagen Hoppmann und


Mehr als 20 europäische Fußball-Topklubs, so vermeldete es kürzlich der "Guardian", würden aktuell um denselben Spieler ringen. Darunter seien Barcelona, Real Madrid, Juventus, Bayern München, Manchester City und United, die ganz Großen also.

Der so begehrte Stürmer heißt Erling Braut Håland, 19, Norweger, er spielt bei RB Salzburg in Österreich, und er ist derzeit das wohl größte Phänomen des Fußballs. Innerhalb von wenigen Monaten wurde er von einem Talent, das nur Kennern ein Begriff war, zum Wunschspieler der Spitzenteams.

Sieben Treffer gelangen ihm in den bisherigen vier Champions-League-Partien, am Abend könnten in Genk noch mehr hinzukommen (21 Uhr, Stream: Dazn; Liveticker SPIEGEL ONLINE). Nimmt man alle Pflichtspiele zusammen, kommt Håland auf 26 Tore und sechs Vorlagen in 18 Einsätzen. Im Schnitt ergibt das 2,3 Torbeteiligungen pro 90 Minuten.

Ein surrealer Wert. Bayerns Robert Lewandowski, in dieser Saison selbst ganz gut in Form, schafft gerade einmal 1,5.

Die Statistik erklärt den Hype um Håland. Aber ist er auch berechtigt? Erlebt der Fußball gerade die Geburt eines kommenden Weltstars oder lässt er sich mitreißen von einem Talent, das einen Lauf hat? Aufschluss darüber geben Videobeobachtungen von Hålands Spielen und Gespräche mit ehemaligen Wegbegleitern.

Es gibt nicht viele Profifußballer mit seinem Tempo

Hålands körperliche Veranlagung ist ungewöhnlich, man könnte fast behaupten, sie ist einmalig. Håland ist ein Hüne, er misst 1,94 Meter, aber trotz seiner Größe schlägt er seine Haken ohne Ansatz, und selbst in vollem Lauf ist er kaum aus der Balance zu bringen. Vor allem aber ist er schnell.

Håland beschleunigt wie wenige andere Spieler. Laut Sky Sport Austria erreichte er jüngst einen Topspeed von 36 km/h, es gibt nicht viele Profifußballer, die schneller sind. Arjen Robben, Kylian Mbappé, Ausnahmeathleten.

September dieses Jahres, österreichische Bundesliga, Salzburg gegen Hartberg. Håland bereitet einen Treffer vor, indem er mit einem Lauf aus der Tiefe die gesamte gegnerische Hintermannschaft abhängt, und als er links im Strafraum an den Ball gelangt, hebt er den Kopf, ehe er den Querpass spielt. Es mag ein Detail sein, aber es ist wichtig bei der Bewertung physisch starker Talente. Am Gegner vorbei kommen viele; die Kunst liegt darin, zugleich den Überblick über Mit- und Gegenspieler zu bewahren.

Drei Tore gelingen ihm in diesem Spiel selbst, eines davon per Hackentrick, zwei weitere bereitet er vor, Salzburg gewinnt 7:2, im Stadion sind keine 9000 Zuschauer.

Seine RB-Bilanz aus der Vorsaison: fünf Einsätze, ein Tor

Der Fall Håland ist auch deshalb so faszinierend, weil er plötzlich einfach da war. Noch in der vergangenen Saison war der Stürmer bei RB fast außen vor, nach seiner Ankunft im Winter schaffte er es kaum in den Kader. Seine Bilanz: fünf Einsätze, ein Tor. Nun trifft er, wie er will.

Es gibt diese Momente in seinem Spiel, in denen er in den Vollkontakt geht. Mit Liverpools Abräumer Fabinho beharkte er sich kürzlich in der Champions League teils heftig und behielt die Oberhand, gegen Genk prallte ein gegnerischer Verteidiger im Laufduell von ihm ab und stürzte. Håland blieb stehen, wie ein Baum.

Aber das ist nur der eine Håland. Der andere bewegt sich intelligent über den Platz und vermeidet Zweikämpfe, wenn es geht. Die Ursache dafür liegt in seiner Kindheit.

"Sein Problem war lange Zeit seine Physis", sagt Tord Johnsen Salte dem SPIEGEL. Salte und Håland lernten einst gemeinsam im norwegischen Bryne das Spielen. Auf Fotos von damals ist zu sehen, wie schmächtig der kleine Erling war.

Links: Marcus Risa Ouff, rechts: der junge Erling Håland
Marcus Risa Ouff

Links: Marcus Risa Ouff, rechts: der junge Erling Håland

Die Mannschaft in Bryne ist stark, sie gehört zu den besten Norwegens. 40 Spieler sind im Team, 39 Jungs, ein Mädchen. Sie spielen Fußball von morgens bis abends, und sie sind talentiert. "Er war zwar immer einer der Besten. Aber er war nicht immer der Beste", sagt Marcus Risa Ouff, einer von Hålands engsten Freunden. Fünf aus der Gruppe können mittlerweile vom Fußball leben.

"Ich habe nur zehn Sekunden gebraucht, um zu sehen, dass er ein besonderer Kerl ist", sagt sein Jugendtrainer Alf-Ingve Berntsen über den fünfjährigen Håland. Später spielte er, geboren 2000, im älteren 99er-Jahrgang mit. Gegen physisch stärkere Gegner musste er sich durch Technik, Laufwege und kluge Entscheidungen einen Vorteil verschaffen. Mit Erfolg. "Er wusste wo der Ball hingeht, er wusste wo das Tor steht. Er war schon immer wahnsinnig clever", sagt Ex-Mitspieler Salte.

Als Håland später wuchs und Muskeln zulegte, hatte er auf einmal beides: den Körper und den Kopf. Auf Bryne folgte Molde, dann entwuchs er Norwegen und wechselte Anfang des Jahres nach Salzburg.

Er schießt fast nie am Tor vorbei

Oft lässt sich beobachten, wie überlegt er sich bewegt, während sein Team über den Flügel angreift. Håland sprintet Richtung Tor, dann verzögert er seinen Lauf, während die gegnerische Abwehr weitersprintet, die Augen nicht auf Håland gerichtet, sondern auf den Ball. Dann hebt Håland die Arme. Seine Gegner haben ihn verloren, genau jetzt soll ihn sein Mitspieler finden.

Eine weitere Spezialität ist sein Lauern. Håland orientiert sich oft an der Höhe der gegnerischen Abwehrlinie und wartet auf die Chance, seinen Tempovorteil auszuspielen. Dabei hält er sich gezielt auf jener Seite des Verteidigers, die dieser nicht im Blick hat, weil er den Passgeber beobachtet.

Jugendteam in Bryne: In der vorderen Reihe ganz links sitzt Håland, hinten rechts Trainer Alf Ingve Berntsen
Alf Ingve Berntsen

Jugendteam in Bryne: In der vorderen Reihe ganz links sitzt Håland, hinten rechts Trainer Alf Ingve Berntsen

So lässt Håland viele seiner Treffer einfach aussehen. Und er entscheidet mit Bedacht, wann er den Abschluss sucht. In der Champions League haben 25 Spieler häufiger pro Spiel in Richtung Tor geschossen. Doch nur zwei brachten mehr Schüsse aufs Tor zustande als Håland. Ein Talent, das so reif wirkt bei der Auswahl der Schüsse, ist selten. Mittlerweile scheint auch RB zu klein für ihn.

Die Frage ist, wie erfolgreich Håland ist, wenn die Gegner nicht ausnahmsweise richtig gut sind, sondern Woche für Woche. Viele seiner Fähigkeiten dürften zwar auch außerhalb Österreichs funktionieren, weil sie nicht unmittelbar von der Gegnerstärke beeinflusst werden. Cleverness und Tempo würde Håland in die Premier League übertragen können.

Technisch ist Håland nicht auf dem Niveau der Allerbesten

Problematischer sind andere Bereiche. Technisch ist Håland nicht auf dem Niveau der Allerbesten. Seine Ballan- und mitnahme ist zwar oft spektakulär gut, viel besser als bei normalbegabten Kickern. Aber eben nicht immer. Das gilt noch mehr für sein Passspiel. Håland traut sich anspruchsvollste Pässe zu, er sucht das Kombinationsspiel, aber ihm unterlaufen dabei Fehler, ihm fehlt die Konstanz der Superstars, mit denen man ihn allmählich vergleicht.

Das alles ist normal für einen 19-Jährigen und gerade in Salzburg auch nicht weiter schlimm. Aber in Barcelona oder der Premier League? Womöglich geht Håland auch einen Zwischenschritt nach Leipzig, der Bundesligist liege ganz gut im Rennen, heißt es, die Verbindung zwischen den beiden RB-Klubs dürfte dabei keine geringe Rolle spielen. Mittelfristig zieht es Håland aber auf die Insel.

Dort könnte er dann seinen beiden Vorbildern nacheifern. Eines davon ist Zlatan Ibrahimovic, das andere ist ungewöhnlicher: Michu, der von 2012 bis 2015 bei Swansea City unter Vertrag stand. Ein einziges Länderspiel hat er für Spanien absolviert, keiner also, den Kinder als Poster im Zimmer hängen haben dürften. Hålands Begeisterung, so erzählt es Freund Ouff, sei sogar so weit gegangen, dass er Fußballschuhe mit "Michu"-Aufschrift trug. Zum Fan wurde Håland, als Michu 2012 für Swansea 13 Hinrundentreffer gelangen. Danach aber traf Michu seltener, der Hype um ihn flachte ab.

Es ist nicht sicher, ob aus Håland ein sehr guter Fußballer wird oder einer der weltbesten. Aber eines scheint gewiss. Ein Schicksal wie Michu wird ihn nicht ereilen.

Mehr zum Thema


insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
LariFariMogelzahn 27.11.2019
1. Fehlt da eine Information?
Wenn ich von 26 Toren und 6 Torvorlagen ausgehe, und dann 18 Einsätze (a 90 min) dagegenrechne, dann komme ich auf 1,77 Torbeteiligungen pro Spiel (90 min) und nicht 2,3 (32 Tore/Vorlagen geteilt durch die 18 Spiele). Natürlich kann man jetzt sagen dass er ja auch ein- und ausgewechselt wurde, und daher die Einsatzminuten nicht immer 90 Minuten pro Spiel entsprechen, aber dann macht die Nennung der Einsätze keinen Sinn. Zumindest nicht die Verknüpfung mit den Scorerpunkten zur Berechnung des Durchschnitts. Dann hätte man lieber gleich die Einsatzminuten genannt, damit das auch nachvollziehbar ist.
dietmr 27.11.2019
2. Nun ...
Zitat von LariFariMogelzahnWenn ich von 26 Toren und 6 Torvorlagen ausgehe, und dann 18 Einsätze (a 90 min) dagegenrechne, dann komme ich auf 1,77 Torbeteiligungen pro Spiel (90 min) und nicht 2,3 (32 Tore/Vorlagen geteilt durch die 18 Spiele). Natürlich kann man jetzt sagen dass er ja auch ein- und ausgewechselt wurde, und daher die Einsatzminuten nicht immer 90 Minuten pro Spiel entsprechen, aber dann macht die Nennung der Einsätze keinen Sinn. Zumindest nicht die Verknüpfung mit den Scorerpunkten zur Berechnung des Durchschnitts. Dann hätte man lieber gleich die Einsatzminuten genannt, damit das auch nachvollziehbar ist.
... ist es sicherlich bedauerlich, dass der Text da nicht klarer ist. Wenn es aber von einer Aussage zwei mögliche Deutungen gibt, und eine davon Unsinn ist, die andere dagegen einen Sinn ergibt, dann dürfen Sie ruhig unterstellen, dass letztere zutreffend ist.
ru2014 04.12.2019
3. Artikiel macht Lust auf Fußball
Ich möchte garn nicht auf den Inhalt eingehen usw. Hervorheben möchte ich den sehr guten Schreibstil über einen vielleicht kommenden Weltfußballer. Solche Beiträge machen einfach nur Lust und Laune beim Lesen und könnten auch einen Nicht-Fußballer animieren, sich mit Fußball zu beschäftigen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.