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Fotostrecke: Der Mann mit dem Silberscheitel

Foto: Horst Ossinger/ dpa

Sportschau-Legende Huberty wird 90 "Halten Sie Papier und Bleistift bereit"

Mister Sportschau feiert Geburtstag. Ernst Huberty wird 90 Jahre alt. Ein guter Anlass, sich wehmütig an Cordsakkos, Postkarten und den "Galopper des Jahres" zu erinnern.

Es gab mal eine Zeit im Fußball, in der "der nachfolgende Eckball nichts einbrachte", in der "Stürmer sträflich ungedeckt waren" und in der "der Ball über den Schlappen rutschte". Manchmal rutschte er auch über den Scheitel. Scheitel ist das Stichwort. Ernst Huberty wird am Mittwoch 90 Jahre alt.

Ernst Huberty, der Mann mit dem "Betonscheitel" (Süddeutsche Zeitung), der Mann, der wie kein Anderer für die gute, alte Sportschau steht. Die Sportschau, in der Bundesliga-Berichterstattung in den siebziger Jahren bedeutete, dass die Redaktion im Vorfeld drei Spiele auswählte, über die dann in der Sendung in Bild und Ton berichtet wurde. Unvergessen der Spannungsmoment, wenn Huberty die drei Fußbälle aus der Studiodekoration umdrehte und dann sichtbar wurde, für welche Spiele man sich diesmal entschieden hatte.

Meistens waren es genau die Partien, die dann vorzugsweise im Duisburger Wedaustadion 0:0 ausgingen, während gleichzeitig auf dem Betzenberg sieben Tore gefallen waren. Worüber die Zuschauer leider nur mit einer dürren von Huberty maximal emotionsfrei vorgelesenen Agenturmeldung Kenntnis bekamen.

Überblick über die Moderatoren per Strichliste

Mein Bruder und ich saßen als Kinder Samstag für Samstag um 17.48 Uhr vor dem ersten Buntfernseher der Familie, in der Hand einen Kugelschreiber und ein weißes Blatt - "Halten Sie Papier und Bleistift bereit" - , in der wir per Strichlisten exakt Buch führten, welcher Moderator wie oft die Sportschau moderieren durfte. Huberty führte die Liste regelmäßig an, für Huberty war das Wort Moderator quasi erfunden worden, moderatus, lateinisch: gemäßigt, maßvoll. Huberty verlor nie die Ruhe, selbst in der Hitze von Mexiko-City nicht, als Italien und Deutschland sich 1970 im WM-Halbfinale das Jahrhundertspiel lieferten und er das Wort ausgerechnet in die Sportberichterstattung einführte. Ausgerechnet Schnellinger.

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Heute wird jeder Torschuss von Wolff Fuss und Konsorten zum Event stilisiert, früher sagte Huberty lediglich: "Wohin der Ball ging, Sie sahen es." Und man fragt sich, was daran altmodisch sein soll. Huberty war Distanz, und Distanz ist eine sportjournalistische Tugend.

Die gute alte Sportschau, das ist fast schon ein feststehender Ausdruck, man sollte es in einem Wort schreiben. diegutealtesportschau. Wenn Wolfhard Kuhlins in einem kanariengelbem Hemd unter dem Cordsakko zur DFB-Pokalauslosung aus dem Studio des Hessischen Rundfunks zugeschaltet wurde, neben ihm schnappatmend der DFB-Beauftragte Walter Baresel, wenn Adi Furler den Galopper des Jahres präsentierte ("Acatenango aus dem Gestüt Fährhof" oder vielleicht doch "Mondrian"), wenn Holger Obermann mit seinem stets melancholischen Blick den Gewinner von zwei mal drei Eintrittskarten für ein Bundesligaspiel aus dem ausgekippten Haufen von Postkarten an die Redaktion herauszog, dann knisterte im Hintergrund das Herdfeuer des deutschen Fernsehpublikums. Wer die Sportschau nicht gesehen hatte, musste am Montag eigentlich gar nicht erst in die Schule kommen.

Rauschenbach, der Meister des Altherrenhumors

Was für eine alte Garde, durchweg Männer natürlich, was sonst? Klaus Schwarze mit seinen Dackelfalten, der NDR-Mann Peter Jensen, dem die ZEIT einst "den Sprachwitz eines AOK-Schreibens" attestierte, Wilfried Luchtenberg, der beim Kommentieren von Fußballspielen in bisher ganz unbekannte Dimensionen der Emotionslosigkeit vorstieß, der Golfspieler Fritz Klein, über dessen zutreffenden Nachnamen man viele Witze hätte machen können, wenn man damals nicht viel zu höflich dafür gewesen wäre, Eberhard Stanjek vom Bayerischen Rundfunk, unverdächtig, dem FC Bayern München fern zu stehen, der smarte Saarländer Werner Zimmer, der für einen Sportreporter eigentlich zu gut aussah - und neben und über ihnen allen Hans-Joachim Rauschenbach, seines Zeichens Experte für die naheliegende Kombination Eiskunstlauf, Boxen und Formationstanz. Rauschenbach, der Großmeister des Altherrenhumors. Ein Rauschenbach-Klassiker: "Mit Preisrichtern ist es wie mit Pilzen: Auf einen guten kommen zehn schlechte." Oder: "Das Nettogewicht einer Dame kann man erst ermessen, wenn sie ihr Makeup abgetragen hat". Es war nicht alles besser früher.

Mein Liebling war allerdings Manfred Vorderwülbecke, er war der Ski-Fachmann, was man seinem frischen Teint auch jederzeit ansah. Vorderwülbecke schickte die Skispringer bei jeder Übertragung "über den Bakken", bei Abfahrtsrennen verschätze er sich regelmäßig bei der Zwischenzeit, "hui, der ist richtig schnell unterwegs, das könnte eine neue Zwischenbestzeit geben, nein, doch zwei Sekunden Rückstand, da hat er viel Zeit verloren". Später brachte er eine Schallplatte über Skigymnastik mit Rosi Mittermaier und Max Greger heraus. Reporter-Karrieren.

Skigymnastik, so etwas hätte Huberty nie gemacht. Der Scheitel hätte verrutschen können.

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