Ersatz für gesperrten Jungstar Wer macht den Müller?

Traumhafter Turnierspieler, Torschütze - Pechvogel: Mit Thomas Müller fehlt Deutschland im Halbfinale gegen Spanien einer der wichtigsten Akteure. Doch Joachim Löw ist entspannt - er hat Alternativen. Der Umgang mit dem Ausfall zeigt, wie die deutsche Mannschaft sich verändert hat.

dpa

Aus Pretoria berichtet


Erst war er die Überraschung, als er gegen Australien in der Startelf stand. Dann war er der Wiedergänger von Gerd Müller, als er mit der Nummer 13 auf dem Rücken aus der Drehung traf. Er schoss zwei Tore gegen England und wurde von der britischen Presse gefeiert. Er war als bester Scorer mit vier Treffern und drei Vorlagen auf dem Weg, der herausragende junge WM-Spieler zu werden. Thomas Müller, 20, hat viele positive Rollen gespielt in den vergangenen Wochen. Ausgerechnet jetzt ist es die des Pechvogels.

Im Viertelfinale gegen Argentinien sprang ihm der Ball aus kürzester Entfernung an die Hand, Müllers einziges Vergehen war, den Oberkörper ein wenig in Richtung des Balles zu drehen.

Die Folge war die zweite Gelbe Karte und eine Sperre fürs Halbfinale gegen Spanien (Mittwoch, 20.30, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Ein persönliches Drama für Müller. "Ich hoffe, dass meine Kollegen im Halbfinale alles richtig machen, dann kann ich vielleicht im Finale wieder ein Tor machen", sagte der Bayern-Profi.

Die Frage ist, ob die deutsche Mannschaft mit dem Ausfall ähnlich abgeklärt umgehen kann wie Müller.

Es muss ja nicht irgendwer ersetzt werden. Müller war eine ungeheure Inspiration für das Team, schnell, laufbereit, anspielbar, selbstlos, zweikampfstark. Er verkörperte von allen vielleicht am besten eine der wichtigsten Stärken der Jugend - ihre Unbekümmertheit. Vor dem Tor ist dieser Müller ohnehin ein Phänomen.

"Da muss halt ein anderer ran"

"Wir haben Spieler, die Thomas Müller ersetzen können - und das werden wir auch schaffen", sagte Joachim Löw nach dem Argentinien-Spiel. Der Satz folgte auf eine lange Müller-Eloge, der Satz hing hinten dran und wirkte sehr kurz. Aber er wirkte überhaupt nicht wie eine Durchhalteparole. "Das ist natürlich ein Ausfall, weil er ein super Turnier gespielt hat. Aber da muss halt ein anderer ran", sagte Lukas Podolski.

Die Situation erinnert an die WM vor vier Jahren, als Torsten Frings für das Halbfinale gesperrt war. Frings war für die Mannschaft damals so wichtig wie Müller heute - nur der Umgang mit dem Ausfall ist diesmal ein anderer. Gelassener. Er zeigt das gewachsene Selbstbewusstsein dieses Teams. Das speist sich nicht nur aus den guten Ergebnissen sondern auch aus der Breite des Kaders und der WM-Vorbereitung. Die Botschaft ist: Wer in der Lage ist, die Verletzungen von Simon Rolfes, Michael Ballack, Christian Träsch und Heiko Westermann zu kompensieren, kann auch Müllers Fehlen verkraften.

Und tatsächlich: Es gibt zwei Alternativen, die nicht wirken wie eine schlechte Kopie des Originals. Ihre eigenen Stärken können gegen Spanien ebenso viel Einfluss auf das deutsche Spiel haben wie die Müllers.

Die erste Alternative heißt Toni Kroos. Es ist vielleicht die größte Tragik, dass der Talentierteste im deutschen Kader bisher so wenig Zeit bekam, sein Können zu zeigen. Kroos sollte eigentlich Khedira oder Schweinsteiger im defensiven Mittelfeld ersetzen, falls einer der beiden ausgefallen wäre. Dabei ist Kroos kein Sechser, aber er ist der Einzige, der aufgrund seiner seltenen Begabung diese Position ebenso gut ausfüllen kann wie eine offensive.

Kroos bringt Gefahr bei Freistößen

Gegen Spanien könnte er erstmals von Beginn an als Rechtsaußen eine Chance bekommen. Kroos ist nicht so schnell wie Müller, aber ungemein ballsicher. Eine Eigenschaft, die gegen den Europameister wertvoll ist wie Gold. Zudem ist Kroos eine Waffe bei Standardsituationen. Er bringt Gefahr bei Freistößen und Präzision bei Ecken - wenn es bisher etwas zu bemäkeln gab im deutschen Spiel, dann den Umgang mit ruhenden Bällen. Kroos hat in Leverkusen neun Tore erzielt und 13 vorbereitet.

Joachim Löw hat seine Sympathien für diese Variante schon zum Ausdruck gebracht - gegen Spanien tendiere er zu Kroos oder Cacau, "aber Cacau ist noch verletzt". Cacau kam toll in die WM, traf gegen Australien (4:0) und vertrat Miroslav Klose gegen Ghana. Dann fiel er erst mit einer Bauchmuskelzerrung aus und später mit einer Wirbelblockade. Wird Cacau fit, könnte er Spaniens Linksverteidiger Joan Capdevila mit seiner Schnelligkeit vor Probleme stellen. Cacau ist laufstark wie Müller und sich auch nicht zu schade, am eigenen Strafraum zu schuften. Leider ist es mit seinen Flanken nicht zum Besten bestellt.

Ob Kroos oder Cacau - sie wären Ersatz für ein einziges Spiel. Denn wenn es nach Thomas Müller geht, könnte ein mögliches WM-Finale gegen Holland für ihn eine weitere Rolle vorsehen. Die des Siegtorschützen.

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Gebetsmühle 04.07.2010
1. ja
Zitat von sysop4:1 gegen England, 4:0 gegen Argentinien: Die deutsche Elf spielt begeisternden Fußball. Worin liegt der Erfolg - und kann das Team den WM-Titel holen?
erfrischender mutiger fussball aus einer stabilen abwehr. hohe laufbereitschaft, fittness und teamgeist. das reicht dann auch schon. wenn dann noch gute taktik und ballsicherheit dazu kommt, dann kann es nur noch lauten: deutschland wird weltmeister. falls nicht, dann muß der gegner schon verdammt gut sein an dem tag.
Rainer Daeschler, 04.07.2010
2.
Zitat von sysop4:1 gegen England, 4:0 gegen Argentinien: Die deutsche Elf spielt begeisternden Fußball. Worin liegt der Erfolg - und kann das Team den WM-Titel holen?
Um diese Frage zu beantworten, macht man Endspiele.
Sebastian Mellmann 04.07.2010
3.
Der Erfolg begründet sich mit einer unglaublich guten Teamleistung. Chancen auf den Titel haben wir auf jeden Fall, man sollte jedoch Spanien nicht unterschätzen, auch wenn sie sich gegen Paraguay schwer getan haben. Egal, wie es nun kommt, die Mannschaft hat gezeigt, dass sie auf sehr hohem Niveau spielen können und zuschauen einfach nur Spaß macht! Weiter so ;-)
wika 04.07.2010
4. Kruzifix … klar doch … weg mit den Zweiflern
Klar doch … Weltmeister … aber es ist nur den Bayern zu danken, weil die *an den Fußballgott glauben* (http://qpress.de/2010/07/03/bayern-glauben-an-fusball/) und dafür auch die Glocken schon mal etwas heftiger bimmeln lassen. Man sollte dich diese Zuversicht doch nicht in Frage stellen, denn die Mannschaft braucht ungeteilte Sinne und Daumen … in diesem Sinne, machen wir's klar … (°!°)
sielhamm 04.07.2010
5. Ein frühes Tor muß her.
Alle drei 4er Ergebisse wurden durch mehr oder weniger frühe Tore erreicht. Ob das gegen Spanien auch gelingt ist offen. Man kann es der Mannschaft nur wünschen. Dann wird sie auch den Europameister ausschalten. Den Nachweis, dass sie auch Rückstände aufholen kann, muss sie aber erst noch erbringen. Maradonna ist kein Trainer. Der begnadete Motivator hat seiner Mannschaft kein Konzept und keine Struktur mitgegeben. Außerdem schien sie konditionell nicht annähernd auf dem Niveau der deutschen Elf zu sein. Keine Mannschaft ist im Achtel- und Viertelfinale so viele Kilomter gelaufen. Mit 20-25 hat man einfach mehr ausdauernde Luft als mit 25- über 30. Ich glaube auch nicht mehr, dass Ballack mit seinen bald 34 Jahren noch in diese Mannschaft passt. Für die nächste WM braucht man eigentlich nur einen Ersatz aus Altersgründen für Friedrich und Klose. Herrliche Fußballzeiten stehen den Deutschen bevor.
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