Euro 2000 Das perfekte Spiel

Dass Italien und Frankreich im Finale der Fußball-Europameisterschaft stehen, hat einen logischen Grund. Unter den insgesamt 16 Teams der Endrunde sind sie diejenigen, die über die mit Abstand beste mannschaftliche Organisation verfügen. Eine Bilanz.

Von Katrin Weber-Klüver


Der Dirigent des Catenaccio 2000: Alessandro Nesta
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Der Dirigent des Catenaccio 2000: Alessandro Nesta

Am Abend des 28. Juni konnte man im Brüsseler König-Baudouin-Stadion zwei Mannschaften zusehen, die seit 110 Minuten Fußball spielten. Auf der einen Seite standen die Portugiesen. Ihre Anfangseuphorie war längst erschöpft und sie waren frustriert. Auch Luis Figo, der Lenker, der nurmehr den Bällen hinterher sah. Auf der anderen Seite aber standen die Franzosen immer noch Mann für Mann so, wie es ihr System verlangte: Keiner war ermattet, keiner fahrlässig, keiner übermütig. Es war, als wäre Konzentration auch nach fast zwei Stunden Spielzeit ein leichtes.

Also gewannen die Franzosen dieses Halbfinale der Europameisterschaft genauso wie die nötigen Spiele zuvor: weil ihre Ordnung in Mittelfeld und Angriff zwar variiert, aber nie aufgegeben wird.

Am Tag darauf spielten in Amsterdam erst elf, dann zehn Italiener ein Halbfinale, das darauf ausgerichtet war, die 120 Minuten bis zum Elfmeterschießen zu überstehen. Die Zusammensetzung der zwei Verteidigungsreihen veränderte sich mit dem Platzverweis, nichts aber konnte die Ordnung an sich erschüttern. Gegner Holland, vor allem der kraftvolle Edgar Davids im Mittelfeld, rannte wütend dagegen an, wurde am Ende jedoch von der systematischen Destruktion der Italiener geschlagen.

Das EM-Finale in Rotterdam ist so gesehen logisch: Es treffen die Teams aufeinander, die mit Abstand am besten organisiert sind. Sie sind das Gegenteil der deutschen, türkischen oder dänischen Formationen, bei denen es allenfalls zu ein paar gelungenen Momenten reichte. Bei Türken und Dänen dank des Willens, etwas gegen favorisierte Gegner auszurichten.

Am besten gelang dieser Kraftakt allerdings den Slowenen, die die Rolle des großen kleinen Außenseiters begeistert annahmen und nur ein Spiel verloren. Den Gegenpart der bösen Buben spielten die Jugoslawen, die in jedem Gruppenspiel einen Platzverweis kassierten. Als sie es artig versuchten, gingen sie gegen Holland unter.

Die Dänen verloren alle Spiele und waren ohne Torerfolg noch schlechter als die Deutschen. Die ähnlich chaotischen Türken profitierten kurzzeitig von Stürmer Hakan Sükür, der zwar am Spiel an sich nie teilnimmt, in lichten Momenten aber doch die Tore schießt. Das machte Belgien zum ersten Gastgeber einer EM, der die Gruppenspiele nicht überstand.

Ausfälle in Anwesenheit auf dem Platz konnte sich keine Mannschaft lange leisten. Die Portugiesen hatten daher im Viertelfinale leichtes Spiel mit den Türken, ebenso wie die Italiener mit den Rumänen, bei denen Hagi in seiner Egozentrik ähnlich störte wie Matthäus andernorts.

Es gab auch Teams mit vielen guten Spielern, die keine guten Mannschaften waren. Vor allem die Spanier, die nach ihrer langen Liga- und die Champions-League-Saison ausgelaugt angereist waren. Und es gab eine Mannschaft, die bei anderer Gruppenauslosung das Zeug fürs Halbfinale gehabt hätte. Tschechien aber musste sich mit Frankreich und Holland messen. Die einen waren zu gut, die anderen hatten Glück, durch einen Foulelfmeter gegen eine Elf zu gewinnen, deren Offensivspiel mit Pavel Nedved leidenschaftlich schön war. An guten Tagen haben auch Holland oder Portugal dank eines weiträumigen, schnellen Spiels Fußballpassion zugleich erfolgreich präsentiert. Aber sie alle hatten auch weniger gute Tage. Die beiden Finalisten nicht.

Der Streit der Fußballschulen

Ihr Aufeinandertreffen ist nun ein Streit der Fußballschulen. Das französische Spiel ist inzwischen komplett, denn im Gegensatz zur gewonnenen WM ist es, dank seiner jungen Stürmer Henry, Anelka, Wiltord oder Trezeguet nun auch offensiv hervorragend. Und das ist natürlich keine Systemfrage, sondern eine des Personals. Zinedine Zidane ist der Mann, der das Geschehen lenkt, der es sich erkämpft, wenn es sein muss, und der es mit atemberaubender Technik und Ideenreichtum in offensive Bahnen lenkt. Zidane macht den Unterschied.

Der Protagonist des italienischen Spiels ist logischer Weise Alessandro Nesta, der Abwehrchef. Er brachte im Halbfinale Patrick Kluivert, den zusammen mit dem Jugoslawen Savo Milosevic erfolgreichsten Torschützen des Turniers, durch unerbittliche Überlegenheit zur Verzweiflung. Nun muss Nesta seine Abwehr gegen Frankreichs jungen Sturm behaupten, während auf der anderen Seite Zidane zeigen muss, dass ihm gegen eine Mannschaft mit neun defensiven Spielern Geniales einfällt. Und dass er und seine Mitspieler sich nicht in die Falle locken lassen, in einen Konter des römischen Stürmerpaars Totti und Inzaghi zu laufen.

Natürlich machen auch Mannschaften, die sich dank vieler ausgezeichneter und zweier überragender Spieler der Perfektion ihrer Systeme annähern, Fehler. Frankreich ist so wenig wie Italien ohne Fehlpässe und Gegentore durch das Turnier gekommen. Die Mannschaft von Roger Lemerre wäre vielleicht unsicher geworden, wäre Portugal konzentrierter gewesen, Italien hätte gegen Holland nie und nimmer gewonnen, hätten die Gastgeber nur einmal die Nerven gehabt, einen Foulelfmeter zu verwandeln. Aber so ist es nicht gewesen.

Hinterher kann man das alles erklären, so oder so. Vor einem Spiel indes kann man nur Vermutungen anstellen. Oder Hoffnungen haben. Bei diesem Finale ist ersteres schwer, letzteres einfach. Niemand außer den Italienern kann sich wünschen, dass der Catenaccio 2000 als Sieger aus einem Turnier hervorgeht, das spielerisch so herausragend war. Aber Fußball ist kein Wunschkonzert. Auch jenseits von Deutschland nicht.



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