Euro 2000 "Goldener Zizou" schießt Frankreich ins Finale

Nach einem hochklassigen Halbfinale ist Frankreich ins Finale der Fußball-EM eingezogen. Die Entscheidung gegen Portugal fiel durch "Golden Goal": In der Nachspielzeit verwandelte Frankreichs Superstar Zinedine Zidane einen Handelfmeter.


Torwart Barthez bedankt sich bei Golden-Goal-Schütze Zidane
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Torwart Barthez bedankt sich bei Golden-Goal-Schütze Zidane

Brüssel - Das Häuflein deutscher Fans sollte Recht behalten. Vor dem Anpfiff entrollten sie in der von den portugiesischen Fans belegten Kurve des König-Baudouin-Stadions ein Transparent, auf dem zu lesen stand: "Das ist Fußball, lieber DFB". Und davon sollten der Deutsche Fußball-Bund, die 48.000 Zuschauer in der Brüsseler Arena und die Millionen vor dem Bildschirm im Halbfinale der Fußball-Europameisterschaft zwischen Portugal und Frankreich am Mittwochabend jede Menge zu sehen bekommen.

In einem Spiel, das eigentlich keinen Sieger verdient gehabt hätte, bedurfte es eines durch den besten Akteur des Abends verwandelten Handelfmeters in der Nachspielzeit, um Frankreich als Sieger vom Platz gehen und als ersten Teilnehmer ins Finale der Euro 2000 am kommenden Sonntag ziehen zu lassen. In der 117. Minute lief Zinedine Zidane gegen Vitor Baia im portugiesischen Tor an und zirkelte den Ball in die linke obere Ecke zum 2:1-Endstand. Zuvor hatte Frankreichs Stürmer Thierry Henry (51.) die portugiesische Führung durch den vierten Turnier-Treffer von Nuno Gomes (19.) ausgeglichen.

Im Anschluss an die umstrittene Strafstoßentscheidung des österreichischen Schiedsrichters Günter Benkö in der 27. Minute der Verlängerung nach einer Hand-Parade von Abel Xavier gegen den Schuss von Sylvain Wiltord wurde der Portugiese Nuno Gomes (Rot) wegen Reklamierens vom Platz gestellt.

Deutsche Fans zeigen Flagge in Brüssel
DPA

Deutsche Fans zeigen Flagge in Brüssel

"Ich weiß nicht, ob es ein Elfmeter war. Für mich war es unglaublich schwierig, ihn zu schießen, nachdem vorher minutenlang diskutiert wurde", sagte Zidane nach seinem "Golden Goal". "Es war sehr schwer für uns. Auch Portugal hätte jederzeit den K.o.-Treffer erzielen können. Ich bin froh, dass es uns gelungen ist. Am Sonntag wird es noch schwerer." Da wartet der Sieger des zweiten Semifinals zwischen Co-Gastgeber Holland und Italien, das am Donnerstag (18 Uhr im Live-Ticker bei SPIEGEL ONLINE) in Amsterdam ausgetragen wird.

Das Halbfinal-Duell der beiden spielstarken Mannschaften war spannend und dramatisch, auch wenn von den Superstars Zidane und Figo über weite Strecken des Spiels nicht die erwartete große Inspiration ausging. Die Nummer 10 der Franzosen, von Vidigal und Costinha auf Schritt und Tritt verfolgt, bemühte sich lange Zeit vergeblich um Impulse und machte vor allem bei Standardsituationen auf sich aufmerksam. Erst als sich Zidane im zweiten Spielabschnitt der Bewachung mehr und mehr entziehen konnte, blitzte seine Genialität auf. Auch Portugals Regisseur Figo blieb zunächst hinter seinen Möglichkeiten zurück und wurde erst nach der Pause von seinen Teamkollegen häufiger als Anspielstation gesucht.

Figo (v.) im Duell mit dem Franzosen Petit
DPA

Figo (v.) im Duell mit dem Franzosen Petit

Ausgerechnet Didier Deschamps brachte die "Blauen" durch eine Unaufmerksamkeit ins Hintertreffen. In seinem 100. Länderspiel ließ sich der französische Kapitän den Ball vor dem eigenen Strafraum von Conceicao abluchsen, der sofort zu Gomes weiter leitete. Gegen dessen präzisen Schlenzer aus 18 Metern hatte Fabien Barthez keine Chance. An seinem 29. Geburtstag musste der bisher nur durch zwei Elfmeter bezwungene Schlussmann der "Equipe tricolore" das erste Feldtor des Turniers hinnehmen. Gomes' Treffer stellte den Spielverlauf förmlich auf den Kopf, denn in der Anfangsphase hatten die Franzosen die druckvollere und aggressivere Mannschaft gestellt, die den Südeuropäern im Mittelfeld kaum Platz zum Kombinieren ließ.

Sechs Minuten nach der Pause brachte Henry Frankreich mit seinem dritten Turnier-Treffer wieder zurück ins Spiel. Der 22-Jährige von Arsenal London verwertete einen Rückpass seines Stürmerkollegen Anelka und brachte den Portugiesen das erste Gegentor bei der Euro nach 393 Spielminuten bei. Der Ausgleich verlieh dem Weltmeister den lange Zeit vermissten Rückenwind. In der 71. Minute verfehlte Anelka im Hechtsprung eine Zidane-Flanke. Anschließend lenkte Portugals Schlussmann Vitor Baia einen knallharten 16 Meter-Schuss des nach seiner Knieverletzung wiedergenesenen Emmanuel Petit mit den Fingerspitzen um den Pfosten (76.). Aber auch die Südeuropäer besaßen weiter Chancen: Vier Minuten vor dem Ende verpasste Joao Pinto das mögliche 2:1. In der 90. Minute zwang Verteidiger Abel Xavier Barthez per Kopfball zu einer Glanzparade.



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